Jahrgang 
2 (1879)
Seite
422
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Concordia.

Nun, ganz gut! erwiderte ich gleichgiltig. Nurganz gut? ich denke doch, er iſt einzig in ſeiner Art; freundlich, angenehm und gewandt in ſeiner Unterhaltung. Dabei rauchte er eine vorzügliche Cigarre; wenn ich zu ihm kam, präſentirte er mir immer davon und war ſo freigiebig damit, wie ein Lord!

Ueber Cigarren habe ich kein Urtheil, ſagte ich kurz, die können alſo kein Bindemittel unſerer Sympathien ſein.

Ah, ich merke ſchon, Sie lieben ihn nicht! Das iſt klar, überraſcht mich aber einigermaßen, er weiß ſonſt Jedermann für ſich zu gewinnen. Der arme Schelm hat Ung glück gehabt, urſprünglich ſtammt er aus guter Familie und iſt f mögend geweſen; durch irgend einen unglückſeligen Bankerott hat er ſein ganzes Vermögen verloren. Für Jemanden, der ein flottes Leben gewo hnt iſt, iſt es inuner ſehr hart, wenn er ſo weit herabſ te den muß, daß er Zeichenunterricht iali⸗ Finden Sie das nicht auch?

Ja, gewiß finde ich es ſehr hart. ob es wahr iſt?

Miß Fleming, Sie werden ungerecht! ich ſpreche weiter nicht mit Ihnen. Ich hatte keine Idee davon, daß Sie eine ſo gefährliche Dame ſein könnten. Doch Scherz bei Seite, Herrn David thun Sie unrecht, er iſt ein ſo braver, ehrlicher Menſch, wie nur einer lebt. Doch wer kommt uns da⸗

entgegen?

Das iſt Vetter Ulih! rief ich aus; ich erkannte von Weitem ſchon meinen Vormund, ließ Herrn Moore im Stich und lief auf ihn zu.

Vetter Ulih, ich muß Dich ſprechen!

Ernſt, faſt ängſtlich war der Ausdruck ſeiner Züge, als er auf uns zutrat; bei meiner Anrede jedoch erheiterten ſich ſeine Mienen, er lächelte in alter, zutraulicher Weiſe und drückte meinen Arm, den ich in den ſeinen legte, warm an ſich.

Was giebt es denn, Pet?(ſeit einiger Zeit pflegte er mich ſo zu nennen).

Ich muß Dich über meine Bekannt ſchaft mit Herrn Moore, die bei Tiſch zur Sprache kam, aufklären. Ich will Dir Alles, ſo weit ich kann, ſagen.

Das ſollſt Du auch, doch jetzt nur nicht, Du gehſt j mit Herrn Moore.

Wir ſind ſchon auf dem nach dem Gärtnerhauſe. O nein, ganz und gar nicht. verlaſſen, wir können ja zuſammen nach Hauſe gehen.

So geſchah es denn auch; an der Treppe hielt ich jedoch meinen Vormund zurück, und Herr Moore trat allein auf die Veranda.

Was hat mein Liebling mir denn nun anzuvetrauen? fragte Vetter Ulih, als wir umkehrten und uns den verlaſſenen Garten wieder zuwandten.

Nun ich fürchte, Du wirſt das Alles ſehr ſonderbar gefunden haben.

Ja, allerdings ſehr ſonderbar, doch ich dachte, Du würdeſt mir Alles aufklären, und gab mich zufrieden. Jetzt, Pet, ſage mir, was hatte es zu bedeuten?

Ich muß Dir geſtehen, daß ich ſehr unrecht gehandelt habe, fing ich zaghaft an,wir wurden dort in der Penſion aber ſo ſtreng gehalten, wir ſahen und hörten nichts, und ich ſehnte mich ſo ſehr danach, das Konzert zu hören, zu dem

ehr ver⸗

Wiſſen Sie aber auch b,

Rückwege, Großmama ſchickte Doch das iſt ja gleichgiltig 12

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Uls

3 wäre una drig,

ich hielt die

Miß Little und Madame Gabeaux auch gingen; Sache auch für ganz harmlos.

Du gingſt aber doch nicht allein dahin? unterbrach er mich erſchrocken.

Nein, allein nicht, antwortete ich zögernd.

Aber mit wem denn?

Das iſt es gerade, was ich 2 habe feierlich Stillſchweigen gelobt.

Er wurde ſchweigſam, und ich fühlte deutlich, wenn ich auch in einzelnen Punkten offen und ehrlich geweſen war, ſo konnte er mir doch nicht unbedingt glauben, ſo lange noch ein Jota von unſerem unglückſeligen Ausfluge verheimlicht blieb. So geht es ja immer im Leben; jeder Verſuch, Vertrauen zu gewinnen, iſt nutzlos, ſo lange man noch Einzelnes verheim⸗ licht; die menſchliche Natur ſträubt ſich einmal dagegen, zu glauben, daß das Einzelne, was verheimlicht iſt, Nebenſache ſein könnte.

Als der Vetter ſchweigſam blieb, wurde ich muthlos und verzagt; nach einer Weile fing ich wieder an:

O, wenn Du es doch wüßteſt, wie es mich betrübt! Aber ich habe es ſo heilig gelobt, zu ſchweigen.

War es denn am Abend, Petronel?

Ja!

Und dort begegneteſt Du dem Herrn Moore zuerſt?

Er begegnete uns.

War es denn Verabredung?

Nein, von mir nicht, ganz gewiß nicht! Ich habe ihn vorher nie geſehen.

Mit wem gingt Ihr denn wieder nach der Penſion?

Dir nicht ſagen darf, ich

Nun, mit ihm und und noch Jemandem.

War denn dieſer Jemand auch ein Herr, ein fremder Heyre

Ja! O bitte, Vetter Ulih, ſieh' nicht ſo böfe aus: Wir verloren unſeren Weg es war ein reines Miß⸗ verſtändniß wir hatten die Abſicht nicht gehabt, es geſchah uns auch weiter nichts und

Petronel, Du betvübſt mich tief, ſagte er mit leiſer Stimmie.

Ich fühlte, wie lahm meine Erzählung war, und wünſchte ſchon, ich hätte ſie gar nicht angefangen. Was ſollte und durfte ich nun noch hinzufügen? Ich konnte doch von meinem

Rencontre mit dem Herrn Danid nicht ſprechen, auch nicht davon, wie ſein Benehmen nachher gegen mich war, ohne Gefahr zu laufen, den Vater, deſſen ganze Sicherheit von

meiner Diskretion abhing, zu verrathen. Ich fühlte, es war unmöglich, und ich mußte eher die Schuld und Sühne auf mich ſelbſt nehmen, als ihn verrathen. Zitt ernd hing ich an des Vetters Arm, zaghaft erwartete ich ſeinen Urtheilsſpruch. Als er nun trübe und nicht böſe wurde, ſank mein Muth immer mehr.

Wann paſſirte dieſes? fragte er endlich wieder.

Vor einem Jahre, gerade im Juni vor einem Jahre.

Da warſt Du allerdings noch ſehr jung. Deine Jugend gereicht Dir zur Entſchuldigung. Ich hoffe, Dein Urtheil iſt ſeitdem reifer und richtiger geworden.

O, Vetter Ulih, daran zweifelſt. Du dach nicht?

Ich denke, Du wirſt jetzt zu der Einſicht gekommen ſein, daß das Unrecht immer böſe Folgen hat, ſelbſt ſchon hier auf Erden. In den Augen Deiner Verwandten, fürchte ich