Jahrgang 
2 (1879)
Seite
674
Einzelbild herunterladen

--

674

Concordia.

ſcheint für meine Befehle kein rechtes Ohr zu haben; ich meine auch ſo ein Stück Brotherr von Euch zu ſein. Gebt mir die Blumen da!

William Stoone maß den Sauire mit einem erſtaunten, doch keineswegs reſpektvollen Blicke.

Sie irren, Sir Burton! antwortete er dann ruhig, aber feſt,Sie ſind nicht mein Brotherr und eben ſo wenig be⸗ rechtigt, hier Blumen von mir zu verlangen!

Hollah was ſoll das heißen?! rief der Squire, vor Zorn roth im Geſichte werdend,ich glaube gar, Kerl, Du willſt mir eine Zurechtweiſung ertheilen; ich darf hier wohl dergleichen von Dir verlangen her mit den Dingern!

Sir Burton griff zugleich nach den Blumen, doch William ſtieß ſeine Hand ſehr unſanft zurück. Dieſe Hand holte ſofort zum Schlage aus, dem ſich der Gärtner jedoch entzog.

Jetzt iſt's genug! rief derſelbe, hiernach ebenfalls heftig auffahrend,noch eine Flegelei und ich helfe dem Grobian durch das Thor!

Der Squire ſtand einen Moment ganz ſtarr da. Er hatte vielleicht die Abſicht gehabt, Streit mit dem Gärtner zu ſuchen; doch daß dieſer ſo bereitwillig und ſofort, jede Schranke über⸗ ſpringend, darauf eingehen würde, hatte er nicht vorausſetzen

können.

Seine Ueberraſchung ging indeſſen ſchnell vorüber. Die ſchwere Beleidigung, welche in den Worten des Gärtners für ihn lag, ſteigerte ſeinen Zorn bis zur rückſichtsloſen Wuth. Mit einem wahrhaft thieriſchen Gebrüll ſprang er auf den Beleidiger ein und ergriff denſelben.

Sir Burton war größer, breiter und muskulöſer wie der Gärtner; außerdem mochte dieſer auch wohl zuerſt noch die in ſeinen Händen befindlichen ſeltenen Blumen vor Schaden zu bewahren ſuchen. In dem ſofort beginnenden Ringen ward Stoone daher von dem Squire zu Boden geworfen.

Doch der Gärtner war flinker und ausdauernder wie Sir Burton; er ließ die Blumen fahren und nach einigen heftigen Anſtrengungen von beiden Seiten lag der Squire unten und William Stoone oben.

Ohne ſeinen Sieg weiter zu benutzen, erhob ſich Stoone hiernach, und auch der Squire ſprang wieder vom Boden auf. Erſterer mochte wohl glauben, daß dieſer jetzt verſtändigeren Anſchauungen zugänglich geworden. Doch darin täuſchte er ſich. Sir Burton griff ihn ſofort von Neuem und zwar mit Fauſtſchlägen an. Stoone blieb ſeinem Gegner nichts ſchuldig, und ſo bearbeiteten ſich Beide, unter heftigen Ausrufen, daß ihnen der rothe Lebensſaft, Blut genannt, reichlich aus Mund und Naſe floß.

Der Lärm des Kampfes zog die Leute herbei. Das Ge⸗ ſchrei dieſer Leute alarmirte auch die Hausbewohner. Alles eilte herbei, um Zeuge der ritterlichen Uebung unſerer beiden Helden zu werden.

Lord Travells war außer ſich; Lady Anna ſchien in eine aufrecht ſtehende Leiche verwandelt zu ſein. Der Erſtere ſchrie, ſchimpfte und wies die männlichen Dienſtboten an, die Kämpfer zu trennen. Doch Niemand wagte ſich zwiſchen dieſelben, und der Kampf endete erſt, als William Stoone den Gegner durch einen geſchickt zwiſchen die Augen beigebrachten Stoß zu Boden ſtreckte.

Der ſonſt ſo ruhige, verſtändige und ſtets beſonnene Stoone war durch dieſen unangenehmen Vorfall in einen

ſolchen Zuſtand gerathen, daß er ſich nicht mehr zu beherrſchen vermochte. Sein Geſicht war, ſo weit es nicht von Blut über⸗ ſtrömt wurde, kreideweiß; ſein Auge erſchien halb erloſchen.

Morgen kaufe ich mir ein Gewehr! keuchte er mit rauhem Tone hervor,und betritt dieſer verkommene adelige Lump noch einmal den Garten, ſchieße ich ihn nieder wie einen tollen Hund!

Den Zeugen dieſer Drohung hoben ſich die Haare auf dem Haupte. William raffte ſeine Blumen auf und eilte davon tiefer in den Garten hinein.

Sir Robert Burton ward aufgehoben und in das Haus geführt, wo ihm zunächſt die für ſeinen Zuſtand nöthige Hilfe zutheil wurde. Wieder hergeſtellt, ſo weit es ſich im Augenblicke thun ließ, begab er ſich zu Lord Travells. Die beiden Herren führten längere, lebhafte Debatten, und wahr⸗ ſcheinlich erfuhr der Squire erſt jetzt, welche Stellung der Gärtner auf der Beſitzung des Lords inne hatte. Ueber den Beſchluß, welchen die Herren bei dieſer Gelegenheit faßten, iſt ſpäter nichts bekannt geworden. Sir Burton verließ nach einiger Zeit Travellshouſe, vermuthlich um ſich in Salisbury für die an jenem Orte erlittene Niederlage ſchadlos zu halten.

Lord Travells ließ an dieſem Abend vergeblich nach William Stoone ſuchen. Auch am anderen Tage, dem fünften April, vermochte er deſſelben erſt am ſpäten Nachmittage habhaft zu werden. Die Vorhaltungen, welche der Lord dem Gärtner gewiß machte, dürften ſich nicht durch große Schärfe ausgezeichnet haben. Stoone ſtand zu jener Zeit ſehr gut bei ihm angeſchrieben und war ihm ſicher mehr werth wie die Tochter. Die Letztere wünſchte er los zu ſein, weil ſie ihm Geldkoſten zu verurſachen drohte; den Gärtner wollte er feſthalten, weil es ſein Vortheil ſo gebot. Dies erklärt hinlänglich, weshalb die Unterredung, trotz der natürlichen Heftigkeit des Lords, glimpflich ablief und ſo wenig dieſer wie Stoone nach Beendigung derſelben beſonders erregt zu ſein ſchienen.

Wie wir bereits wiſſen, war William Stoone an dieſem Tage in Salisbury geweſen, um dort eine Schußwaffe zu kaufen, hatte jedoch ſchließlich an deren Stelle das ominöſe Meſſer erworben.

Es vergingen hiernach zwei Monate, bis ein neues heftiges Rencontre zwiſchen Sir Burton und William Stoone ſtattfand. Der Schauplatz deſſelben ſollte diesmal Burtonsfield ſein.

Es könnte auffallend erſcheinen, daß der Gärtner ſich nach dem Vorgefallenen noch dorthin begab. Doch hatte Stoone wohl verſchiedene Gründe dazu. Einer derſelben iſt jedenfalls in ſeinem Freundſchaftsverhältniß zu Mr. Wright und Mrs. Rogier zu ſuchen. Ein zweiter dürfte ſich in dem Umſtande finden, daß er die zur Frühjahrszeit in Burtonsfield begonnenen Gartenarbeiten nicht ſo ohne Weiteres im Stiche laſſen wollte oder konnte. Außerdem wußte er ja, daß der Squire ſich nicht um die Wirthſchaft kümmerte und der Garten für ihn gar nicht auf der Welt zu ſein ſchien. Endlich war bei einiger Vorſicht von ſeiner Seite nicht zu befürchten, daß er in Burtonsfield mit dem Squire zuſammentraf. Derſelbe erhob ſich erſt ſpät von ſeinem Lager und befand ſich Nach⸗ mittags und Abends faſt nie daheim; war es jedoch aus⸗ nahmsweiſe einmal der Fall, ſo ſchlief er unfehlbar einen ungewöhnlich ſchweren Rauſch aus und kam aus dieſem Grunde nicht zum Vorſchein.