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Concordia.
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11. Kapitel. „Verloren ihrer Stellung und ihrem Namen.“
Da Maurice Cliſſold nach Borcel⸗End gekommen war, um eine gewiſſe Pflicht zu erfüllen, widmete er ſich dieſer Auf⸗ gabe auch mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. So an⸗ genehm es ihm hätte ſein können, den größeren Theil ſeiner Zeit in der angenehmen Geſellſchaft von Mrs. Penwyn und ihrer Gäſte zuzubringen— an ſonnigen Nachmittagen Ball zu ſpielen, oder ſich einer Billardpartie in der alten Halle an⸗ zuſchließen, mit der beſten Geſellſchaft zuſammenzukommen, welche in dieſem Theile der Welt zu finden war, und ſo ein angenehmes, heiteres Leben zu führen, an welchem Sorgen keinen Antheil zu haben ſchienen— gab er dies doch Alles ohne einen Seufzer auf und brachte ſeine Tage und Nächte damit zu, auf der Farm umherzuwandern oder an dem Herde des Hauſes zu ſitzen, dem die Gegenwart der kranken Frau eine unwandelbare Düſterheit gab.
Jeder Tag zeigte den raſchen Fortſchritt der Krankheit. Das Uebel, das ſich zuerſt langſam genähert, wuchs nun in der Leidenden mit ſchrecklicher Schnelligkeit. Jeden Tag nahm die hektiſche Röthe auf den Wangen der ſterbenden Frau einen mehr fieberhaften Charakter an, das glaſige Auge gewann einen ſchauerlichen Glanz. Maurice fühlte, daß da keine Zeit zu verlieren ſei. Seine Augen, weniger an den Anblick der Kranken gewöhnt, als die Augen der Verwandt⸗
ſchaft, die ſie täglich während ihres fortſchreitenden Verfalles geſehen, bemerkten klar, daß das Ende nicht weit entfernt war. Was immer für Geheimniſſe in dieſem ſtolzen Herzen verborgen ſein mochten, ſie mußten raſch enthüllt werden, oder ſie wurden mit ihm begraben bis an das Ende aller Zeit. Aber wie ſollte er, beinahe ein Fremder, ein Vertrauen gewinnen, welches einem Sohne verweigert worden war?
Er verſuchte ſein Aeußerſtes, Mrs. Trevanard durch kleine Aufmerkſamkeiten für ſich einzunehmen. Er machte die Fenſtervorhänge zurecht, um das Licht für dieſe müden Augen zu mäßigen. Er legte das Kiſſen der Kranken ſo zärtlich unter, als nur Martin es hätte thun können. Er las ihr vor— zuweilen Stellen der heiligen Schrift, welche ſie ſelbſt auswählte und die häufig von einem ſchauerlichen und anklagenden Charakter waren, die Wehrufe der Propheten und heiligen Männer gegen die Miſſethaten ihrer Zeit.
Jene Theile der heiligen Schrift, welche er ſelbſt wählte, waren ganz anderer Art. Er las Alles, was tröſtend, was milde war im Evangelium. Die Worte, welche er wählte, waren Botſchaften des Friedens. Und ſelbſt dieſes hart⸗ näckige Herz ward berührt— die Frau, die ſo ſtolz auf ihre eigene Rechtlichkeit geweſen, fühite, daß ſie eine Fün⸗ derin war.
(Fortſetzung folgt.)
Gefunden!
Roman von C. Engels. (Fortſetzung.)
Die Unbekannte ſchien noch mehr ſagen zu wollen, aber gewaltſam, ſo dünkte es Rolf, drängte ſie das übervolle Herz zurück.
Er ſah ihr mit einem langen, tiefen Blicke in die Augen, in die ehrlichen, guten Augen. Und es war wie ein elektriſcher Funke, der da herüber⸗ und hinüherflog, von Beiden ver⸗ ſtanden, von Beiden empfunden.
„Die Menſchen haben Ihnen Böſes gethan?“ ſprach er endlich unſicher.„Sie tragen ein tiefes Weh im Herzen?“ Und dann, als ſie ſchwieg, faſt bittend:„O, mißdeuten Sie meine Frage nicht! Halten Sie ſie nicht für den Ausdruck müßiger Neu⸗ gier eines Fremden. Wenn ich Sie auch geſtern zum erſten Male ſah— ich nehme dennoch ſo warmen Antheil, wirklichen, wahrhaftigen Antheil an Ihnen. Darf ich das?—— Werden Sie mir's wohl vergönnen?“
Er bot ihr die Hand, in die ſie zögernd die ihre legte.
Da klirrte ein Fenſter und eine weibliche Stimme rief: „Sie müſſen gehen, Fräulein Regine, es wird ſonſt wieder dunkel!“
Ein Kopf, von einem dunklen Tuche turbanartig um⸗ wunden, zeigte ſich an dem geöffneten Hinterfenſter, fuhr aber ſchnell wieder zurück, als er des Fremden anſichtig wurde.
„Gleich, Hanna, ich komme ſchon,“ rief das Mädchen zurück und dann erklärend zu Nolf:„Es iſt meine gute, alte Hanna, die einzige Mitbewohnerin des Hauſes. Sie hat unſerer Familie lange und treu gedient und würde ſich eher in Stücke reißen laſſen, als daß ſie von mir ginge. Wie danke ich Gott, daß ich dieſe treue Seele habe!“
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„Sie wurden an den Spaziergang gemahnt,“ erlaubte ſich Rolf zu erinnern;„wollen Sie ſich ankleiden und darf ich hier auf Sie warten?“
„Nein— ich werde nicht gehen,“ ſagte ſie nach einigem Zögern;„es wird heut' in der That früher als ſonſt dunkel und die geſtern empfangene Lehre iſt mir doch noch zu friſch im Gedächtniß.“
„Könnten Sie ſich fürchten, wenn ich bei Ihnen bin?“
Sie ſchwieg.
„Wenn alſo nicht heut'— dann morgen— werden Sie morgen gehen?“ fragte Rolf dringender.
„Ich— ich weiß es nicht!— Es kann wohl ſein, aber——“
„Nein, kein Aber!“ bat er ſanft.„Sie ſagten mir vorhin, daß Sie ſich dieſe Erholungsſtunde gönnten; würde ſie Ihnen durch meine Gegenwart geraubt, ſo dürfte ich freilich nicht wagen, Sie wiederzuſehen. Aber ich bitte Sie herzlich— laſſen Sie uns dieſe Stunde zuſammen genießen; laſſen Sie uns unſere Anſichten, unſere Erfahrungen austauſchen! Sie wiſſen nicht, welchen Widerhall all' Ihre Worte in meinem Herzen fanden; oder—— ahnen Sie es?“
Mit abgewandtem Antlitz ſtand ſie vor ihm und rang ihre Hand aus der ſie feſt umſchließenden ſeinen. Dann, als ihr dies gelungen, eilte ſie ohne Antwort davon, winkte ihm von der Thür Lebewohl und war verſchwunden..
Auch Rolf wandte ſich zum Gehen.
Er nahm ein ſeltſames Gefühl mit heim. einer verborgenen Stimme, die warnend rief: Eile von hinnen!
Halb glich es


