Jahrgang 
2 (1879)
Seite
413
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Concordia. 413

Aber, da iſt dieſe alte Erinnerung. Sie kann mir niemals eine Liebe ſo rein und vollkommen geben, als es jene frühe Leidenſchaft war die erſte Frucht ihres unſchuldigen Mädchenherzens, rein wie die Erſtlingsopfer, welche die Römer ihren Göttern darbrachten.

Er dachte an jenen Sommertag zu Eborsham zurück, als er das ärmlich gekleidete, raſch emporgewachſene Mädchen zuerſt auf der Wieſe ſitzen ſah, mit Feldblumen in ihrem Schoß, das bleiche junge Angeſicht erhebend und ihn mit ihren melancholiſchen Augen anblickend Augen, in denen ſo wenig war von der Heiterkeit der Erde! Er dachte, es gäbe doch nichts Schöneres als eine ſolche Wieſe an einem Sommer⸗ Nachmittage.

Ich wußte nicht, daß es mein Schickſal war, ſagte er zu ſich ſelbſt, indem er ſich ſeiner kritiſchen philoſophiſchen Betrachtung der Gruppe erinnerte.

Mit Gedanken an Juſtina verkürzte er ſich den Moorland⸗ Weg, und dieſer Gegenſtand war in einer Weiſe unerſchöpflich, denn es war das Thema, in dem Liebende nie ermüden.

Nach und nach kam der Fußgänger auf einen von den neuen Wegen, die Squire Penwyn angelegt hatte, und be⸗ wunderte die jungen Bäume in den Anpflanzungen und die hier und da unter den Stämmen der norwegiſchen und ſchottiſchen Fichten gepflanzten Rhododendron⸗Gebüſche. Hier und da befand ſich eine Wächterhütte, von grauem Stein erbaut, die der Landſchaft ein belebteres Ausſehen gab. Der nett gehaltene Garten war voll friſcher Herbſtblumen, und eine Gruppe von Kindern ſtand in einiger Entfernung und be⸗ obachtete den Wanderer.

Dieſe Anpflanzungen hatten die Umgebung des Herren⸗ hauſes ſehr verſchönert. Sie ließen ſofort erkennen, daß hier die Wohnung eines reichen Gentleman ſei, während früher das Haus in einer mehr wilden Landſchaft ſtand.

Maurice betrat den Park durch das nördliche Thor. Er hätte einen kürzeren Weg wählen können, aber er fühlte den Wunſch, zu ſehen, ob noch das alte Zigeunerweib da ſei, das ihn zuerſt nach Penwyn zugelaſſen und das ſeither durch die That ihres Sohnes in der Gegend weit mehr bekannt geworden war.

Das eiſerne Thor war geſchloſſen, aber die Frau war nahe zur Hand, bereit, Gäſte einzulaſſen. Sie ſaß auf ihrer Thürſchwelle, ſich wärmend in der Nachmittagsſonne. Sie trug nicht mehr die enganliegende weiße Haube, in welcher ſie Maurice zuerſt geſehen hatte. Jetzt war ihr dunkles Haar mit Grau geſtreift und glatt aus ihrer braunen Stirn

geſtrichen, und ein ſcharlachrothes Taſchentuch war loſe um ihr

Haupt gebunden. Dieſes rothe Tuch übte eine ſeltſame Wirkung auf das

Erinnerungsvermögen von Maurice Cliſſold. Zwei Jahre vorher hatte er den unbeſtimmten Gedanken, daß ihm das Geſicht bekannt vorkomme. Heute erinnerte er ſich an Zeit und Ort und an den Moment, in dem er es zuerſt geſehen.

Ja, er erinnerte ſich der niedrigen Wieſen am Waſſer des Leinpfades, der alten rothen Ziegeldächer und der ſpitzen Giebel zu Eborsham, der ehrwürdigen Thürme der Kathedrale, der Weiden am Flußufer und der jugendlichen Sorgloſigkeit, ver⸗ körpert in James Penwyn.

Die Thorhüterin war keine Andere, als die Zigeunerin, die Maurice Cliſſold's Freunde Uebles prophezeit hatte. Etwas

Unbedeutendes vielleicht, ja etwas Lächerliches war möglicher⸗ weiſe die finſtere Prophezeiung über die durchſchnittene Lebenslinie in der Handfläche James Penwyn's; aber die Umſtände hatten den Worten der Wahrſagerin eine verhängniß⸗ volle Kraft gegeben.

Was? ſagte Maurice, ernſt auf das Weib blickend, als dieſe das Thor aufſchloß,wir haben uns ſchon einmal getroffen, meine gute Frau, und zwar weit von hier.

Sie ſtarrte ihn mit einem wüſten Blicke an.

Ich erinnere mich, daß Ihr vor zwei Jahren hierher kamet, ſagte ſie.Das war das erſte und letzte Mal, daß ich Euch je ſah bis heute.

O nein, es war nicht das erſte Mal. Habt Ihr Eborsham und die Tage vergeſſen, in denen Ihr Euch mit Wahrſagen abgegeben, als Ihr meinem Freunde Penwyn ſeine Zukunft verkündigtet und von einem Schnitte über ſeine Handfläche ſprachet? Er ward den folgenden Tag ermordet. Ich ſollte denken, dieſes Ereigniß müſſe ſich Eurem Geiſte ſcharf eingeprägt haben.

Ich weiß nicht, wovon Ihr ſprecht, antwortete Rebekka Maſſon mürriſch.Ich ſah Euch niemals, bis Ihr hierher kamet. Auch war ich niemals in einem Orte, der Eborsham heißt.

Ich kann einer ſo beſtimmten Verſicherung einer Dame nicht widerſprechen, ſagte Maurice ironiſch;aber was ich dann ſagen kann, iſt, das es in der Welt Jemand giebt, der mit Euch eine außerordentliche Aehnlichkeit hat. Ich hoffe, daß Euch das niemals eine Sorge bereiten wird.

Er ging weiter gegen das Haus, eigenthümlich verwirrt durch die Gegenwart dieſer Frau an dem Thore Mr. Penwyn's. Er hatte keinen Schatten von Zweifel an ihrer Identität. Es war die Zigeunerin, die er zu Eborsham, ihr Geſchäft aus⸗ übend, geſehen dieſelbe und keine Andere. Und was konnte ſie hierhergebracht haben? Durch welchen Einfluß, unter welchem Vorwande hatte ſie ihren Weg in einen reſpektablen Haushalt gefunden und ſo viel Macht errungen, daß ihr vagabundirender Sohn ungeſtraft einen Einbruch ver⸗ ſuchen konnte?

Die Frage war eine verwirrende und machte Maurice nicht wenig betroffen. Er erinnerte ſich, was Mrs. Trevanard geſagt, daß da etwas im Hintergrunde ſein müſſe, etwas Falſches und Heimliches in des Squire's Leben. Natürlich war dies nur die Annahme eines Vorurtheile hegenden Weibes; aber ſolche Annahmen machen ihre Eindrücke auch auf den klarſten Verſtand. Er erinnerte ſich des Vorurtheiles, das Juſtina gegen den Mann hegte, der durch James Penwyns Tod ſo viel gewonnen.

Der Himmel helfe Churchill Penwyn! dachte er.Es iſt nichts Angenehnes, der Erbe eines Ermordeten zu ſein. Möge er noch ſo aufrecht gehen, es wird immer wachſame Augen geben, die ſeine Wege krumm finden. Und dennoch iſt es ein ſeltſames Ding mit dieſer Zigeunerin, fuhr er nach einer Pauſe fort.Ob Mr. Penwyn weiß, wer ſie iſt? Oder hat ſie ihn getäuſcht, um ſein Wohlwollen zu erringen? Obgleich er hier nicht ſehr beliebt iſt, hat er doch viel Gutes gethan, das ſein wohlwollendes Gemüth anzeigt und ſeine freundlichen Abſichten gegen Jene, die von ihm abhängen. Er mag dieſem Weibe den Poſten auch aus purer Menſchenliebe