Jahrgang 
2 (1879)
Seite
666
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666 Concordia.

Der Tag der Hinrichtung nahte heran und der Ver⸗ urtheilte bat, ihm einen Geiſtlichen zu ſchicken, um ſich auf den letzten ſchweren Gang vorzubereiten. Es war ein katholiſcher Pfarrer im Orte und der Seelſorger der Baptiſten⸗ gemeinde übernahm es daher, ihm die Tröſtungen der Religion zu ſpenden. Der würdige Geiſtliche ermahnte ihn, angeſichts des nahen Todes ſein Verbrechen einzugeſtehen, aber Thomas antwortete, daß er nichts zu geſtehen habe und reinen Ge⸗ wiſſens aus dieſer Welt ſcheide.

Mehrere Stunden blieb der Prediger bei dem Ge⸗ fangenen, und als er ihn endlich verließ, hatte er nicht blos für die Baptiſtengemeinde ein neues Mitglied gewonnen, ſondern nahm auch die Ueberzeugung mit hinweg, daß Thomas unſchuldig ſei.

Große Freude herrſchte unter den Glaubensgenoſſen des frommen Mannes, als er ihnen den Uebertritt des Ver⸗ urtheilten mittheilte, während die Presbyterianer über dieſen Sieg ihrer Gegner um ſo erbitterter waren. Sie ſuchten eine gewiſſe Befriedigung in der bevorſtehenden Hinrichtung; die Baptiſten dagegen waren gleich ihrem Seelſorger von der Unſchuld des Ackerbauers überzeugt.

Die Sonne hatte kaum den öſtlichen Himmel mit ihren purpurnen Gluthen übergoſſen, als der Baptiſtenprediger wieder die Zelle des Gefangenen betrat. In einer Stunde ſollte er zum Richtplatze geführt werden, und der Geiſtliche ermahnte ihn, dieſe kurze Spanne Zeit noch im Gebete mit ihm zuzubringen. Aber Thomas ſchien ihn kaum zu hören; aufgeregt ſchritt er in dem engen Raume auf und ab, ſeine Antworten waren zerſtreut und ließen den Seelſorger er⸗ kennen, daß ſein Schützling mit ganz anderen Dingen be⸗ ſchäftigt ſ ſen uſs mit der Vorbereitung auf ſein nahes Ende.

Die Ruhe und Sicherheit, die der Verurtheilte bewahrt hatte,

ſchien ihn g änzlich verlaſſen zu haben, und beſorgt ſchaute der fromme Mann auf den Delinquenten, deſſen Unruhe er den Regungen des ſchuldbeladenen Gewiſſens zuſchrieb. Noch einmal bot er ſeine ganze Beredtſamkeit auf, den Gefangenen zu einem Geſtändniß zu bewegen, aber nur ein ſchmerzliches Lächeln, ein unwilliges Kopfſchütteln antwortete ihm. Rath⸗ los ſtand der Geiſtliche da.

Das iſt es nicht, was mich drückt, ſagte endlich der Ackerbauer mit leidenſchaftlich bewegter Stimme.Ich habe keine Schuld an dem Verbrechen, nur noch ein Tag Auf⸗ ſchub und der wahre Mörder würde in den Händen der Gerechtigkeit ſein.

Du kennſt den Verbrecher? rief der Prediger im Tone höchſter Ueberraſchung.Warum haſt Du ihn nicht genannt und Dich dadurch gerettet?

Ich hatte keine Beweiſe für ſeine Schuld, erwiderte Thomas mit zitternder Stimme;erſt dieſe Nacht erhielt ich die Gewißheit, daß er der Mörder iſt.

Dieſe Nacht? fragte der Baptiſt,wie iſt das mög⸗ lich? Hat Jemand Zutritt zu Deiner Zelle gefunden?

Kein irdiſches Weſen hat dieſe Schwelle überſchritten, Gott ſandte mir die Beweiſe im Traum.

Der Gefangene hatte wieder ſeine frühere Zuverſicht gewonnen, der Geiſtliche aber ſah etwas ungläubig und ent⸗ täuſcht aus.

Offenbare Dich mir, mein Sohn, ſagte er endlich, wielleicht iſt noch Rettung möglich!

Entfernung zwiſchen ihm und mir verringerte ſich nur wenig.

In dieſem Augenblicke wurden draußen auf dem Kor⸗ ridor Schritte hörbar; ein Schlüſſel klirrte im Schloß und

auf der Schwelle erſchienen der Kerkermeiſter und drei Ge⸗

richtsdiener, zuholen.

Zu ſpät, vorbei, vorbei! ſtöhnte das Geſicht mit beiden Händen.

Noch nicht! rief der Geiſtliche, indem er auf die An⸗ gekommenen zuſchritt und noch eine kurze Friſt für den dem Tode Geweihten forderte.

Geht nicht! ſagte der Kerkermeiſter.Die Zeit iſt um und die Volksmaſſen draußen fangen bereits an, unruhig zu werden!

Nur noch eine Viertelſtunde, bat der Seelſorger;wo es ſich um Tod und Leben handelt, müßt Ihr dieſe Friſt

um den Verurtheilten zum letzten Gange ab⸗

Thomas und bedeckte

bewilligen.

Noch Aber keine Minute länger. Verdrießlich entfernten ſich die Beamten und warfen die

Thür krachend wieder in's Schloß.

eine Viertelſtunde, gut!

Jetzt beeile Dich, mein Sohn, die Zeit iſt uns karg zugemeſſen, drängte der Prediger, indem er den Verurtheilten neben ſich auf die harte Holzbank zog.

Seit Monaten, begann der Ackerbauer,treibt ſich in unſerer Gegend ein Mann herum, der den Kentuckyer zu ſuchen ſchien. Letzterer erzählte mir einmal, daß er aus ſeiner Heimat geflüchtet ſei, weil er einen ehemaligen Be⸗ kannten tödtlich beleidigt habe, und nun deſſen Rache fürchte. Der Fremde ſcheint der Beleidigte zu ſein, der die Spur Harpers' verfolgt und ſeinen Aufenthalt endlich entdeckt hat. Er wohnt nicht in T., hat die Stadt vielleicht auch nie be⸗ treten; vielmehr ſcheint er die Gelegenheit abgepaßt zu haben, wo er des Kentuckyers außerhalb habhaft werden könnte, um ſeine Rache zu befriedigen, was ihm au Gendlich gelungen iſt. Seitdem ich hier im Gefängniß ſchm chte, hat mich der geheimnißvolle Fremde unaufhörlich beſchäftigt; ich kaunte aber weder ſeinen Namen oder Schlupfwinkel, noch ſeine Perſon, und vermochte deshalb keinerlei Angaben über ihn zu machen. Erſt vorige Nacht ſah ich ihn im Traume und zwar mit einer ſolchen Deutlichkeit, daß ich dieſen Traum als von der Vorſchung geſandt betrachten muß.

Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hörte der Vaytiſ zu; fragen⸗ hingen ſeine Blicke an dem Munde des Erzählers, als dieſer eine kleine Pauſe eintreten ließ. ich ging hinaus auf meinen Acker, An der Stelle, wo man den Ermordeten gefunden hat, ſah ich eine große Blutlache und ein Mann in gelben Nankinghoſen, blauem Rock, großem Panamahute und breiter ſchwarzer Binde über dem linken Auge flüchtete bei meinem Nahen in den Wald. Das Blut an der Erde ließ mich ein begangenes Verbrechen vermuthen und ich folgte daher dem Manne, ſo ſchnell ich konnte, um ihn womöglich feſtzunehmen und den Gerichten zu über⸗ liefern. Durch dichtes Buſchwerk, über umgeſtürzte Bäume, durch Sumpflachen und Waſſergräben flüchtete der Fremde, ich hinter ihm; aber ſo ſehr ich mich auch anſtrengte, die

Mir träumte, fuhr der Gefangene fort.