Jahrgang 
2 (1879)
Seite
670
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670 Concordia.

richtete ſie mit ſeltſamem Ausdruck auf das Geſicht des Kapitäns.

Herr, Ihr ſeid zwar der Feind meines Vaterlandes, aber Ihr habt noch Euer Gefühl für das Unglück Anderer bewahrt, begann er endlich, indem er nach je drei bis vier Worten inne hielt, um Luft zu ſchöpfen.Das Grabmal hier habe ich meiner verſtorbenen Gattin errichtet, dieſes Marmorbild iſt ihr Porträt, dem zu ſeiner ſprechenden Aehnlichkeit nichts fehlt, als das herrliche ſanfte Auge.

Er ſchaute mit einem unendlich liebevollen Ausdruck auf das ſteinerne Ebenbild ſeiner Gattin.

Sehen Sie, fuhr er dann fort,hier iſt der Platz für mich, neben ihr wollte ich einſt im Tode ruhen, und wenn Ihr, Herr, es wollt, ſo wird mein letzter Wunſch in Erfüllung gehen. Unter dieſer Platte iſt das Grabgewölbe, das mich aufzunehmen beſtimmt iſt, meine Uhr iſt abgelaufen.

Villard drückte dem Schloßherrn die Hand zum Zeichen, daß ſein Wille befolgt werden würde; zu ſprechen vermochte er nicht.

Aber noch Eins, Herr, noch Eins! ſagte der Edelmann faſt haſtig,laßt meinen Sohn hereinſchaffen, ich will in ſeinem Anblick ſterben und dies Grab hat Raum für uns Beide.

Der Kapitän zögerte, es war ihm offenbar nicht angenehm, noch einmal den blutgetränkten Boden, wo der Jüngling lag, zu betreten; aber dem bittenden Blick des Sterbenden ver⸗ mochte er doch nicht zu widerſtehen. Er winkte ſeinem Diener und kam bald darauf mit dem Leichnam des Erben dieſes herrlichen Edelſitzes zurück. Ein dankbares, wehmüthiges Lächeln des Vaters belohnte ihn.

Da ſchien es dem Offizier, als ob ſich der Vorhang neben dem Hochaltare bewege; er hatte ſich nicht getäuſcht, denn gleich darauf trat ein alter Mann hervor, ſchritt leiſe auf den Verwundeten zu und kniete vor ihm nieder, das Geſicht mit beiden Händen bedeckend. Es war derſelbe Alte, welcher bei der Ankunft der Franzoſen am Fenſter erſchien.

Noch einmal ſchlug der Beſitzer des Schloſſes die Augen auf, hob wie ſegnend die Hand gegen den Offizier, dann ſank das Haupt auf die Bruſt herab. Das Leben war ent⸗ flohen. Tieferſchüttert drückte der Kapitän dem edlen Spanier die Augen zu, dann verließ er langſam die Stätte des Todes, gefolgt von dem alten Manne, der weinend die Thür zur Kapelle ſchloß. Der Kapitän nahm ſich vor, dieſes Heiligthum unter allen Umſtänden vor den gierigen Händen ſeiner Sol⸗ daten zu ſchützen.

Ich ſah 2s kommen, jammerte der Alte, als ſie ſich draußen im Schloßhofe befanden;warum mußte der Graf auch hier bleiben und auf Eure Leute ſchießen?

Villard ſah ihn fragend an.

Ich bin der Kaſtellan des Schloſſes, fuhr der Greis fort,und habe den Grafen auf den Knieen gebeten, mit ſeinem Sohne das Schloß zu verlaſſen, aber er war nicht zu bewegen, dem Sitze ſeiner Ahnen den Rücken zu kehren. Nun ſind ſie Beide todt und das Schloß iſt vereinſamt und verwaiſt, es wird in Trümmer fallen und die Krähen und Eulen werden in den Ruinen ihre Wohnung aufſchlagen.

So ſind keine Erben mehr vorhanden? fragte der Kapitän.

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Der junge Herr war der Letzte ſeines Stammes, die Hoffnung des Vaters und der Liebling aller Schloßbewohner.

Unſeliges Verhängniß! flüſterte theilnahmsvoll der Offizier.

Sie waren in der Wohnung des Kaſtellans angelangt, die ſich in einem Seitenflügel befand. Der Alte blieb ſtehen.

Ihr ſeid gut gegen meinen gnädigen Herrn geweſen, ſagte er,Ihr habt ihm die letzten Augenblicke erleichtert. Möge Gott es Euch lohnen.

Wißt Ihr etwas Näheres über den Grafen? Sein trauriges Schickſal hat mir tiefes Mitleid eingeflößt.

Der Kaſtellan ſchien einen Augenblick zu überlegen. Dann ſprach er ſo raſch, als wolle er den eben gefaßten Entſchluß ſo ſchnell als möglich zur Ausführung bringen:

Wenn Ihr eintreten wollt, Herr, in meine beſcheidene Wohnung, ſollt Ihr erfahren, was ich weiß; es iſt bald erzählt.

Eine Minute ſpäter ſaßen die beiden Männer in dem Zimmer des Kaſtellans.

Ich bin mit dem Grafen Diego de Pimeno aufgewachſen, begann der Alte,wir waren von faſt gleichem Alter. Seit über vierzig Jahren bekleide ich mein jetziges Amt und habe mit der gräflichen Familie Freude und noch mehr Leid erlebt. Mein ſeliger Herr war in ſeiner Jugend ein Tollkopf; der Vater hatte ihm eine gute Erziehung geben laſſen und ihn ſpäter an die Hochſchule in Salamanca geſchickt. Von dort mußte er aber fliehen, weil er einen Studiengenoſſen aus Eiferſucht niedergeſtochen hatte. So kam er wieder nach Hauſe und wenige Wochen darauf ſtarb der alte Graf, dem Sohne ein ſehr bedeutendes Vermögen hinterlaſſend.

Dem unruhigen jungen Mann gefiel es aber nicht lange in der ländlichen Einſamkeit des väterlichen Schloſſes; er ging auf Reiſen und ich, ſein Jugendgefährte, mußte ihn begleiten. Wir durehſtreiften Frankreich, England und einen großen Theil von Deutſchland. Der ſpaniſche Geſandte an einem kleinen deutſchen Hofe war der Oheim des Grafen Diego und lud dieſen zu einem längeren Aufenthalte in der Reſidenz ein. Mein junger Herr folgte dieſer Einladung und im Herbſte kamen wir in der kleinen, aber freundlichen Haupt⸗ ſtadt des Ländchens an.

Damals, Herr, brauſte die Kriegsfurie, die jetzt Ihr Kaiſer entfeſſelt hat, noch nicht über den Erdtheil. Die Wunden, die der ſiebenjährige Krieg geſchlagen, waren ſo ziemlich wieder geheilt und an den Höfen, die wir kennen lernten, ging es luſtig zu. Graf Diego wurde durch ſeinen Oheim in die feinſten Cirkel eingeführt und war überall ein gern geſehener und beliebter Gaſt. Ich war ſein Vertrauter, und nie unter⸗ nahm er etwas von irgendwelcher Wichtigkeit, ohne vorher meinen Rath gehört zu haben.

Die Saiſon ging bereits zu Ende, und noch immer be⸗ fanden wir uns in der kleinen Reſidenz. Mein Herr hatte die Abſicht, mit dem Beginn des Frühjahrs Italien zu beſuchen und von dort zu Schiffe die Heimreiſe anzutreten; aber er kam zu keinem Entſchluſſe, als wäre er mit tauſend Banden an ſeinen jetzigen Aufenthalt gefeſſelt. Immer und immer wieder wurde die Abreiſe verſchoben, und die Bäume grünten bereits, ohne daß der Graf die geringſte Luſt bezeigte, Deutſch⸗ land zu verlaſſen. Mir war dies unerklärlich, da er noch nie

ein Geheimniß vor mir gehabt hatte; dennoch mußte dieſe

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