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Concordia.
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kommen ließ. Nun kann ich nicht verſtehen, warum Mrs. Penwyn für den Sohn des Weibes fürſprechen ſollte, denn es iſt wohlbekannt durch Mrs. Penwyn's eigenes Mädchen, das davon ſprach, daß die Lady das alte häßliche Weib nicht leiden mochte, und daß ſie Verdruß mit ihrem Gatten darüber hatte, daß er ſolches Geſindel auf ſeinem Grund und Boden halte.“
„Ich erdreiſte mich, zu ſagen, daß dahinter etwas mehr ſteckt, als die Leute in Cornwall jemals errathen werden,“ ſagte Mrs. Trevanard.„Die Penwyn's waren immer ver⸗ ſteckt und heimlich thuende Leute; glatt von außen, wie ſchöne weiße Gräber, aber innen faul.“
„Geh', Brigitta, Du haſt ein Vorurtheil gegen ſie. Ich denke, Du hatteſt das immer. Es iſt nicht ſchön, ſchlecht von Jenen zu ſprechen, die für uns immer gute Gutsherren ge⸗ weſen.“
„Haben wir nicht auch unſere Schuldigkeit als Pächter gethan? Ich denke, wir waren auch da.“
Das Dienſtmädchen kam herein, um den Abendtiſch zu decken, und die wachſamen Augen der Mrs. Trevanard folgten jeder Bewegung deſſelben. Ein gutes, ſubſtantielles Souper war für den Reiſenden hergerichtet worden, aber das alte komfortable Ausſehen ſchien dieſe Heimſtätte verlaſſen zu haben. Wenigſtens dachte Maurice ſo. Die kranke Frau, mit dem unverkennbar prophetiſchen Ausdrucke in ihrem Ge⸗ ſichte, den vorausgehenden Schatten des kommenden Todes, gab der ganzen Szene einen melancholiſchen Charakter. Die blinde alte Großmutter, für ſich allein in ihrer Ecke ſitzend, ſah aus wie ein Denkmal des Alters und der Noth. Der Farmer zeigte in ſeinem Benehmen jene ſtumpfe Trägheit, die ein Zeichen des häufigen Gebrauchs von Alkohol iſt. Martin war erzwungen heiter, als ob er ſich feſt entſchloſſen hätte, ſich über die Geſellſchaft ſeines Freundes zu freuen; aber die Sorge hatte ihr Markzeichen auf ſein heiteres junges Antlitz geſetzt und er war in keiner Weiſe der Martin wie vor zwei Jahren.
Maurice zog ſich, von Martin geführt, bald nach dem Souper in ſein Schlafzimmer zurück. Das Gemach hatte denſelben traurigen Anblick wie einſt; die alten Möbel blickten düſter durch die Dunkelheit und Martin's einzige Kerze machte nur eine kleine Oaſe von Licht in der Wüſte der Finſterniß.
Die Erinnerung an ſeine erſte Nacht in Borcel⸗End war Maurice Cliſſold ſehr gegenwärtig, als er ſich ſelbſt an den Kamin ſetzte.
„Arme Muriel!“ dachte er;„welch' eine traurige Kammer für Jugend und Schönheit, um darin zu wohnen! Und in einer verhängnißvollen Stunde ſollte der erſte Liebestraum des Mädchens dieſe Düſterheit erhellen— ein ſüßer, trügeriſcher Traum, der ſo viel Schmerz und unauslöſchliche Reue mit ſich brachte!“
Martin ſetzte die Kerze auf den Ankleidetiſch nieder und fachte das Feuer heftig an.
„Die Mutter hat recht,“ ſagte er.„Dieſe Mädchen thun nie etwas ordentlich, ſeit ſie unfähig iſt, ihnen auf Schritt und Tritt zu folgen. Ich ſagte Phöbe, ſie möchte ein gutes
Feuer anmachen, das dieſe düſtere alte Höhle freundlich er⸗ leuchte, aber ſie hat nichts dagelaſſen, als eine Maſſe dampfen⸗ der Kohlen.“
„Achten Sie doch nicht auf das Feuer, Martin. Setzen Sie ſich wie ein guter Kamerad, und erzählen Sie mir Ihre Sorgen. Ihre arme Mutter ſieht ſehr krank aus.“
„So krank, daß uns der Doktor keine Hoffnung giebt auf ein Beſſerwerden. Die arme Seele wird uns verlaſſen. Der Himmel weiß, wie bald es geſchieht. Sie war dem Vater eine gute, treue Gattin und mir eine zärtliche Mutter, und eine gute Herrin und eine treue Dienerin in allen Dingen, ſoweit ich es ſagen kann.“
„Doch fürchte ich ſehr, daß ſie etwas auf dem Herzen hat— etwas, das ſchwer wiegt. Ich habe bei ihr oft Zeichen einer geheimen Sorge geſehen, ſeit ſie krank geworden und am Feuer ſitzend über ihr vergangenes Leben nachdenkt.“
„Und Sie glauben, daß ihr Kummer in irgend einer Weiſe in Beziehung ſtehe zu Ihrer Schweſter?“
„Ich ſehe nicht ein, was es ſonſt ſein könnte. Das iſt das einzige Unglück, das wir in unſerem Leben hatten. Alles Uebrige war alltäglich genug.“
„Haben Sie Ihre Mutter bezüglich ihrer Beſorgniſſe befragt?“ fragte Maurice.
„Vielmals. Aber ſie hat mich immer mit irgend einer ungeduldigen Antwort abgewieſen. Sie leugnete niemals, geheimen Kummer zu haben, aber wenn ich ſie bat, ihn mir oder dem Vater zu vertrauen, wendete ſie ſich mürriſch von mir ab.„Keiner von Euch kann mir helfen,“ ſagte ſie mir. „Was nützt es, von alten Wunden zn ſprechen, wenn ſie nicht zu heilen ſind?““
„Eine Frage die kaum zu beantworten iſt,“ ſagte Maurice.
„Sie erinnern ſich, was Sie zu mir über die arme Muriel ſprachen an dem Tage, als Sie Borcel-⸗End verließen? Nun, dieſe Ihre Worte machten einen tiefen Eindruck auf mich, nicht ſo ſehr zu jener Zeit, als nachmals. Ich dachte über Alles nach, was Sie geſagt hatten, und es ſchien mir klar zu werden, daß es etwas Traurigeres in der Geſchichte meiner armen Schweſter nicht gäbe, als jemals zu meiner Kenntniß gekommen. Sie iſt vielleicht nicht ganz gut behandelt worden. Wegen der Ehre der Familie wurden wohl gewiſſe Dinge vertuſcht und verborgen, und ſie iſt das Opfer unſerer Acht⸗ barkeit geworden. Der einzige Fehler meiner Mutter iſt der Stolz— Stolz auf die Achtbarkeit der Trevanard's. Sie wünſcht nicht auf gleichem Niveau mit Denen, die über ihr ſind, zu ſtehen, ſie denkt nicht beſſer zu ſein als ein Weib aus dem Volke, aber ſie hat einen ſehr ausgeprägten Sinn für Familienehre.„Es giebt keine achtbareren Leute in Cornwall als die Trevanard's,“ erinnere ich mich, ſie einmal ſagen gehört zu haben in der früheſten Zeit, auf die ich zurückdenke; und ich glaube, ſie würde auf Koſten ihres Glückes jedes Opfer bringen, um dieſe Stellung aufrecht zu erhalten. Es iſt ebenſo möglich, daß ſie auch den Frieden von Anderen geopfert hat.“
„Darin ſtimme ich mit Ihnen überein, Martin. Was für ein Unrecht auch immer geſchehen ſein mag, ob ein großes oder ein kleines, es iſt für den alten guten Namen geſchehen.“
„Nun fiel mir ein,“ fuhr Martin ernſt fort,„daß meine Mutter, obwohl ſie nicht überredet werden kann, ſich mir zu vertrauen oder meinem Vater, der in letzter Zeit etwas ſtumpfſinnig geworden, es vielleicht über ſich bringen würde, Ihnen zu vertrauen. Ich weiß, ſie hegt Achtung vor Ihnen, als einem gelehrten Manne und einem Märu von Welt.
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