Concordia.
6. Kapitel. Was Regina erzählt.
Rolf war den folgenden Tag vollauf beſchäftigt. Mehrere nothwendige Berichte lagen vor, deren Ausarbeiten ſein an⸗ geſtrengtes Nachdenken erforderte.
Zwar hatte Joſt von Plotzki bereits einen feſten, wenn auch nicht offiziellen Platz im Kabinet des Legationsrathes inne und nahm demſelben die Arbeit mit der Feder ab, den⸗ noch blieb viel übrig, was nur durch letzteren ſelbſt erledigt werden konnte.
Jetzt endlich legte Rolf das letzte Schriftſtück aus der Hand. d „Veranlaſſen Sie, daß Briefe und Depeſchen ſofort ab⸗ gehen,“ ſagte er, indem er ſich zum Weggehen rüſtete;„dies Aktenſtück noch heut' zur Geſandtſchaft.“
Plotzki zwang die glatte Maske zu einem möglichſt ge⸗ winnenden Ausdruck.
„Keine Sorge, Herr Legationsrath, wird Alles pünktlich expedirt werden.“
„Ich verlaſſe mich darauf.— Adieu
Rolf nahm den wohlbekannten Weg zur Stadt hinaus. Heut war er nicht einen Augenblick unſchlüſſig, nach welcher Richtung er ſich wenden ſolle.
Hatte er geſtern der Bewohnerin des einſamen Hauſes durch ſeine Frage:„Aber morgen— werden Sie morgen gehen?“ nicht angedeutet, daß er ſie erwarten werde? Schon ſeine Pflicht als Kavalier erheiſchte, auf jeden Fall abzuwarten, ob ſie kommen würde.
Aber es ſchien nicht ſo. Seit einer geraumen Weile patrouillirte er immer wieder von Neuem den Damm entlang, ohne daß etwas Anderes ſich zeigte, als einige Krähen, welche mit geſpreizten Beinen auf dem glänzenden Schnee herum⸗ ſtolzirten oder von den kahlen Aeſten der Bäume ihren wid⸗ rigen Schrei ertönen ließen.
Sie kommt nicht— dachte Rolf— weil ſie mich von den Fenſtern ihres Hauſes hier patrouilliren ſieht. Wenn ſie wüßte, daß ich fortgegangen, käme ſie gewiß.—
Eine prickelnde Ungeduld hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er mußte ſie ſehen, es koſte, was es wolle. So leicht war er nicht aus dem Felde zu ſchlagen.
Er beſchloß, ſich in die Anlagen zurückzuziehen und von dort aus, die Ebene weiter verfolgend, unbemerkt an der Giebelwand des Hauſes Poſto zu faſſen.
Hier wartete er, hart an die Mauer gedrückt, ohne be⸗ ſondere Gewiſſensbiſſe über ſein unerlaubtes Beginnen, wohl eine gute Viertelſtunde.
Und ſiehe da— ſeine Taktik bewährte ſich..
Er hörte die Hausthür öffnen und eine tiefe, melodiſche, fhm ſchon bekannte Stimme ſagen:
„Schließe von innen die Thür, Hanna! Und ſorge Dich nicht, ich bin gleich wieder da.“
„Schön, Fräulein Regine!“
„Regine!“ murmelte Rolf. Schon geſtern hatte er ſie ſo nennen hören; er fand den Namen plötzlich wunderhübſch.
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Nachdem Regine einen Vorſprung von nur wenigen Schritten hatte, trieb ihn die Ungeduld aus ſeinem Verſteck hervor.
Sie wandte ſich um und blieb ſtehen, als unvermuthet Schritte hinter ihr ertönten. Ihr Blick auf ihn und dann
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auf das Haus belehrte Rolf augenblicklich, ſie Schachzug.
Purpurröthe überſtrömte ihre Wangen, eine leichte Wolke des Unmuths faltete die freie, ſtolze Stirn.
Und Rolf entging nicht der vorwurfsvolle, faſt traurige Ton ihrer Stimme, als ſie ſagte:„O, das war nicht recht!“
„Zürnen Sie doch nicht!“
Ohne ſie anzuſehen, ohne es zu wagen, ihr die Hand zum Gruße entgegenzuſtrecken— wie ein armer Sünder ſtand er
ahne ſeinen
vor ihr.
„Ich wußte ja kein anderes Mittel, Sie herauszulocken,“ fuhr er dann fort.„Ich geſtehe ſie ja ein, meine großartige Hinterliſt, aber Sie dürfen mir nicht böſe darüber ſein. Strafen Sie mich, Fräulein Regine— Sie ſehen, ich bin reumüthig— aber verzeihen Sie mir.“
„Nun gut, ich werde Sie ſtrafen,“ erwiderte ſie, während ein Anflug munterer Laune aus den großen grauen Augen blitzte,„und zwar einfach damit, daß ich ſofort zurückgehe.“
„Nur das nicht!“ bat er mit Inbrunſt.„Nein, dieſe Strafe iſt ausgeſchloſſen.“
„Oder— daß ich den ganzen Weg ſtumm wie ein Fiſch bin?“
„Auch eine ſehr harte Strafe. Zwar ſchon etwas milder, als die vorhergehende, aber doch noch viel zu hart für mein leichtes Vergehen. Und—“ ein feines Lächeln umſpielte ſeine Mundwinkel—„wären Sie eine Andere, als ich mit Sicher⸗ heit in Ihnen vermuthen darf, ſo würde ich ſagen: zugleich auch die härteſte Strafe für Sie ſelbſt!“
Sie lachte hell auf.
„Sie ſcheinen ja die Frauen von ſehr ſchwatzhafter Seite kennen gelernt zu haben! Aber ich ſehe ſchon, keine Beſtrafung iſt Ihnen genehm, an jeder ſinden Sie etwas auszuſetzen. Mir ſcheint, Sie haben ſehr unklare Begriffe über dieſen Punkt und erwarten womöglich noch eine Belohnung. Ich laſſe alſo Gnade für Recht ergehen.“
„So üben Sie damit das Vorrecht eines großen Herzens.
„— Aber geſtatten Sie mir, Sie hier zum Damm hinauf⸗ zuführen. Auf dem ſteilen Pfade könnten Sie ausgleiten.“
„O, nicht doch!“ rief ſie und ſtand ſchon oben.„Wenn Sie wüßten, wie oft ich ſchon allein hier hinaufgeklettert bin!“
Sie blickte nach allen Seiten um ſich und athmete in vollen Zügen die friſche Luft.
„Welche Erquickung das doch iſt! Der Athem der Natur weht Einem hier oben bis in's tiefſte Herz hinein. Hier kann die Seele ausſtrömen— Alles, was ſie bedrückt.—— Iſt dieſe Ruhe ringsum nicht köſtlich? Und doch— Alles iſt belebt, Alles ſpricht zu mir! Da drüben der Fluß mit ſeiner klaren Waſſerfluth— der Himmel über mir mit den wandernden Wolken— jeder Baum, jeder Strauch, ſelbſt der Stein am Wege redet ſeine Sprache. Es iſt, als ob ich tauſend geheime Stimmen höre, die weiter und weiter hinausklingen und ſich in die Ferne verlieren.—— Sehen Sie dort in der Niederung die alten Weiden? Wenn auch entlaubt— doch ſind ſie auch in dieſer Jahreszeit nicht allen Reizes leer.— Den ſchönſten Anblick aber bieten ſie im Herbſt. Dann gießt der Mond ein ſcheues Dämmerlicht über ſie aus und läßt ihr grauſilbernes Gewand bis hier herüber blinken. Sie flüſtern und wispern zuſammen und neigen und beugen ſich gegen⸗
einander, und greifen wie mit Geiſterhänden in die neblige 5³
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