Jahrgang 
2 (1879)
Seite
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Concordia.

heran; mit zwei Schnitten befreite er die auf den Rücken gebundenen Hände des Verurtheilten, drückte ihm das Bowie⸗ meſſer in die Hand und war ebenſo ſchnell verſchwunden, wie er gekommen war. Kaum fühlte ſich Thomas frei, als er auf kürzeſtem Wege durch das Gebüſch dem Waldesſaume zueilte, ſich auf eins der dort angebundenen Pferde ſchwang und in geſtrecktem Laufe davonjagte.

Von allen Seiten ward der Höhlenbewohner mit Fragen beſtürmt, aber nur die Worte:Gnade, Erbarmen! kamen über ſeine Lippen. Er ſchien nur dieſe beiden Ausrufe zu kennen.

Die Baptiſten jubelten, daß ſie einen Unſchuldigen ge⸗ rettet hatten, während die Presbyterianer die übermüthigen Bemerkungen ihrer Gegner ſtill und beſchämt hinnahmen.

Schon war der Zug wieder in der Stadt angelangt, ohne daß der Verbrecher zum Reden zu bewegen geweſen wäre. Da rief Einer aus der Begleitung, man möge doch Thomas veranlaſſen, mit dem Mörder zu ſprechen, dieſem werde er gewiß Rede und Antwort ſtehen.

Thomas? Ja, wo war der? Erſt jetzt fiel es den Gerichtsdienern ein, daß ſie den Verurtheilten ganz vergeſſen hatten, und vergebens ſah man ſich nach ihm um.

Er iſt fort, verſchwunden, rief es von allen Seiten.

Der Gefangene ſtieß einen Laut aus, als falle ihm eine Centnerlaſt von der Bruſt.

Fort, verſchwunden? Gott ſei Dank, er iſt gerettet, ſagte er leiſe. Dann warf er ſeinen Panamahut von ſich, riß die Binde von den Augen und ſchaute ſich mit trium⸗ phirendem Lächeln im Kreiſe um.

Ein allgemeiner Ausruf höchſten Erſtaunens folgte.

Das iſt ja Frau Thomas! riefen ein Dutzend Stimmen zugleich,ſie hat ihren Mann befreit.

Der erſte Richter trat vor.

Sie haben nach einem ſchlau angelegten Plane ge⸗ handelt, redete er die Gattin des Verurtheilten an,und

an Jonathan Harpers

dadurch Ihrem Manne zur Flucht verholfen. Sie an ſeiner Statt das Verbrechen zu ſühnen haben; im Namen des Geſetzes muß ich Sie verhaften.

Frau Thomas richtete ſich ſtolz empor, ſie ſchien einen Kopf länger geworden zu ſein.

An Euch, Ihr Frauen, wende ich mich, rief ſie mit lauter Stimme,und flehe um Schutz für mich und mein Kind. Keine Einzige iſt unter Euch, die nicht ebenſo ge⸗ handelt haben würde, die nicht gleich mir Alles aufgeboten hätte, den geliebten Gatten, deſſen Schuld nicht einmal er⸗ wieſen iſt, zu retten. Iſt's nicht ſo?

Ein Beifallsſturm erhob ſich und beſonders die Frauen nahmen entſchieden Partei für Frau Thomas. Der Richter beſchloß in Anbetracht der aufgeregten Stimmung heute nichts zu thun und ſich weitere Maßregeln in dieſer Angelegenheit vorzubehalten.

Die Gattin des Ackerbauers wurde auf freiem Fuß belaſſen und von der Menge jubelnd bis zu ihrer Wohnung begleitet. Am anderen Morgen war ſie mit ihrem Kinde ebenfalls verſchwunden. Zweifellos wußte ſie, wohin ſich ihr Mann gewendet hatte, und war dieſem gefolgt.

Wenige Wochen ſpäter gelangte ein Schreiben an den Prediger der Baptiſtengemeinde. Es war von Thomas und enthielt die Mittheilung, daß es ihm mit dem Austritt aus der katholiſchen Kirche keineswegs Ernſt geweſen ſei, und daß daß er den Uebertritt zum Baptismus nur geheuchelt habe, um den Prieſter ſicher zu machen. Er erſuchte den Geiſt⸗ lichen, ihn aus der Liſte ſeiner Gemeinde wieder zu ſtreichen.

Jetzt jubelten die Presbyterianer, die ſich über den ihren Gegnern geſpielten Streich nicht wenig freuten.

Seitdem hat man nie wieder etwas von Thomas ge⸗ hört; nur einmal hieß es im Städtchen T., er habe im fernen Texas eine neue Heimat gefunden. Ob er den Mord begangen hat, iſt nie ganz auf⸗ geklärt worden.

Das Schloß in Andaluſten.

Von Livius Schmidt. (Schluß.)

Es war nicht rathſam, dorthin zu folgen. Die Franzoſen waren mit den Wegen unbekannt und konnten leicht in einen Hinterhalt fallen, während gleichzeitig die prächtige Einrichtung des Schloſſes ſie mehr lockte, als die Verfolgung des Feindes. Alles, was transportabel und werthvoll genug war, wurde ohne Weiteres geplündert, die prächtigen Möbel und Spiegel, Marmorkannen und Statuetten, kurz Alles, was nicht fort⸗ geſchafft werden konnte, aber mit rohem Vandalismus in Trümmer geſchlagen. Dem Kapitän Villard war dieſes Treiben zuwider, er mußte aber den Soldaten ihren Willen laſſen, um ſie nicht noch mehr zu erbittern.

An die eine Seite des Herrenhauſes ſtieß ein großer Hof, der von Wirthſchaftsgebäuden und Mauern umgeben war. In dieſen trat der Kapitän mit einem anderen Offizier hinaus, um den Gräueln der Plünderung zu entgehen. Kaum hatte er aber die Schwelle überſchritten, als abermals Schüſſe krachten und den beiden Offizieren die Kugeln um die Köpfe ſauſten, ohne zu treffen. Eiligſt retirirten ſie wieder in das Gebäude zurück.

Von einem vor den feindlichen Geſchoſſen ſicheren Orte aus entdeckte jetzt Villard in einer Ecke des Hofes eine kleine Schaar von etwa acht Männern, die hinter einer Art Barri⸗ kade ſtanden, ſo daß nur ein Theil des Oberkörpers mit dem Kopfe ſichtbar war. Die Mehrzahl ſchienen der Kleidung nach herrſchaftliche Diener zu ſein, eine Geſtalt aber ragte über alle empor und fiel ſofort durch den feinen, gewählten Anzug und edle Züge und Haltung auf. An der Seite des Mannes ſtand ein Knabe von kaum fünfzehn Jahren, der ſich ebenfalls durch elegantes Aeußere, mehr aber noch durch die Schönheit und Intelligenz des Geſichts auszeichnete. Der Kapitän ſah, wie die Männer auf's Neue ihre Gewehre luden und nach dem Herrenhauſe ſpähten; offenbar waren ſie an der Flucht verhindert worden, oder hatten es verſchmäht, ihr Beſitzthum zu verlaſſen, um lieber den Tod durch Feindeshand zu ſterben.

Plötzlich ſprang der Knabe auf die Barrikade, welche dem Häuflein als Schutzwehr diente. Das Haupt umwallt von

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