hr
——-—
üppigen Locken, mit funkelnden Augen und hocherhobener Rechten ſtand er da, wie ein zürnender Gott.
„Fluch und Tod den Franzoſen!“ rief er mit lauter Stimme, den Blick nach dem Herrenhauſe gewendet, in welchem erbarmungslos die Plünderer hauſten.
Da knatterte abermals eine Salve; durch das auf den Kapitän gerichtete Feuer waren die Soldaten aufmerkſam ge⸗ worden, hatten ihre Arbeit unterbrochen und ſchoſſen nunmehr aus den Fenſtern des oberen Stockwerkes auf die Spanier. Einen Augenblick wankte der Jüngling, dann ſank er hinten⸗ über. Der hohe Mann griff mit der Hand an die Bruſt, klammerte ſich krampfhaft an eine aus der Bruſtwehr hervor⸗ ragende Stange, dann brach auch er zuſammen und warf ſich auf den Körper des gefallenen Knaben. Die Uebrigen ſchienen bei dieſem Anblicke den Muth zu verlieren; ſie warfen ihre Gewehre weg, kletterten auf bereitſtehenden Leitern über die Mauer und waren gleich darauf im Parke verſchwunden. Die Soldaten ließen ſie unbehelligt; die reiche Beute in den Gemächern gab ihrer Plünderungswuth immer neue Nahrung.
Kapitän Villard rief ſeinen Diener, um mit ihm nach den Verwundeten zu ſehen und womöglich Hilfe zu bringen. Ihr trauriges Schickſal hatte ſein Mitgefühl lebhaft erregt, und er zweifelte keinen Augenblick, daß die Gefallenen der Herr des Schloſſes und ſein Sohn ſeien, die für die Ver⸗ theidigung ihres Erbes auf dem eigenen Grund und Boden geblutet hatten.
Er ſchritt auf das Gerölle und Geräthe zu, aus dem die Barrikade gebildet war, hinter welcher die tapferen Spanier kämpften.
Da lag der Jüngling, blaß und regungslos, aber in dem wunderbaren Antlitz noch der Zug von Stolz und Begeiſterung, welche ihn verklärten, als er von der Bruſtwehr herab ſeinen Fluch auf die Eindringlinge niederſchmetterte. Er war todt und das Blut hatte ſein koſtbares geſticktes Gewand überſtrömt.
Neben ihm ſaß jene hohe Geſtalt, die dem Kapitän auf⸗ gefallen war, jetzt freilich ohne jene königliche Würde, durch die er früher imponirt haben mochte. Er mar vielleicht ein angehender Sechsziger, ſein volles Haupthaar erſchien bereits ſtark mit Grau gemiſcht und ſein Kopf war auf die Bruſt geſunken. In der Rechten hielt er die Hand des Todten, die Linke hatte er mit einem weißen Tuche auf die Bruſt gepreßt, um das hervorquellende Blut zu ſtillen, was ihm nur un⸗ vollkommen gelang.
Tieferſchüttert ſtand der Kapitän vor dieſer traurigen Gruppe; die Augen des Kriegers waren zwar an Blut und Leichen gewöhnt, aber die heutigen Mordſcenen hatten ſelbſt die Nerven des ſtarken Mannes angegriffen.
Da richtete der Alte, der bis jetzt ſtumm und theilnahms⸗ los dageſeſſen zu haben ſchien, das Haupt empor und ein Blick des unbeſchreiblichſten Haſſes ſchoß auf den Offizier, als er die franzöſiſche Uniform erkannte.
„Mörder!“ hauchte er tonlos.
„Ihr thut mir unrecht,“ ſagte Villard ſanft,„ich bin un⸗ ſchuldig an dem vergoſſenen Blute, Ihr ſelbſt habt die Rache meiner Soldaten herausgefordert, und es lag nicht in meiner Macht, ſie zu verhindern, ſo gern ich auch dem entſetzlichen Morden Einhalt gethan hätte.“
„Ihr ſurecht wie ein Mann, der Gefühl beſitzt, und ſeid doch ein Franzoſe!“
Concordia.. 669
Es lag eine tiefe Bitterkeit in dieſen Worten des Ver⸗ wundeten, der, wie von heftigem Schmerz gepeinigt, das Tuch feſter an ſeine Bruſt drückte.
Der Kapitän ſah, daß hier keine Zeit zu fruchtloſen Er⸗ örterungen ſei, und er ging daher auf dieſe Aeußerung nicht weiter ein. Vielmehr bot er ihm ſeine Hilfe an und redete ihm zu, Vertrauen zu ihm zu faſſen.
Der Mann ſchüttelte trübe das Haupt.
„Mir iſt nicht mehr zu helfen,“ ſagte er,„ſelbſt wenn das Leben für mich auch noch Werth hätte.“
Er deutete auf die jugendliche Leiche, deren Hand noch immer in der ſeinigen ruhte.
„So geſtattet mir wenigſtens, daß ich Euch in ein Zimmer bringe und Eure Wunde verbinden laſſe,“ erwiderte der Offi⸗ zier, indem er ſeinen Diener zu ſich heranwinkte.
Der Verwundete ſchaute einige Minuten prüfend zu dem Kapitän empor, als könne er es nicht faſſen, daß ein fran⸗ zöſiſcher Soldat des Mitleids fähig ſei. Dann nahmen ſeine Züge eine größere Ruhe an und er ſchien nachzudenken.
„Ihr ſeid freundlich gegen mich, und in Eurem Geſichte iſt kein Falſch!“ flüſterte er endlich mit ſichtbarer Anſtrengung; „erfüllet denn die letzte Bitte eines Sterbenden, laßt mich dorthin nach der Schloßkapelle ſchaffen.“
Er deutete mit der Hand auf einen Theil des Schloſſes, der in der ganzen Bauart und durch die hohen Fenſter ſchon von außen verrieth, daß er dem bezeichneten Zwecke diente. Vorſichtig faßte Villard den Alten bei den Schultern, während ſein Diener die Füße nahm, und ſo erreichten ſie die Kapelle, wo ſie ihre Bürde ſanft auf einen Seſſel niederließen.
Villard war von der Pracht, die in der kleinen Kirche herrſchte, überraſcht. Der Hochaltar beſtand aus dem koſt⸗ barſten, reich mit Gold ausgelegten Marmor, goldene Kan⸗ delaber ſtanden auf demſelben und die Sitze für die Andächtigen waren mit blauem, ſilbergeſticktem Sammet überzogen. Eine mächtige Kuppel mit prächtigen Malereien wölbte ſich über dem Ganzen und das in der Mitte in Form einer ſtrahlenden Sonne angebrachte Fenſter von mattgeſchliffenem Glaſe milderte das grelle Licht. Das Feſſelndſte in dem kleinen Gotteshauſe aber war ein prachtvolles Grabmal in weißem Marmor und von wundervoller Arbeit; es bildete eine Art von vier Säulen getragenen Baldachins, unter welchem eine weibliche Figur in wahrhaft klaſſiſcher Ausführung lag, den Kopf in die Hand geſtützt, wie eine Schlafende. Wenn der Geſichtsausdruck, den der Künſtler dem kalten Marmor zu geben verſtand, dem Leben nachgebildet war, ſo mußte das Weſen, welches dieſes Monument darſtellte, einſt ſich nicht blos durch Schönheit und Lieblichkeit der Züge, ſondern auch durch Güte und Milde des Herzens ausgezeichnet haben.
Der Verwundete erſchien ſehr angegriffen, offenbar war der Transport nach der Kapelle die Urſache. Lange vermochte er kein Wort zu ſprechen, als ihm aber der Franzoſe etwas Wein aus ſeiner Feldflaſche eingeflößt hatte, ſchien er ſich zu erholen. Stumm reichte er dem Offizier die Hand, ſie leiſe drückend.
„Ich danke Euch!“ hauchte er kaum vernehmlich, dann ſank er wieder zurück in den Seſſel und ſchloß die Augen. Es war ein Anblick, würdig, durch den Pinſel eines Guido Reni fixirt zu werden. Eine lange Pauſe entſtand.
Endlich ſchlug der Sterbende die Augen wieder auf und


