Jahrgang 
2 (1879)
Seite
412
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Concordia.

Sie leben entfernt von dieſem Winkel der Erde, wo die Trevanard's von Wichtigkeit ſind. Sie würde vielleicht weniger Schmerz dabei empfinden, Ihnen ein Familiengeheimniß zu vertrauen, als einem Kinde oder nahen Blutsverwandten. Sie würden fortgehen und das Geheimniß mit ſich nehmen, und wenn ein Unrecht gut zu machen wäre, wie ich fürchte, daß es der Fall ſein wird, würden Sie es thun, ohne dabei einen Skandal zu erheben. Das iſt, was ich gedacht habe vielleicht iſt es thöricht.

In der That, nein, Martin, ich ſehe keine Thorheit in Ihrer Idee, und wenn ich Ihre Mutter überreden kann, mir zu vertrauen, ſo rechnen Sie darauf, daß ich es thun werde.

Sie weiß, daß Sie ein Gentleman ſind, und mag willig ſein, Ihrer Ehre zu vertrauen, während ſie gegen jede andere Perſon Zweifel hegen würde.

Wir werden ſehen, was geſchehen kann, antwortete Maurice hoffnungsvoll.Ihre arme Schweſter lebt, wie ich vorausſetze, in ihrer alten Weiſe, abſeits von Allen?

Ja, erwiderte der junge Mann,und ich fürchte, es iſt eine ſchlechte Weiſe. Ihr Verſtand ſcheint verwirrter, als je. Wenn ich ſie zuweilen in dem Haſelgebüſche finde, dem ſie ſo zugethan iſt, ſo iſt ſie ſcheu und läuft fort von mir. Des Abends, wenn ſie im Zimmer der Großmutter ſitzt, ſingt ſie zuweilen vor ſich hin. Ich höre ſie dann und wann, wenn ich am Fenſter vorübergehe, irgend ein Lied in ihrer alten traurigen Weiſe ſingen, mit ihrer ſüßen Stimme, die gerade ſo klingt, wie vor Jahren, wenn ſie mich in den Schlaf zu ſingen pflegte. Aber ich denke, ſie öffnet kaum mehr die Lippen, um ein Wort zu ſprechen.

Sieht ſie jemals ihre Mutter? iſt der traurigſte Theil von Allem. Im letzten Jahre hat es die Mutter nie gewagt, ihr nahe zu gehen. Muriel begann außzuſchreien bei ihrem Anblicke, als ob ſie einen Anfall bekäme, und ſeit der Zeit trafen ſie ſich kaum. Es iſt hart, zu denken, daß die Mutter, ſo nahe ihrer einzigen Tochter, ſterben ſoll, und Beide doch ſo vollſtändig von ein⸗ ander getrennt ſind.

Es iſt eine traurige Geſchichte, Marlin, und eine ſchwere Laſt für Ihr junges etwas thun kann, ſie zu erleichtern, ſo ſeien Sie meiner äußerſten Anſtrengung gewiß. Ich bin ſehr froh, daß Sie mir ſchrieben, ich bin erfreut darüber, daß Sie mir vertrauen.

Darauf ſchüttelten die jungen Männer einander die Hände und verabſchiedeten ſich für die Nacht; Martin war ſehr be⸗ friedigt durch die Ankunft ſeines Freundes.

Nichts ſtörte diesmal die Ruhe des Reiſenden. Er ſchlief geſund nach ſeiner langen Fahrt und erwachte, als die Hähne im erſten Sonnenſcheine krähten, und um ſich zu erinnern, daß er ſich weit von Juſtina entfernt befand.

Das

ſagte Maurice, Leben. Wenn ich

10. Kapitel. Ach, wir ſtehen Alle auf Dornen!

Mr. Cliſſold brachte den Morgen damit zu, um die Farm zu wandern und mit Martin auf einer Wieſe zu ruhen, die ſich an einem Hügel hinzog. Der junge Mann fühlte ſich ge⸗ drückt durch die Vorausſicht einer nahenden Kalamität; und der Gedanke, von ſeiner Mutter zu ſcheiden, die gegen ihn zärtlicher geweſen war, als gegen ſonſt Jemand in der Welt, var zu bitter, um leicht hingenommen werden zu können.

Aber er that ſein Beſtes, dieſe Sorge für ſich zu behalten und ſeinem Freunde ein angenehmer Gefährte zu ſein, während Maurice ſeinerſeits bemüht war, Martin durch Geſpräche über die weite geſchäftige Welt zu erheitern. Der junge Corn⸗ walliſer ſehnte ſich fort in dieſe.

Ich werde bald genug meine Freiheit haben, ſagte Martin mit einem Seufzer.Während der Lebenszeit meiner Mutter konnte ich Borcel⸗End nicht verlaſſen, denn ich wußte, daß es ihr Kummer machen würde, wenn ich die alte Heim⸗ ſtätte verließe. Aber wenn ſie dahingegangen, iſt dieſer Bann gebrochen. Der Vater kann gut genug ohne micch fortkommen, wenn ich ihm an meiner Statt einen ehrlichen Menſchen an die Seite gebe. Er kann dann ſitzen und ausruhen und die Sachen leicht nehmen; denn er iſt ein reicher Mann, obgleich er und die Mutter immer ein Geheimniß daraus machen. Und ich kann ein⸗ oder zweimal des Jahres herkommen und ſehen, wie die Dinge gehen. Nach dem Tode meiner Mutter werde ich gewiß nach London gehen. Borcel⸗End wäre mir verhaßt ohne ſie. Und wenn Sie mir vielleicht eine Stelle in dem Komptoir eines Kaufmannes verſchaffen könnten, würde ich es mit dem Handel verſuchen. Ich bin gewandt im Rechnen.

Ich werde mein Beſtes thun, mein lieber Freund, obgleich ich in der kommerziellen Welt nicht viel Einfluß habe. Ich

denke, ein oder zwei Jahre in London würden Ihnen nützen

und Sie vielleicht nachher mit dem Landleben verſöhnen. Ein kurzer Aufenthalt in London kann ein ganzes Menſchenleben beeinfluſſen. Und jetzt denke ich, ich will nach Penwyn hinüber⸗ gehen und ſehen, wie es dem Squire und ſeiner Gattin geht. Zur Theezeit werde ich zurück ſein. Wollen Sie mit mir kommen, Martin?

Ich würde es von Herzen gern thun, aber meine Mutter iſt gegen jeden Verkehr zwiſchen den zwei Familien. Sie liebt es nicht einmal, wenn mein Vater zu dem Abrechnungs⸗Diner geht. Und gerade jetzt, da ſie krank iſt, möchte ich nichts thun, das ihr unangenehm wäre. Ich will zu Hauſe herum⸗ laufen, während Sie hinübergehen.

So ſei es denn, Martin. Ich denke, Sie haben recht.

Der Gang über das Moorland war ſehr angenehm in dem Wetter des September, eine friſche Briſe wehte nach dem Lande zu und die mächtigen Wogen der Atlantis brachen ihre mit Silberkämmen gekrönten Wogen an den zerklüfteten Ufern.

Wenn nur Juſtina da wäre! dachte Maurice, mit einer Sehnſucht nach dieſer einen Gefährtin, in deren Geſellſchaft er vollſtändige Zufriedenheit gefunden die Gefährtin, die ihn immer verſtand, immer mit ihm ſympathiſirte welche bei ſeinen kleinſten Scherzen lachte, für die ſein erhabenſter Ideen⸗ flug niemals zu hoch war. Er dachte an Juſtina, die in ihrem Zimmer zu Bloomsbury ſitzen mochte, während er auf dieſen weiten Ozean blickte, dieſe ätheriſche Luft athmete, und fühlte, daß Selbſtſucht darin liege, dieſe ſchöne große Szene ohne ſie zu genießen.

Wird der Tag jemals kommen, an dem ſie und ich Eines ſein und die ſchönſten Punkte der Erde beſuchen werden? dachte er.Hat ſie ihre romantiſche Neigung zu meinem armen Freunde vergeſſen und kann ſie mir ein ganzes Herz geben? Ich denke, ſie iſt mir gut. Ich habe es zuweilen ſogar ſchon gewagt, mir ſelbſt zu ſagen, daß ſie mich liebe.