Jahrgang 
2 (1879)
Seite
421
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Concordia. 421

wir wieder yeraus und in die friſche Abendluft traten, ſah ich von Weitem ſchon die ſchwarzen Nöcke zwiſchen den hellen Toilletten der Damen umherwandern, doch vergebens ſuchten meine Augen den Vetter Ulih; den Herrn Moore fanden ſie aber ſehr bald; kaum hatte er uns ausſpionirt, ſo trat er an unſere Seite und erbat ſich die Erlaubniß, die Führung der Großmama übernehmen und den Korb, in dem ſie die welken Blätter und die verblühten Blumen geſammelt hatte, tragen zu dürfen. Weder bei ihr noch bei einem anderen Mitgliede der Familie ſchien der Verdacht aufgekommen zu ſein, daß unſere erſte Bekanntſchaft auf ſo unpaſſende Art und Weiſe gemacht war; ſie nahm daher ſein Anerbieten an und ſchrieb lachend ſeine Gefälligkeit unſerer alten Freundſchaft zu, was ich natürlich in Abrede ſtellte; ſie aber ſprach liebenswürdig und freundlich mit uns Beiden, während wir ſie nach dem Hauſe führten. Ich wünſchte nichts mehr, als mit ihr hinein⸗ zugehen, denn ich ſehnte mich ſo ſehr danach, den Vetter Ulih zu ſprechen; als wir jedoch auf die Veranda traten, nahm die Großmama zwei Schlüſſel aus dem Korbe und ſagte, ſich zu mir wendend:

Liebe Petronel, ich habe die Schlüſſel vom Gewächshauſe aus Verſehen mitgenommen; wäreſt Du wohl ſo gütig, ſie zurückzubringen und Brownton zu geben, ſie fehlen ihm ſonſt morgen früh; Herr Moore wird Dir ſicher das Geleite geben.

Sie hätte dieſen Auftrag ja jedem beliebigen dienſtbaren Geiſt geben können, doch ſie dachte wohl, daß es einem ſo jungen Dinge, wie ich es war, Freude machen würde, noch⸗ mals durch den Garten zu laufen. In meiner Sehnſucht, den Vormund zu ſprechen, wäre ich begreiflicherweiſe lieber bei ihr geblieben, und unter den obwaltenden Verhältniſſen wünſchte ich auch nicht, daß es den Anſchein haben könnte, als ob ich die Geſellſchaft des Herrn Moore aufſuchte. Da ich aber keinen Grund fand, ihren Auftrag zurückzuweiſen und ſeine Begleitung abzulehnen, kehrten wir Beide um und machten vereint nochmals den Gang nach dem Gewächshauſe.

Miß Fleming, es thut mir herzlich leid, daß ich mich vorhin bei Tiſch ſo dumm benommen habe, fing er an, ſo⸗ bald wir aus dem Bereiche der Uebrigen waren,ich begreife noch nicht, wie ich dazu kam. Glauben Sie, daß es Ihnen Ungelegenheiten bereiten wird?

Ich hoffe nicht ich hoffe ſehnlichſt nicht! erwiderte ich;ſo weit ich kann, werde ich meinem Vormunde Alles er⸗ zählen, doch ich habe Felicite feſt verſprochen, ſie nicht zu ver rathen, drum werde ich ihren Namen keinenfalls nennen.

Aber Sie können ihn doch nicht glauben machen, daß Sie allein dahin gingen? fragte er ängſtlich.

Das freilich nicht; wie ſich überhaupt Alles löſen wird, davon habe ich noch keine Ahnung; ich weiß nur das Eine: Felicite's Namen wird nicht genannt, ſelbſt nicht, wenn es mir nachtheilig werden ſollte. Doch wie ſteht es, Herr Moore, hören Sie noch ab und zu von ihr?

Er erröthete wie ein Mädchen, als er mir antwortete:

Ja, fortwährend; wir korreſpondiren regelmäßig mit⸗ einander. Hoffentlich endet Alles gut. Aber ich bitte Sie

inſtändigſt, Miß Fleming, ſprechen Sie nicht weiter davon.

Augenblicklich habe ich ihr noch zu wenig zu bieten, um ſie heiraten zu können, ich kann ſie aber nicht vergeſſen und werde es auch nie.

Ich freute mich ſeyr, dieſes zu hören, und ſagte es Herrn Moore auch. Ich wußte recht gut, daß Felicite thöricht und leichtſinnig war, doch die Erinnerung an unſere Freundſchaft forderte ihr Recht. Ich war aber auch davon überzeugt, daß meine kleine belgiſche Freundin, wenngleich ſie in mancher Beziehung ſehr leichtſinnig war, doch viel auf Herrn Moore hielt.

Ich war ebenfalls völlig unvorbereitet darauf, Sie hier zu treffen, fuhr ich fort,es überraſchte mich ſo, daß ich faſt meinen Athem verlor.

Mir ging es nicht beſſer, antwortete er mit kläglicher Stimme,ich kam ganz aus meiner Faſſung; ich begreife aber doch jetzt noch nicht, daß ich ſo dumm ſein konnte! Allein ſeit der Zeit, wo ich Sie in Antwerpen ſah, habe ich Ihren Namen nicht wieder nennen hören, und nie im Traume würde es mir eingefallen ſein, daß Sie ein Großkind von Halſtedt's ſein könnten. Mit dieſen bin ich ja auch ſchon ſeit mehreren Jahren bekannt.

Ich glaube, mein Name iſt hier nur ſelten genannr worden, ſagte ich kopfſchüttelnd,er hat für den Großpapa keinen guten Klang; die Verheiratung meiner Mutter hat ihm viel Kummer bereitet; es iſt auch das erſte Mal, daß ich hier in Frampton bin.

Das iſt ja merkwürdig! Aber bei wem leben Sie denn?

Bei meinem Vormund, dem Doktor Ulih Ford, er⸗ widerte ich erröthend.

Ah ſo! Bei dem ſo angenehm ausſehenden Herrn, der bei Tiſch mir gegenüberſaß. Er ſchien mir wie verſteinert, als ich Ihren Namen ausrief. Ja, nun kann ich mir Alles erklären; dann iſt es kein Wunder, daß ich Sie hier noch nie traf.

Kommen Sie denn oft hierher?

Gewöhnlich bin ich um dieſe Zeit, wenn Julia und Otho hier ſind, einige Tage hier. Sie wiſſen doch, daß ich mit Letzterem verwandt bin?

Ich entſinne mich, daß Julia von einem Vetter ihres Mannes ſprach, doch nie dachte ich daran, daß Sie dieſer Vetter ſein könnten. Hier iſt aber das Gärtnerhaus! Wollen Sie den Schlüſſel hineinbringen?

Auf dem Rückwege ſetzten wir unſere Unterhaltung fort. Herr Moore theilte mir mit, daß er vorerſt wieder nach Brüſſel zu gehen dächte; nach Vollendung ſeiner Ausbildung wollte er dann in's diplomatiſche Fach treten. Er ſprach mit dem Vertrauen der Jugend über ſeine glänzenden Ausſichten und äußerte ſich mit der Zuverſicht eines Liebenden über ſeine Felicite dahin, daß ſie ihre künftige Stellung würdig aus⸗ füllen müßte. Hierüber hatte ich meine gelinden Zweifel, ſeit lange ſchon hatte ich die Anſicht gewonnen, daß Made⸗ moiſelle d'Alvan's beſter Schmuck ihr blaues Auge und ihr flachsblondes Haar ſei, doch ich ließ meinen Verdacht gegen ihren Verehrer nicht laut werden und pflichtete ihm ſchweigend bei. Die Erwähnung Felicite's brachte unſere Gedanken un⸗ willkürlich nach dem Kontinente, und während wir noch von verſchiedenen dortigen Verhältniſſen ſprachen, erſchreckte Herr Moore mich plötzlich durch die Frage:

Wie vertrugen Sie ſich denn mit meinem Freunde David? Sie hatten ſpäter noch Unterricht bei ihm, nicht mabr?