Jahrgang 
2 (1879)
Seite
667
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Schon wollte ich, auf's Aeußerſte ermüdet, die wilde Jagd aufgeben, als ich bemerkte, daß der Fremde plötzlich ver⸗ ſchwunden war; als ich näher kam, ſah ich vor mir den Eingang zur Smithhöhle, Sie kennen ja die Höhle, wie ſie jedes Kind unſerer Stadt kennt; dort mußte ſich der Flüchtling verborgen haben, und ich war nunmehr meines Fanges gewiß, da die Grotte keinen Ausgang weiter beſitzt. Eben wollte ich mich vorſichtig hinein begeben, um den Ver⸗ brecher zu ergreifen, da hörte ich Ihr Klopfen an meiner Kerkerthüre, ich erwachte und war mir der ſchrecklichen Wirklichkeit bewußt. Wenn man mir nur noch bis morgen das Leben ſchenken und die Smithhöhle unterſuchen wollte, man würde dort den Mörder finden und ich bliebe meinem Weib und Kind erhalten.

Seltſam! flüſterte der Geiſtliche nachdenklich,ſehr ltſam.

Da klirrte abermals der Schlüſſel des Kerkermeiſters, zum zweiten Male erſchienen die Gerichtsdiener, banden dem Delinquenten die Hände auf den Rücken und führten ihn fort. Der Prediger aber war ſchon vor ihnen hinaus nach dem Richtplatz geeilt.

Eine tobende Menge umſtand den Galgen und das Mißvergnügen über die Verzögerung der Exekution machte ſich laut und unverhohlen Luft. Ohne Beſinnen ſtieg der Baptiſt einige Stufen der am Gerüſt lehnenden Leiter empor und willkte mit der Hand, um den Tumult zu beſchwichtigen und ſich Gehör zu verſchaffen.

Todtenſtille trat ein; Alles war auf's Höchſte geſpannt, zu vernehnnen, was der Geiſtliche dem Volke mit⸗ zutheilen habe.

Thomas iſt unſchuldig, begann er mit weithin ſchal⸗ lender Stimme,und es iſt unſere Pflicht, den drohenden Juſtizmord zu verhindern. In kurzen Worten erzählte er dann den Traum des Delinquenten und ſchloß mit der Auf⸗ forderung, die kaum eine Stunde entfernte Smithhöhle auf⸗ zuſuchen, um den wirklichen Mörder feſtzunehmen.

Mancher ſchüttelte bei der Erzählung des geiſtlichen Herrn zwar ungläubig den Kopf und nicht Wenige gaben ihrer Unzufriedenheit, daß das Schauſpiel abermals ver⸗ zögert werde, ſehr deutlich Ausdruck; die große Maſſe aber verlangte ſtürmiſch die Aufſchiebung der Hinrichtung und ſchickte ſich an, den Weg nach der Smithhöhle einzuſchlagen An der Spitze des Zuges marſchirte in Begleitung der Gerichtsdiener der Verurtheilte, welcher inzwiſchen auf die Richtſtätte gebracht worden war; lärmend und ſchreiend wälzte ſich die Menge dahin und machte erſt Halt, als ſie am Waldesſaum anlangte, der ein weiteres, geſchloſſenes Vordriugen unmöglich machte.

Da trat eine vierſchrötige Geſtalt hervor; ein ledernes Wams bedeckte den breiten Oberkörper, der von Sturm und Wetter unſcheinbar gewordene Hut ſaß keck auf dem von wildem Bart und Haar umfloſſenen Haupte, über der Schulter hing eine gute Doppelbüchſe und im Gürtel ſteckte ein mäch⸗ tiges, blankgeſchliffenes Bowiemeſſer.

Wenn wir einige Hundert Menſchen unter Toben und Brüllen nach der Smithhöhle vordringen wollen, ſchrie er mit wahrer Stentorſtimme,ſo können wir uns dieſe Mühe ſparen, denn der Vogel wird nicht ſo dumm ſein, uns in ſeinem Neſte zu erwarten, ſondern vorher ausfliegen. Ich

Concordia.

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ſchlage daher vor, zwölf Mann werden vorausgeſchickt, um

leiſe und vorſichtig die Höhle zu umſtellen; ſind wir auf dieſe Weiſe unſeres Fanges ſicher, kann meinetwegen der ganze Troß nachkommen. Ich fürchte freilich fügte er mit ſarkaſtiſchem Lächeln und hämiſchem Seitenblicke auf Thomas hinzudaß es nicht viel zu ſehen geben wird; die Herren Mörder pflegen ſich in der Regel nicht noch wochenlang am Orte ihrer That herumzutreiben.

Walker's Vorſchlag iſt gut! rief die Menge.Er ſelbſt ſoll vorausgehen und ſich noch elf geeignete Männer auswählen.

Wenige Minuten ſpäter ſchritten die Zwölf dem Dickicht zu. Faſt unhörbar, wie die Jaguare, ſchlüpften ſie durch das dichte Geſtrüpp und nahten ſich im Halbkreiſe der Höhle. Walker ſelbſt hatte dieſe Anordnung getroffen; er bezweckte damit, den Schlupfwinkel des Mörders, an deſſen Anweſen⸗ heit er freilich nicht glaubte, gleichzeitig von drei Seiten zu umſtellen, ſo daß ein Entrinnen unmöglich geweſen wäre. Je näher die Männer der Grotte kamen, um ſo vorſichtiger wurden ihre Bewegungen; kein Aeſtchen knackte, kein Zweig wurde berührt, und der dick mit verweſendem Laube und Nadeln bedeckte Boden dämpfte jeden Fußtritt.

Da wurde der Wald etwas lichter, noch wenige Schritte und die Männer ſahen ſich dem Eingange der Höhle gegen⸗ über, die kaum einen Steinwurf weit entfernt lag.

Jetzt nieder auf alle Viere, flüſterte Walker ſeinem Nebenmann zu, der es in gleicher Weiſe ſeinem Nachbar mittheilte.Wir dürfen nicht geſehen werden, das niedrige Gebüſch deckt uns.

Kaum zehn Fuß vom Eingange entfernt, ſprang Walker plötzlich auf und die Uebrigen folgten ſeinem Beiſpiele. Aber was war das? Aus der Höhle drang Ruuch hervor und deutlich ſah man am Feuer eine unheimliche Geſtalt ſitzen.

Auf einen Wink Walker's ſprangen die Männer mit an⸗ geſchlagenem Gewehr gleichzeitig auf den Eingang der Höhle zu, aber nicht viel fehlte, ſo wären dieſe rauhen, an Ge⸗ fahren aller Art gewöhnten Jäger entſetzt vor der Spuk⸗ geſtalt geflohen, die bei ihrem Anblick in die Kniee ſank und flehendlich die Hände zu den Männern emporhielt.

Es war ein ſchmächtiger Mann von kleiner Figur, der die Höhle bewohnte. Er trug gelbe Nankinghoſen, einen blauen Rock, auf dem Kopfe einen Panamahut und über dem linken Auge eine breite, ſchwarze Binde, ganz ſo, wie der

Gefangene die Geſtalt im Traume geſehen hatte. Walker und ſeine Genoſſen waren nahe daran, dies alles für ein

Blendwerk des Teufels zu halten.

Gnade, Gnade! flüſterte die Geſtalt kaum hörbar, aber noch immer in knieender Stellung.

Da drang Stimmengewirr zu den Ohren der Männer; von Neugier getrieben, waren die Volksmaſſen gefolgt, um zu ſehen, welches Reſultat die Vorausgeſchickten erzielen würden. Im Triumph führten Letztere ihnen den Höhlen⸗ bewohner zu, der von den Gerichtsdienern in Empfang ge⸗ nommen wurde. Thomas war zurückgeblieben; Niemand achtete für den Augenblick auf ihn und das ganze Intereſſe war natürlich auf den glücklich entdeckten wirklichen Mörder gerichtet.

Plötzlich huſchte ein junger Burſche zu dem Ackerbauer

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