410 Concordia.
„Natürlich nicht. Aber, was das betrifft, daß Borcel⸗End ein trauriger Ort ſein ſoll, wiſſen Sie, daß ich es niemals ſo gefunden habe.“
„Ach, Sie haben niemals hier gewohnt,“ ſagte Martin mit einem Seufzer;„und dann hatten Sie die Familie im Herrenhauſe oben, um die Nachbarſchaft für Sie zu erheitern. Dort giebt es immer Fröhlichkeit in Fülle.“
„Und wie geht es Mr. Penwyn? werden?“
„Er ſollte es ſein, denn er hat ſehr viel für die Nachbar⸗ ſchaft gethan. Sie werden die Straße zwiſchen hier und dem Herrenhauſe kaum wiedererkennen, wenn Sie darauf fahren. Aber ich glaube nicht, daß der Squire jemals ſo populär werden wird, als Mrs. Penwyn es iſt. Die Leute vergöttern ſie. Aber ſie ſcheinen die Anſicht zu haben, daß Alles, was der Squire thun mag, mehr zu ſeinem eigenen Vortheile, als zu dem ſeiner Pächter geſchehe. Und doch, Alles in Allem ge⸗ nommen, gab es hier nie einen großmüthigeren und beſſeren Herrn von Grund und Boden.“
Martin trug, während er ſprach, den kleinen Mantelſack ſeines Freundes in die Vorhalle. Nachdem er dort ſeine Laſt abgelegt, lief er zurück und ſagte dem Kutſcher, er möge ſein Pferd nach den Ställen führen und dann um das Haus nach der Küche gehen, um dort ein Nachtmahl zu erhalten. Nach⸗ dem die Pflicht der Gaſtfreundſchaft erfüllt war, öffnete Martin die Thür und ließ Maurice in das Wohnzimmer der Familie eintreten.
Hier ſaß die alte Großmutter in ihrer gewohnten Ecke, den unvermeidlichen grauen Strumpf ſtrickend, der immer unter dieſen raſchen Fingern im Fortſchreiten war. Da ſaß, in einem Armſtuhle am Feuer, mit vielen Kiſſen geſtützt, die Herrin dieſer Heimſtätte, traurig verändert, ſeit Maurice ſie zuletzt geſehen. Die ſcharfen dunklen Augen hatten noch all' ihren alten Glanz, ja, ſie leuchteten ſogar heller in der Bläſſe des eingeſchrumpften Geſichtes; die hohen Backenknochen, die viereckigen Kinnbacken traten ſchärfer hervor als früher; und die Hand, welche die Kranke Maurice entgegenſtreckte— dieſe ehrlich arbeitende Hand, die einſt rauh und braun geweſen— war jetzt weiß und dünn.
Michael Trevanard ſaß an der entgegengeſetzten Seite des Kamins, mit einer zinnernen Trinkkanne, einer Zeitung und einer langen Thonpfeife auf dem viereckigen Eichentiſche zu ſeiner Rechten. Die müßigen Herbſtabende waren ziemlich er⸗ müdend für den alten Farmer, dem dann kaum ein anderer Troſt blieb, als ein Blick in eine Zeitung der Grafſchaft, oder in eine gelegentliche Nummier der Ackerbau⸗Zeitung ‚Field“.
„Es bekümmert mich, Sie ſo krank zu ſehen, Mrs. Treva⸗ nard,“ ſagte Maurice freundlich.
„Ich hatte eine ſchlechte Zeit in dieſem Jahre, Mr. Cliſſold,“ antwortete ſie.„Viel Fieber vom Frühling an, und es ließ mir einen Huſten zurück, der mich ſeither nicht ver⸗ laſſen.“
„Ich hoffe, daß mein Kommen, während Sie unwohl ſind, Sie nicht beläſtigen wird.“
„Nein,“ antwortete Mrs. Trevanard mit einem Seufzer, „ich habe mich daran gewöhnt, die Dinge ziemlich in Ver⸗ wirrung zu ſehen, und weder Michael noch Martin ſcheinen es zu beachten; es bedeutet alſo nicht viel, wenn das Haus vernachläſſigt wird. Ich bin genöthigt geweſen, ein zweites
Beginnt er populär zu
Mädchen zu nehmen, und die Zwei miteinander machen mehr Schmuz, als ſie rein halten. Ihr früheres Zimmer iſt für Sie bereit gemacht worden, Mr. Cliſſold, wenigſtens ſagte ich Martha, es durchaus zu reinigen an dieſem Morgen und ſchon des Nachmittags ein gutes Feuer darin anzumachen; ſo denke ich, daß Alles recht iſt. Aber man könnte ebenſo gut verlangen, daß der Wind immer aus einer Himmelsgegend blaſe, als daß ein Mädchen ſeine Pflicht thut, wenn man nicht immer die Augen auf ihr hat. Wenn ich eine Tochter hätte, jetzt, ein gewandtes junges Frauenzimmer, um nach dem Hauſe zu ſehen—“
Sie wendete ihr Haupt auf dem Kiſſen ab mit einem ſchaudernden Seufzer. Dieſer Gedanke war zu bitter.
„Meine theure Mrs. Trevanard,“ rief Maurice fröhlich, „ich fühle mich überzeugt, das Zimmer wird— nicht ſo hübſch ſein, als wenn Sie es geordnet hätten, aber gewiß rein und bequem.“
Er nahm ſeinen Sitz am Kamin und begann ein Geſpräch mit dem Herrn des Hauſes, der über die Ankunft des Gaſtes erfreut ſchien.
„Und was giebt es Neues in London, Mr. Cliſſold?“ fragte Michael Trevanard, als ob er das regſte Intereſſe an den Ereigniſſen der Hauptſtadt nähme.
Maurice berührte die bedeutenderen letzten Ereigniſſe— Kriege und Kriegsgerüchte, Revuen, projektirte Heiraten in der königlichen Familie— und der Farmer lauſchte mit reſpekt⸗ voller Aufmerkſamkeit, obwohl er fühlte, daß dieſe Thatſachen ſeinem Leben ſo fern ſtanden, als ob ſie ſich in Oſtindien ereignet hätten.
Er erzählte ſeinerſeits Alles, was ſich zu Penwyn er⸗ eignet, unter Anderem den ſeltſamen Umſtand mit dem ver⸗ ſuchten Einbruch, und Mr. Penwyn's Milde gegen den Ver⸗ brecher.
„Ich bin etwas überraſcht, das zu hören,“ ſagte Maurice. „Ich hätte nicht gedacht, daß der Squire dergleichen Dinge ſonderlich leicht nehme.“
„Nein, er kann zu Zeiten ſehr ſtreng ſein,“ antwortete der Farmer.„Die Geſchichte veranlaßte auch viel Gerede. Wenn es Einer von uns geweſen wäre, ſagten die Leute, würde ihn Squire Penwyn nicht ſo leichten Kaufes davongelaſſen haben. Man konnte nicht begreifen, warum er gerade mit dem Sohne ſeiner Parkthorhüterin ſo nachſichtig war. Es wäre natür⸗ licher geweſen, wenn er den Anlaß benützt hätte, das ganze Pack loszuwerden, denn dieſe Vagabunden paſſen doch nicht in den Haushalt eines Gentleman. Dieſes Mädchen Elsbeth, welche Sie hierherbrachte, plündert die Obſtgärten und die Hühnerſtälle in der ganzen Nachbarſchaft. Sie iſt eine wahre Plage für alle Farmersweiber.“
„Das wunderlich ausſehende Weib iſt alſo noch in der Portiersloge?“ fragte Maurice.
„Ja, ſie iſt noch da.“
„Vielleicht war es Mrs. Penwyn, die für den Sohn ſprach.“
„Nun, es war bei Allem ein ſeltſames Geſchäft,“ ant⸗ wortete der Farmer.„Mrs. Penwyn und das Weib ſprachen
miteinander insgeheim in einem Seitenzimmer, dann kam
Mrs. Penwyn in das Gerichtszimmer zurück, ſah ſo bleich aus wie eine Leiche, und ſagte einige Worte zu ihrem Gatten, und auf das ſprach er hinüber zu Mr. Treſillian, worauf dieſer den Vagabunden mit einem ſtrengen Verweiſe davon⸗


