Jahrgang 
2 (1879)
Seite
418
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Luft. Ein geyeimnißvoller Zauber iſt es, der ſie umſtrickt, und unwillkürlich Goethe's Lied vom Erlkönig in's Gedächt⸗ niß ruft.

Recht ſchön und poetiſch mag das wohl ſein, lächelte Rolf,aber zürnen Sie nicht, wenn ich etwas Proſa dazwiſchenwerfe geſund iſt es gewiß nicht. Auch heut' nnlr die Luft recht eiſig. Sie ſollten lieber die Mittagszeit, 1 warmer Sonnenſchein, zu Ihrer Erholung im Freien e gen Warum bringen Sie dieſe Zeit im Zimmer zu?

Weil der Tag und gerade die Mittagsſtunden mit hellem Licht mir zur Arbeit unentbehrlich ſind; Abends kann ich meiner ſteten Beſchäftigung nicht obliegen. Ich bin Porzellan⸗ malerin.

Und Sie ſind geru fleißig?

Gewiß. Aber es iſt auch noch etwas Anderes, was mich unermüdlich zur Arbeit treibt das Bemühen, traurigen Ge⸗ danken zu entfliehen.

Wieder flog ein wehmüthiger Ausdruck über ihre Züge.

Darf ich's nicht wiſſen, was Sie bedrückt? bat Rolf. Ich verſicherte Ihnen ſchon einmal meine innige Theilnahme. Erleichtern Sie Ihr Herz. Es iſt kein Unwürdiger, dem Sie Ihr Vertrauen ſchenken.

Es iſt auch kein G ehein nniß, ſagte Regine;ich trauere um das beſte Herz, das je auf Erden geſchlagen. Ich will es Ihnen gern erzählen, denn ich glaube, Sie werden mich verſtehen.

Ich hatte eine Schweſter; ſie war älter als ich. Seit zwei Jahren lebten wir Beide in dem Hauſe dort, das unſer Vater, der als penſionirter Offizier ſtarb, uns hinterlaſſen.

Sie können ſich kein ſchöneres Verhältniß denken, als jenes,

das zwiſchen Louiſe und mir geherrſcht. Sie war ein edles, gutes, reines Weſen, ſich aufopfernd ſir mich, klug, talentvoll,

durchbildet nach allen Seiten, das Edelſte erſtrebend, kurz ein wahrer Engel, zu dem ich in jeder Beziehung emporſehen konnte. Noch nie wieder habe ich ein ſo vollkommenes Geſchöpf kennen gelernt. Ich liebte he nein! ich betete ſie an!

Ehe wir in dies einſame Haus hinauszogen, hatten wir eine Wohnung in der Saadt inne. Louiſe war verlobt, ſchon lange Jahre; ihr Bräutigam, Juriſt, wartete auf eine An⸗ ſtellung, die ihm geſtatten würde, ſie heiraten zu können.

Wir hatten ein kleines Vermögen ererbt; es war verwendet worden⸗ um dem Bräutigam Louiſens die Möglichkeit zur

Vollendung ſeiner Studien zu gewähren. Ich ſo jung ich danols war, wunderte mich im Stillen darüber, daß er, der unſere keineswegs glänzende Lage kannte, es annehmen konnte Ueberhaupt flößte mir ſein Weſen, ſein Geſicht, ſein ganaes geiſtiges und perſönliches Ich wenig oder keine Sympathie ein und Louiſens Neigung zu ihm blieb mir ſtets ein Räthſel. Aber ſie liebte ihn das war genug.

Jahre gingen hin, das Examen war gemacht, eine Anſtellung erfolgt, von Heirat aber nicht die Rede. Kam ja einmal das Geſpräch auf dieſen Punkt, ſo wußte Louiſens Bräutigam immer einen Zeitpunkt, der erſt abgewartet werden mußte ehe ihre Vereinigung ſtattfinden konnte. Dabei kam er ſeltener und ſeltener; ſein Weſen wurde ſcheu und unſicher, ſeine Züge erſchlafften, die Augen, die unruhig hin⸗ und herirrten

und keinen freien, ſanken in ihre Höhlen zurück, ſo das Louiſe ernſtlich um ſeine Geſundheit beſorgt wurde

offenen Blick ertragen konnten,

Concordia.

wir nicht und Louiſe erklärte ihr dies.

Mich beſchlich ein eigenthümliches Mi Veunne n, das immer wieder verwarf, weil ich es mir eben ner als i Antipathie entſprungen zu erklären wußte.

Es gab mehrere Familien im Hauſe, die, gleich uns, ſchon lange in demſelben wohnten und um dies Verhältniß wußten. Eine derſelben hatte zwei recht hübſche Töchter, deren eifrigſtes Beſtreben es war, zu einem eigenen Hausſtand zu gelangen. Sie beneideten meine Schweſter um ihre Ausſicht dazu; ich wußte es.

Eines Tages erhielten wir den Beſuch einer Frau, welche unten im Hauſe eine Kellerwohnung inne hatte. Sie ſtellte an Louiſe das Verlangen, ihr hundert Thaler, deren ſie zur Deckung einer Schuld dedürfe, zu leihen. Wir hatten dieſer Frau ſeither viel Gutes erwieſen, da ſie uns arm erſchien, wenngleich ſie nicht hauszuhalten verſtand und ihre Armuth wohl ſelbſt verſchuldet hatte. Die geforderte Summe beſaßen Sie mochte wohl an⸗ nehmen, daß wir das Geld nur nicht geben wollten, und drang ferner in uns. Als Louiſe jedoch auf's Beſtimnteſte wieder⸗ holte, ſie wäre außer Stande, ihre Bitte zu erfüllen, wurde ſie ungehalten und ſchrie:

Sie alter Geizkragen! Warten Sie nur, Ihr Liebſter wird Ihr Geld ſchon noch klein kriegen; das iſt ein lieder⸗ licher Menſch, der ſich Nachts mit anderen, gewiſſen Damien amüſirt. Wenn Sie's etwa nicht glauben wollen, ſo gehen Sie nur morgen in den Kreuzgarten. Da iſt großer Masken⸗ ball und ſie haben ihn ſchon eingeladen. Er wird als Tiroler erſcheinen. Leben Sie wohl!

Damit warf die Frau die Thür zu und noch auf dem hörten wir ſie gemeine Drohungen gegen uns

ich aber meiner

Koörridor ausſtoßen.

Ich ſah mich nach meiner Schweſter um und erſchrak vor ihrem todtblaſſen Antlitz.

Um Gottes willen, Louiſe, rief ich,Du wirſt doch auf der⸗ artige Verleumdungen nichts geben Du wirſt doch nicht etwa hingehen?

Ja ich werde gehen, erwiderte ſie.Ich muß es Dir ſagen, daß ich ſchon längſt Verdacht gegen ihn hege. Endlich will ich Gewißheit haben dies quälende Gefühl hier innen ertrage ich nicht länger.

So laß mich mit Dir gehen⸗ Louiſe.

Nimmermehr, Kind! Im Kreuz Marten verkehrt ein zwei⸗ deutiges Publikum und Du ſollſt mit Deinen reinen Augen nicht in dieſen Sündenpfuhl blicken. Ich gehe allein und bleibe nur ſo lange, als ich, zur Ueberzeugung der Wahrheit, muß.

Louiſe ging. Wie ſie wiederkam erlaſſen Sie mir eine eingehende Schilderung deſſen.

Thränen hatte ſie nicht, aber aus dem geliebten Antlitz ſprach eine ſo ſtumme, namenloſe Seelenqual, daß mir ſelbſt die Thränen aus den Augen ſtürzten und ſie es war, die mich tröſten mußte.

Am anderen Morgen klopfte es an unſere Thür und herein traten die Töchter jener Familie, die mit in dem Hauſe wohnte und deren ich ſchon erwähnte.

Louiſe ſchrak bei ihrem Anblicke zuſammen und verließ das Zimmer. Erſt ſpäter habe ich erfahren, daß dieſe leicht⸗ ſinnigen Mädchen ohne Wiſſen ihrer Eltern ebenfalls den Kreuzgarten beſucht; daß Louiſens Bräutigam

n Maskenball inn