420 Concordia.
Ernſt Moore wurde ſo in die Enge getrieben, daß die Verſuchung, mir zu Gefallen eine Unwahrheit zu ſagen, ſehr hart an ihn herantrat; der Gedanke war mir unerträglich, und wenngleich ich noch peinvoll verlegen war, ſo erhob ich doch mein glühendes Geſicht von der Betrachtung der Koteletten und Erbſen auf meinem Teller und ſtieß ein kurzes, aber feſtes„Nein“ heraus.
„Sie ſagt Nein!“ wiederholte die Couſine Marcia mit keifender Stimme,„Petronel ſagt, ſie wäre dem Herrn in Rockbury nicht begegnet; wo mag es dann geweſen ſein?“
„Es war in Antwerpen,“ erwiderte ich und machte ge⸗ waltſame Anſtrengungen, gleichgiltig zu erſcheinen.
„In Antwerpen?“ rief der Vetter Ulih aus.
Es war das erſte Wort, das er hineinwarf; in ſeiner Stimme lag aber ein Gemiſch von Erſtaunen und Enttäuſchung, das mich prophetiſch warnte, vorſichtig zu ſein, damit die weiteren Erörterungen mir kein Unheil brächten. Gar gern hätte ich ihm Alles offen mitgetheilt, doch dazu war es weder der Ort, noch die Zeit. Inzwiſchen dauerte das Katechiſiren unabläſſig fort.
„In Antwerpen?“ fragte nun auch Tante Mary;„warſt Du dort auf der Schule?“
„Ja, ich war bei der Miß Little in der Kapuzinerſtraße.“
„Wie kamſt Du denn aber nach Antwerpen, Ernſt? Du fagteſt uns ja, Du hätteſt in Brüſſel das Franzöſiſche er⸗ lernt?“
„Das habe ich auch, doch von dort aus ging ich öfter nach Antwerpen, mit der Eiſenbahn iſt es ja nicht weit.“ „Bei Gott! Und Miß So und So duldete ſolche ge⸗ fährliche Gäſte in ihrer Penſion, Miß Fleming?“ fragte Sir Otho und lehnte ſich weit auf den Tiſch, um mich von dem unteren Ende her durch ſein Glas zu beobachten.
Als ich aufſah, um ihm zu antworten, begegnete mein Auge dem meines Vormundes, der zwiſchen uns ſaß.
O nein!“ ſagte ich ängſtlich— ich wußte ſo recht nicht, was ich darauf erwidern ſollte„nein, das nicht.“
„Aber wo ſaht Ihr Euch denn, meine Liebe?“ fragte Tante Julia weiter.
„In— in einem Konzert,“ antwortete ich ſtotternd und erröthend, was unfehlbar Allen auffallen mußte.
„Das ſcheint mir denn doch höchſt ſonderbar!“ bemerkte die Couſine Marcia.
Jetzt aber hielt Herr Moore es für nothwendig, mir zu Hilfe zu kommen.
„Ganz und gar nicht!“ wandte er ſich zu einer ſeiner Nachbarinnnen, doch mit Abſicht ſo vernehmlich, daß Miß Ford ihn verſtehen mußte.„Auf dem Kontinent ſind die ge⸗ ſelligen Gebräuche ganz verſchieden von denen hier in Eng⸗ land, es wäre unrecht, wenn man ſie nach demſelben Maß⸗ ſtabe beurtheilen wollte. Ich hatte das Vergnügen, in Antwerpen auf einem Gartenkonzerte, das ich mit einigen Be⸗ kannten beſuchte, Miß Fleming zu begegnen und ihr vorgeſtellt zu werden, und brauche nicht zu ſagen, daß ich ſie nicht ver⸗ geſſen, nachdem ich ſie einmal geſehen. Ich geſtehe, daß ich nicht wenig erſtaunt war, ſie hier zu treffen, ich hatte nichts davon gehört, daß ſie hier erwartet wurde, und erlaube mir nur noch hinzuzufügen, daß mein Erſtaunen übertroffen iſt zurch das Vergnügen, unſere erſte, flüchtige Bekanntſchaft hier zrneuern zu können.“
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Bei den letzten Worten beugte Herr Moore ſich verbindlich zu mir herüber; ſeine Eröffnung genügte dem größten Theil der Geſellſchaft, und man ging zu einem anderen Thema der Unterhaltung über, mir ſchien es jedoch, als müſſe ich Denen, die mich nach Antwerpen geſchickt hatten und die in dem guten Glauben waren, von Allem, was mein Benehmen dort an⸗ betraf, genau Beſcheid zu wiſſen, noch nähere Aufklärung geben.
Plötzlich rief Tante Julia aus:
„Alſo dort wurden auch die öffentlichen Gartenkonzerte beſucht? Das iſt ja charmant!“
Zu gleicher Zeit lehnte ſich die Couſine Marcia fragend über den Tiſch:
„Warum ſagteſt Du uns nie etwas davon, daß Du dort ſchon die Bekanntſchaft des jungen Herrn gemacht?“
Dem Vetter Ulih hätte ich zu jeder Zeit Alles, ſo weit ich dazu im Stande war, mitgetheilt, die überhebende Art und Weiſe aber, mit der mich ſeine Schweſter behandelte, erweckte wieder den alten Widerſpruchsgeiſt in meinem Herzen.
„War es denn abſolut nothwendig, daß ich über jeden ein⸗ zelnen Herrn, den ich kennen lernte, Mittheilung machen mußte?“ fragte ich gleichgiltig.
„Das nicht, es iſt aber nothwendig, daß Du vor meinem Bruder und vor mir keine Geheimniſſe haſt. Wir hörten nie eine Silbe davon, daß Du Gartenkonzerte und dergleichen beſuchteſt.“
„Ich ging auch nur zu einem,“ erwiderte ich kurz; ich fühlte mich aber höchſt unbehaglich und war ſehr unruhig darüber, wohin dieſe Entdeckung führen würde.
„Wird es denn den jungen Penſionärinnen dort erlaubt, Konzerte, Theater und ähnliche Vergnügungen mitzumachen?“ fragte Tante Julia;„das muß ihre Studien doch ſehr ſtören; ich glaube nicht, daß ich meine Töchter je in's Ausland ſchicken werde, wenn ſie dort ſo gehalten werden.“
„Wäre es nicht das Beſte, wir erörterten dieſen Gegen⸗ ſtand nicht weiter?“ fügte Herr Moore gutmüthig lächelnd hinzu. Der Wink genügte, und man ließ ihn fallen.
Ich für meine Perſon blieb während des weiteren Diners einſilbig und ſchweigſam und war der Großmama dankbar, als ſie uns Damen das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Abend war ſchön, und eine Promenade durch den Park wurde vorgeſchlagen. Alle nahmen Theil daran, nur die Couſine Marcia nicht, ſie zog es vor, im Hauſe zu bleiben. Ich ver⸗ muthete es ſofort, und weiß es jetzt gewiß, daß ſie nur zurück⸗ blieb, um ihren Bruder auf meine verdächtige Verlegenheit aufmerkſam zu machen, hoffte aber, daß ich ſpäter Gelegenheit finden würde, ihn darüber zu beruhigen. So war ich denn unbeſorgt und gab der Großmama meinen Arm, um ſie zu führen.
Der Park war ihr und der ganzen Gegend Stolz, die Anlagen, das ganze Arrangement darin war aber auch ſo ge⸗ ſchmackvoll, wie ich ſie faſt nie geſehen. Von Natur für Blumen ſchwärmend, war ich entzückt über die Blüthenpracht, die ſich meinem Auge bot, und meine rückhaltsloſe Anerkennung ihrer Lieblingsbeſitzung erfreute die Großmama ſo ſehr, daß ſie mich nicht von ihrer Seite ließ, und darauf beſtand, daß ich mit ihr durch alle Gewächshäuſer ging; die Luft darin
war ſo ſchwül und drückend, daß mir ſchließlich ganz flau zu
Muthe wurde und ich mich einer Ohnmacht nahe fühlte. Als


