Jahrgang 
2 (1879)
Seite
423
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Concordia.

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aber, wirſt Du durch den Zwiſchenfall bei Tiſch auch eben nicht geſtiegen ſein.

Sprachen ſie nachher noch davon? fragte ich ängſtlich.

Ja, das werden ſie ohne Zweifel gethan haben. Ich werde aber immer der Letzte ſein, Petronel, der etwas von Deinen Thorheiten hört; wenn Du nicht aufrichtig gegen mich biſt, kann ich es von Anderen gar nicht erwarten.

Aber ich will es ſein, Vetter Ulih, verlaß Dich darauf.

Ich glaube Dir; wärſt Du es nicht, ſo würde ich ſehr unglücklich ſein. Zwiſchen Dir und mir darf es jetzt keine Heimlichkeiten mehr geben.

Das würde auch jetzt nicht der Fall ſein, wenn ich nicht mein Wort gegeben hätte fing ich wieder an, ſtockte jedoch wieder, da ich einſah, daß es mir nicht möglich, mehr zu ſagen; ganz offen konnte ich doch nicht ſein.

Das erſte Unrecht lag darin, daß Du überhaupt dieſes Verſprechen gabſt; verlaß Dich darauf, wo Heimlichkeiten ſind, liegt immer ein Unrecht zu Grunde, zumal bei jungen Leuten. Wenn Du erſt meine Frau biſt, Pet, fügte er leiſe hinzu, ſo erwarte ich mit Zuverſicht, daß Du eben ſo offen gegen mich ſein wirſt, wie ich es in allen Punkten ſein werde, meinen Beruf natürlich ausgenommen.

Er neigte ſich zu mir und küßte mich auf die Stirn; ich brach in Thränen aus und barg mein Geſicht an ſeiner Bruſt.

O, Vetter Ulih, wie gern ſchüttete ich mein Herz ganz gegen Dich aus!

Das wirſt Du, antwortete er liebreich tröſtend; er ſah in meinen Worten eine Gewähr für die Zukunft und hatte keine Ahnung davon, daß mehr noch eine Klage der Gegen⸗ wart darin lag.Später wird es Dir leicht werden, mir Alles, was durch Deinen kleinen Kopf geht, ganz wie Du es wünſcheſt, zu beichten. Dann erſt wirſt Du es verſtehen, was es bedeutet,Eins zu ſein, Petronel, Eins in Herz und Seele, und Eins im Namen. Du liebes, theures Kind!

Damit wurde das Buch zugeſchlagen, und ich wußte, daß zwiſchen uns nicht wieder die Rede darauf kommen würde. Wie in Allem, ſo war der Vetter Ulih auch im Verzeih voll und entſchieden; wenn er einmal ein Unrecht vergeben hatte, ſo war es damit auch vergeſſen. So gab ich mich denn auch jetzt der Hoffnung hin, daß meine kleinen Sünden von Antwerpen nicht wieder als Ankläger gegen mich auftreten würden. Um nicht ſogleich wieder zur Geſellſchaft zu ſtoßen, führte der Vetter Ulih mich im Zwielicht noch einige Male vor dem Hauſe auf und ab und ſprach mit mir über unſere Zukunft, und wenn ich ſonſt auch gern vermied, darauf einzugehen, ſo lauſchte ich dieſes Mal doch aufmerkſam und gewann immer mehr die Gewißheit, daß unſer Glück durch den Zwiſchenfall am Mittag keinen Angenblick getrübt war. Während wir dort Arm in Arm umherwanderten, ſchien es mir unmöglich, daß ich unter ſeinem Schutz je in Irrthümer verfallen könnte, ich fühlte mich dort vor jeder Gefahr ſo ſicher. Unſere Herzen waren Eins; ſo vertraute ich darauf, daß unſere Seelen es auch werden würden, und nahm mir feſt vor, von der Stunde an ihn nie wieder zu täuſchen und keinen Brief meines Vaters wieder zu beantworten. Was daraus werden würde, wußte ich nicht, doch lieber wollte ich mich für immer von meinem Verlobten, und damit von all meinem Glück trennen, als den geringſten Zweifel an meiner

Aufrichtigkeit und Treue in ſeiner Bruſt aufkommen laſſen. Es war ein Augenblick wahrer Begeiſterung! Vertrauensvoll ſah ich der Zukunft entgegen; offen zwar lag der Abgrund vor mir, doch wenn er mir nur die Hand reichte, um mich hinüberzuführen, und mir mit Rath und That treu zur Seite blieb, ſo fürchtete ich mich weiter nicht davor; als Erſatz für ſeine Liebe wollte ich dann mich ganz und Alles, was ich zu bieten hatte, mein beſſeres Ich, ihm weihen. Schüchtern, doch offen theilte ich ihm meine Gedanken und Hoffnungen mit; er verſtand mich, und ſo waren wir vollſtändig glücklich.

Als die Zeit zu ſeiner Rückfahrt nach Rockbury heran⸗ kam, führte er mich nach der Bibliothek und übergab mich dort der Großmama. Als dieſe ihm lachend Vorwürfe darüber machte, daß er als Doktor ſo ſpät Abends noch ſeine Erlaubniß zum Hinausgehen den jungen Damen ertheilt, ſchien es mir, als hätte ich ihn nie zuvor ſo jung und ſo hübſch geſehen. Glückſelig und froh darüber, daß Alles ſo gut abgelaufen war, legte ich mich Abends zur Ruhe, keine Sorge vor kommendem Unheil bedrückte mein Herz.

11. Kapitel.

Früh ſchon am folgenden Morgen war ich auf und an⸗ gekleidet; die Nacht war ſchwül und heiß geweſen, und nach den Aufregungen des Tages vorher war mein Schlaf nicht ſo feſt und ungeſtört wie ſonſt. Im Allgemeinen war das frühe Aufſtehen in Frampton nicht an der Tagesordnung, die Großeltern waren ſchon zu betagt dazu und Lord und Lady Otho lebten zu ſtreng nach der Mode der großen Welt; ſelten nur kamen ſie vor zehn Uhr zum Frühſtück. Die Couſine Marcia hörte ich im Zimmer neben mir ſchon zeitig umher⸗ kramen, ich konnte es mir wohl denken, daß es ihr nach dem regelmäßigen Leben, das wir in Rockbury gewohnt waren, ebenſo ſchwer wie mir werden würde, ſpät aufzuſtehen. Auf dem Korridor ließ ſich noch kein Fußtritt vernehmen, die Dienerſchaft ſchien ſich offenbar die Sitte der Herrſchaft zum Muſter genommen zu haben. Ich öffnete die Feuſter meiner Schlafkammer, die nach dem Park und nach der Vorfahrt zu gelegen war, und lehnte mich auf die Fenſterbank. Der Blic⸗ von dort aus war entzückend, an den Blumen und Blättern hing noch der friſche Thau, von allen Seiten her ertönte der Geſang der Vögel, ein Rudel Damwild ſtand unter einer Gruppe ſchöner hoher Bäume, deren dichte Belaubung die Soune an einzelnen Stellen durchbrach, und an der Park⸗ umzäunung lief ein prachtvoller Faſan, ſeiner Dame die Cour machend, geſchäftig auf dem Raſen hin und her. Im Anblick dieſes friedlichen Bildes, im berauſchenden Duft der Blumen und in dem glücklichen Familienleben des Wildes und der Vögel lag etwas, das mich an die Unterredung, die ich Abends zuvor mit dem Vetter Ulih gehabt, und an das Bild, das er mir von unſerem zukünftigen ehelichen Leben vorgemalt hatte, erinnerte. Ein glänzendes Leben hatte er mir nicht verſprochen danach ſehnte ich mich ja auch nie, (wie tief mich ſeine Betrachtungen erregten, davon hatte er keine Idee), doch ſeine Worte waren ſo ſanft und vertrauens⸗ voll, wie man vom Hüummel ſpricht, und hatten einen Frieden in meiner Seele gelaſſen, der durch das Bild vor mir wieder erneut wurde. Ich lehnte mich weit hinaus aus dem Fenſter und dachte an nichts als an das eben Erwähnte, bis plötzlich