Louiſe konnte den Schlag nicht verwinden.
den intimſten Verkehr mit ihnen unterhielt und, von Louiſe belauſcht, ihnen erzählte, es fiele ihm gar nicht ein, letztere zu heiraten; ſie ſei ihm viel zu altjüngferlich und er habe ſie eigentlich nie geliebt; er liebe jüngere, hübſchere Mädchen und betrachte es als den dümmſten ſeiner Studentenſtreiche, ſich mit dieſer langweiligen Moralpredigerin verlobt zu haben. Indeß ſei es immerhin eine Entſchuldigung für ihn, daß auch andere Männer in jüngeren Jahren oft Thorheiten begehen, die ſie ſpäter bitter bereuen.— Darauf hatten alle Drei über Louiſe gewitzelt und ſich in den beleidigendſten Ausdrücken über ſie ausgeſprochen.
Indem ſie ihm ohne Rückhalt dasjenige, was ſie, wenn auch gegen ſeinen Willen, aus ſeinem eigenen Munde vernommen, mittheilte, erſuchte Louiſe ihren Bräutigam, unſer Haus ferner nicht mehr zu betreten.— Auf dieſen Brief erhielt ſie nicht einmal eine Antwort.“—
Rolf hatte der Erzählung Reginens voll Theilnahme zu⸗ gehört.
„Der Elende!“ murmelte er.„Und hatte er nicht wenigſtens ſoviel Ehre im Leibe, daß er Ihrer Sthweſter das entnommene Kapital zurückzahltée?“„. e.
„Nein. Wir hörten nichts mehr von ihm.— Meine arme Mit jedem Tage wurde ſie trauriger und in ſich gekehrter— kränkelte und härmte ſich zu Tode. Wohl malte ſie nach wie vor im Verein mit mir; wir hatten auch vollauf zu thum um alle Aufträge, die uns wurden, ausführen zu können, aber ich merkte ihr an, daß die rechte Freudigkeit zum Schaffen nicht mehr da war. An ihren eigenen, wirklich vollendet ſchönen Werken hatte ſie keine Freude mehr und eine innere Stimme ſagte mir unabläſſig, die Blüthe ihres Lebens ſei geknickt.
Dazu kam, daß die Menſchen, die gerade für dieſe Art Unglück ſelten Theilnahme, viel eher Schadenfreude empfinden,
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Toncordia.
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die Schuld an dem Bruch des Verhältniſſes bei meiner Schweſter ſuchten und mit der Oberflächlichkeit des Urtheils, die ja die Mehrzahl von ihnen kennzeichnet, ſchnell eine Ver⸗ dächtigung ihrer, ſogar meiner Ehre bei der Hand hatten. Es kam uns davon zu Ohren.
Erſparen Sie mir die Aufzählung alles deſſen, was von einer Klatſchbaſe zur anderen getragen und bei jeder weiteren Ueberlieferung um ein Erkleckliches übertrieben wurde, bis zu⸗ letzt ein uns beſonders wohlwollender Mund ſich berufen fühlte, die ganzen Ungeheuerlichkeiten vor uns aufzutiſchen.
Wir begegneten ja all' dieſen Hohnreden und Sticheleien nur mit Verachtung; aber glauben Sie mir, wenn ein läſtiges Inſekt, das uns umſchwärmt, gar nicht zu verſcheuchen iſt, ſondern immer und immer wiederkehrt, um dennoch heimlich ſeinen giftigen Stachel in unſer Fleiſch zu bohren, ſo erfüllt uns endlich Schmerz und Ekel.
Wir hatten das Alles herzlich ſatt und ſo beſchloſſen wir, hier in unſer einſames Haus, das nur immer für den Sommer
ermiethet war, herauszuziehen.— Gott ſegne die Stunde, in der wir es thaten!
Bald nach dem Einzug wurde Louiſe recht krank. Hanna und ich pflegten ſie auf's Sorgſamſte; ſie genas auch— aber ihre Kraft blieb gebrochen. Ihre Wangen wurden bleicher von Tag zu Tag, die Augen größer, leuchtender— der Engel des Todes, ich ahnte es, war an ihr vorübergeflogen und hatte ihr ſeinen Gruß geſandt.
Nicht lange, ſo drückte ich einen Kranz weißer Roſen auf die edle Stirn und hauchte den letzten Kuß auf ihre erkalteten Lippen. Was ſie mir geweſen, die Reine, Hohe, das kann nur ich, die ich dies unvergleichliche Herz bis in ſeine tiefſten Falken gekannt, allein ermeſſen.“
Regine ſchwieg.
(Jortſehung folgt.)
Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung)
10. Kapitel.
Sprachlos ſah ich ihn einige Sekunden an; ich traute meinen Augen kaum, und doch trügten ſie mich nicht, er war es. Ich hatte ihn zwar nur beim Gaslicht geſehen, und bei jener unvergeßlichen Gelegenheit unſerer erſten Begegnung teng er volleres Haar, doch die Nacht in Antwerpen und mein Bekanntwerden mit Felicite d'Alvan's Liebhaber hatten ſich viel zu peinlich in mein Gedächtniß geprägt, als daß ich das Geringſte von dem, was damit in Beziehung ſtand, hätte vergeſſen können. Selbſt wenn ich ihn wiedererkannt hätte und dabei unerkannt hätte bleiben können, ſo würden ſchon die Erinnerungen, die er bei mir erweckte, mich in die größte Aufregung gebracht haben, doch nun er in einem unswachten Augenblicke unvorſichtig meinen Namen ausgerufen und der ganzen Geſellfchaft eröffnet, daß wir uns ſchon früher ge⸗ ſehen, war meine Verlegenheit und mein Erſchrecken endlos.
Ich fühlte mein Blut in die Wangen ſteigen, und mein Kopf ſchwindelte mir, während ich verſuchte, meine Faſſung zu be⸗ halten; als miein„üugſtliches Auge auf die Couſine Marcia ſiel ſah jcha daß ſie mich mu dem Ausdruck des höchſten Er⸗
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ſtaunens anſtarrte. Ich verſuchte zu ſprechen und ſtotterte etwas über meine Bekanntſchaft mit Herrn Moore hervor doch die Zunge verſagte ihren Dienſt, ich ſenkte meinen Blich ſo Allgemeine Neugierde zeigte ſich, Jeder wollte mehr von dem, was ich ir meiner Verlegenheit nicht hervorbringen konnte, wiſſen, und zweifellos bereute Herr Moore bitter das unüberlegte Wort, das ſeinen Lippen entflohen war.
„„Miß Fleming?“ ſagte Tante Julia erſtaunt.„Aber ich bitte Dich, Ernſt, woran denkſt Du denn? Du kannſt Petrone Fleming doch noch nicht geſehen haben, ſie kam ja kurz vor Tiſch erſt hier an.“
„Vielleicht— vielleicht war es ein Irrthum von mir,“ hörte ich ihn raſch antworten,„es war eine Dummheit von mir.
„Woher wußteſt Du denn ihren Namen?“ fragte die Groß mama,„hatte Dir ſchon Jemand von ihrem Kommen erzählt?
„Ich weiß nicht— ich glaube Julia war es.“
„O nein, ich war es nicht,“ erwiderte Tante Julia,„Di warſt, ja auch die letzten Tage gar nicht hier. Haſt Di Petronel ſchon früher in Rockbury geſehen?“
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