416 Concordia.
Meide dieſe Stätte! halb der Ahnung künftigen, unnennbaren Glückes, die ihm gebot, zurückzukehren.
Zu Hauſe harrte Editha mit dem Thee.
„Ich habe ſchon recht lange auf Dich gewartet,“ ſagte ſie mißmuthig; um eine recht gemüthliche Theeſtunde mit Dir zu verleben, ſchlug ich die Einladung zur Gräfin Klichy aus.“ „O, Du hätteſt ſie annehmen ſollen—“ erwiderte er zerſtreut.
„Annehmen ſollen— ſo?“ Ihre Stimme nahm jenen herben, ſchrillen Klang an, der ſeinem Ohr faſt wehe that. „Du wirfſt mir vor, daß ich nur Zeit für Toilette und Be⸗ ſuche habe, und nun bedauerſt Du ſelbſt, daß ich die Ein⸗ ladung nicht annahm? Wie in aller Welt ſoll ich Dir's wohl recht machen?“
Die letzten Worte wurden im ſchneidendſten Diskant her⸗ vorgeſtoßen.
In Rolf's Ohren tönte ſie noch immer nach, jene ſanfte, melodiſche Stimme, deren wohlthuendem Klang er mit Ent⸗ zücken gelauſcht. Und nun dieſer grelle Mißton! Wie empfindlich berührte ihn dieſer Empfang. Er ſah noch vor ſich ein edelſtolzes, wunderbar harmoniſch gebildetes Antlitz mit klarer, freier Stirn und dem reinen Blick des Kindes in den großen, dunkelgrauen Augen, und nun plötzlich ſtand ſie ihm gegenüber, ſie— in Allem das Gegentheil von jener holden Erſcheinung, die wie ein Lichtbild vor ſeine Seele ge⸗ treten. Schwerer denn je empfand er den Druck der Feſſel.
„Es thut mir nur deshalb leid, daß Du die Einladung ablehnteſt, weil ich nicht, wie Du zu wünſchen ſcheinſt, in Deiner Geſellſchaft bleiben kann. Einige nothwendige Arbeiten müſſen heute noch ihre Erledigung ſinden. Gute Nacht!“
Sie ſtarrte ihn einen Augenblick an, dann lachte ſie bitter auf.
„Geh' nur, geh'!“ rief ſie ihm nach,„und laß mein Herz grauſam verbluten!“
Aber Rolf hörte es nicht. Die Thür war hinter ihm in's Schloß gefallen und ſeine Tritte verhallten auf dem Koörridor.
Nichts ſah er von der zuſammengebrochenen Geſtalt, die den Kopf in die Kiſſen des Divans vergrub und bitterlich ſchluchzend ſeinen Namen rief.
„O, mein Gott,“ ſtöhnte Editha,„was ſoll ich denn thun, um dies ſteinerne Herz zu rühren! Vergebens all' mein
Hoffen auf das endliche Erwachen ſeiner Neigung— er haßt mich!—— Wenn ich ihn nun verließe—— auf einige Monate—— auf ein Jahr vielleicht—— ob nicht die
Trennung eine tiefere Empfindung für mich wachriefe?“— Sie durchmaß mit heftigen Schritten das Zimmer.
„Von ihm gehen!—— nein, nein—— ich kann es nicht! Nicht eine Woche, nicht einen Tag vermag ich ohne ihn zu leben. Ich muß ſeine Nähe fühlen—— muß eine Luft mit ihm athmen—— ſonſt müßte ich hinwelken wie eine Blume, der Luft und Sonne fehlt.—— Den ganzen Abend allein ſein—— unmöglich! Ich muß Menſchen ſehen, muß plaudern— ſcherzen! Und wenn mein Herz ſich krannpf⸗ haft windet und blutige Thränen weint— mein Auge ſoll
lachen!— Hinwegtanzen will ich ihn, den drückenden Alp hier drinnen, der mir mit eiſerner Gewalt das Herz zuſammen⸗ ſchnürt! Das ſchafft Erleichterung!“
Sie ſchellte.
„Sofort Fränzchen rufen zum Prkleiden!“ befahl ſie dem eintretenden Diener.„Ich habe mich noch für die Abend⸗ geſellſchaft der Gräſin Klichy entſchloſſen. In ſpäteſtens fünfzehn Minuten ſoll der Wagen vorfahren.“
Geſchäftiges Hin- und Herrennen mit allerlei Toilette⸗ gegenſtänden begann. Die Baronin überließ ſich heute gänz⸗ lich den Anordnungen Fränzchen's, die mit Feldherrnmiene einem Heer von Untergebenen kommandirte.— Wohl ein Dutzend Hände regten ſich, um allen ausgeſprochenen Befehlen gerecht zu werden.
Hier, in maleriſchem Durcheinander, lagen Blumen, Flacons, Pommade, Brenneiſen, Pudertöpfchen, anzuſteckende Locken— dort, wie eine Wolke hingeweht, ein ganzer Berg farbenpräch⸗ tiger, koſtbarer Gewänder.
Aber mit zaubergleicher Geſchwindigkeit lichtete ſich das Chaos.— Und ihm entrang ſich als ſtrahlende Taggeburt, umwallt von blüthenfarbenem Atlas und echten Valencienner Spitzen, in denen duftige Blumenguirlanden rankten, die Geſtalt Editha's
„Heute ſieht ſie doch endlich einmal vernünftig aus, Madame Iuliette!“ ſagte, als die Baronin auf der Treppe, Fränzchen zu der alten, franzöſiſchen Kammerfrau, welche der jüngeren, geſchickteren Zofe die lange innegehabte Stellung hatte überlaſſen müſſen und jetzt nur noch zu kleineren Hand⸗ leiſtungen benutzt wurde.„Das macht, weil ſie ſich einmal blindlings meinen Beſtimmungen unterworfen hat.“
„Wenn etwa Sie glauben— Mamſell Fränzken— daß Sie aben zu Tage gefördert etwas de grand composition mit Ihrer gräulichen Toilette,“ entgegnete die alte Franzöſin verächtlich,„ſo Sie ſik ſehr irren. Alles ſo nüchtern! Point de genie! Sacre nom de dieu— ik aben, ſo alt ik ſein, doch immer noch mehr Geſchmack!“
„Ja wohl!— Und ik aben, ſo altsik ſein, auch immer noch mehr Durſt!“ lachte Fränzchen, nahm die Alte unter den Arm und zog ſie durch die geöffnete Thür.„Kommen Sie, Madame Iuliette, alte Schranbe! Unten giebt's Glüh⸗ wein. Der Koch hat mich eingeladen, und ich bin großmüthig genug und lade Sie mit ein, trotzdem Sie ſo ein alter gelber Giftpilz ſind, ſo'ne rechte alte, biſſige, franz'ſche Dogge!“
Madame Juliette, in frommer Entrüſtung, drängte zurück.
„Sträuben Sie ſich nicht, edle Tugendheldin! Ich weiß ja, ein Glas Glühwein macht Sie glücklich!“
„Ne cherchons la félicité— que dans la paix et l'innocence!“ murmelte Madame Iruliette, folgte jetzt aber widerſtandslos.—
Unten vor der Auffahrt des Palais ſtanden zwei ärmlich gekleidete Mädchen, welche das Einſteigen der Baronin in die elegante Equipage beobachtet hatten und nun dem davon⸗ rollenden Wagen nachſahen.
„Du,“ ſagte die Eine,„ſo eine vornehme Dame iſt doch recht glücklich! Sich ſo prächtig anziehen und alle Tage aus⸗ ſahren zu können, muß himmliſch ſein. Das möchte ich auch!“
„Ja, ja,“ ſeufzte die Andere,„die vornehmen Leute wiſſen
gar nicht, was Kummer iſt; ſie amüſiren ſich blos.“
„Haſt Du wohl geſehen, was für ein wundervolles Kleid ſie anhatte? Gewiß fährt ſie auf den Ball. Und wenn's nur für den heutigen Abend wäre, ich möchte gleich mit ihr tauſchen.“
„Ach ja, ich auch!“


