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gegeben haben. Ich will es verſuchen, ob ich dieſer An⸗ gelegenheit auf den Grund ſehen kann.“
Er kam dem Hauſe näher— überall ſah er Verbeſſerungen — Alles zeigte auf einen hier mächtig waltenden Geſchmack, der Allem das Weſen der Schönheit aufgeprägt.
Die Gärten, an deren halb vernachläſſigtes Ausſehen er ſich erinnerte, waren jetzt in der vollkommenſten Ordnung. An dem Hauſe waren Zubauten gemacht worden, nicht wichtig in Bezug auf ihren Charakter, aber in einer Manier, welche die Harmonie des Bildes vervollſtändigte. Und über Alles war ein Reichthum an Farbe ausgebreitet und mannigfaltig erſchienen Licht und Schatten. Die meiſten Herrenhäuſer auf dem Lande wären dieſem gegenüber düſter und alltäglich erſchienen.
„Es iſt ohne Zweifel der Geſchmack der Mrs. Penwyn, der dieſen Platz ſo reizend gemacht hat,“ dachte Maurice. „Glücklicher Mann, ein ſolches Weib zu haben. Ich will nicht ſchlecht von ihm denken, ſchon um ihretwillen.“
Der Anblick des Hauſes machte Maurice den Eindruck eines glücklichen hänzlichen Lebens. Erhabenheit war nicht der Charakter des Banes— aber Alles war hübſch, anheimelnd, Alles hatte gleichſam eine anmuthig lächelnde Miene und ſchien den Fremden zu bewillkommnen.
Maurice trat in eine Vorhalle, die an einem Ende des Hauſes im Style des Zeitalters der Königin Eliſabeth an⸗ gebaut worden war. Dieſer folgte ein Vorſaal, mit Waffen und Rüſtungen geſchmückt, alle aus dem Mittelalter Englands. Aus dieſem Waffenſaale kam man in einen Korridor, mit einer Reihe von Thüren auf jeder Seite; ein Korridor, der geradenwegs zu der Halle führte, die jetzt das Lieblings⸗Zimmer der Familie und mit einem Billardtiſche für die Ladies ver⸗ ſehen war. Das eigentliche Billardzimmer war ein Apparte⸗ ment an dem anderen Ende des Hauſes, mit einem offenen gothiſchen Dache und Oberlicht, ein Zimmier, welches Churchill dem Familienhauſe zugefügt hatte.
Hier, in der geräumigen alten Halle, fand Maurice die Familie und ihre Gäſte nach dem zweiten Frühſtück verſammelt; Lady Cheshunt thronte auf einem prächtigen Armſtuhle, nahe an ein fröhliches Holzfeuer gezogen, welches die herbſtliche Atmoſphäre angenehm erwärmte; Viola Bellingham war in ein tiefes Nachdenken verſunken, ob ſie den rothen oder weißen Ball auf dem Billard ſpielen ſollte, nachdem ihr eigener Ball durch ihren Gegner Sir Lewis Dallas in eine höchſt unbequeme Ecke gebracht worden war; Mrs. Penwyn ſaß auf einem Sopha bei dem ſonnigſten Fenſter, mit ihrem Kinde auf ihren Knieen, einem kräftigen, blondhaarigen Jungen in einem dunkelblauen Sammetkleide, der ſein Aeußerſtes verſuchte, ein Spiel von Schachfiguren zu zerſtören, welches die nachſichtige Mutter ihm zu ſeinem Amuſement gegeben; Churchill ſaß ihr nahe und blickte aus einer offenen Vierteljahrsſchrift zuweilen auf Mutter und Kind; zwei oder drei junge Ladies und ein paar Gentlemen mittleren Alters beobachteten die Billard⸗
ſpieler; und Sir Lewis Dallas endlich war damit beſchäftigt,.
Viola zu betrachten. Es konnte kein freundlicheres Bild eines engliſchen Daheims geben. Churchill warf ſeine Vierteljahrsſchrift weg und erhob ſich, um dem unerwarteten Gaſte einen herzlichen Willkomm zu bieten, dem Madge ebenſo herzlich ſekundirte.
„Diesmal ſind Sie natürlich gekommen, um bei uns zu bleiben,“ ſagte Mr. Penwyn.
„Sie ſind zu gütig. Nein! Ich habe mein altes Quartier zu Borcel⸗End aufgeſucht. Aber ich glaube, ſagen zu dürfen, daß ich recht oft Ihre Geſellſchaft ſuchen werde. Ich ging herüber, um eine oder zwei Stunden hier zuzubringen und vielleicht Mrs. Penwyn um eine Taſſe Thee zu erſuchen.“
„Sie bleiben doch gewiß zum Diner?“
„Dieſen Abend nicht, ſo verlockend auch eine ſolche Ein⸗ ladung iſt. Ich verſprach Martin Trevanard, daß ich vor Eintritt der Dunkelheit zurück ſein würde.“
„Es ſcheint, daß Sie und der junge Martin ſehr be⸗ freundet ſind.“
„So iſt es. Er iſt ein vortrefflicher junger Mann, zu dem ich mich lebhaft hingezogen fühle,“ antwortete Maurice etwas zerſtreut.
Er ſah überraſcht auf Mrs. Penwyn, wie betroffen durch die Veränderung, welche ihre Schönheit erlitten, ſeit er zuletzt das ſtolze ſchöne Antlitz geſehen, nur vor einigen Monaten. Es war die alte Heiterkeit in ihrem Lächeln, dieſelbe grandioſe Haltung des edelgeformten Hauptes; aber ihr Antlitz war merklich gealtert. Die Augen ſchienen größer geworden zu ſein; das einſt ſo vollkommene Oval der Wange hatte ſich zu einem weit weniger lieblichen Umriß verſchärft; der reine dunkle Teint hatte ſein warmes Inkarnat verloren, das Maurice an die andaluſiſchen Schönheiten de Muſſet's erinnerte; es war zu einer Elfenbeinbläſſe hingeſchwunden.
Madge war ſo freundlich wie immer und ſchien nicht weniger heiter. Aber Maurice glaubte doch im Tone ihrer Stimme eine Veränderung zu bemerken. Dieſe hatte ihren alten fröhlichen Klang verloren.
Der Fremde wurde den Gäſten des Hauſes vorgeſtellt. Die jungen Ladies empfingen ihn mit einer Art Enthuſias⸗ mus, denn es gab nur einen wählbaren Mann zu Penwyn,. und dieſer hatte ſich hoffnungslos in Viola's ſeidenen Netzen verſtrickt. Lady Cheshunt fragte, ob Mr. Cliſſold direkt von London gekommen ſei, und als dieſer es bejate, beorderte ſie ihn ſogleich, ſich zu ihr zu ſetzen und ihr alle Neuigkeiten der Metropole zu erzählen— über den fürchterlichen Mord in der Bow⸗Road, über den amerikaniſchen Schauſpieler, der die Leute im Royal⸗Bouffonerie⸗Theater lachen mache, und über den neuen franzöſiſchen Roman, von dem die„Saturdar Review“ ſagte, daß er ſo unanſtändig ſei, daß keine achtbare Dame einen Zlick darauf werfen ſollte und den zu leſen Lady Cheshunt ſich bis zum Sterben ſehnte.
Maurice blieb beim Nachmittags⸗Thee, der in der Halle ſervirt wurde, wobei Viola den Gäſten die Taſſen füllte.
„So haben Sie Ihr altes Amt aufgegeben, Mrs. Pen⸗ wyn,“ ſagte Maurice, als er der Lady des Hauſes ihre Taſſe reichte.
„Madge iſt in letzter Zeit nicht ſehr ſtark geweſen und war verpflichtet, auch kleine Anſtrengungen zu vermeiden,“ antwortete Churchill, der ſich in der Nähe ſeiner Gattin befand..
„Da iſt eine Wolke am Horizont,“ dachte Maurice, als er ſich anf dem Heimwege befand.„Sie iſt vielleicht nicht größer als eine Manneshand; aber die Wolke iſt da.“
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