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mein Sinnen unterbrochen wurde; ich ſah, wie das Wild erſchrak, ſich ängſtlich zuſammendrängte und dann mit hoch⸗ aufgerichteten Ohren davonſprang und im Dickicht verſchwand. In demſelben Augenblick führte ein Reitknecht ein geſatteltes Pferd nach der Thür zur Halle, unmittelbar unter mir, und gleich darauf trat Herr Moore heraus.
Er ſprach einige Worte mit dem Reitknecht, ergriff die Zügel, ſchwang ſich in den Sattel und ritt im ruhigen Schritt über den Vorhof; als er am Eingange des Parkes ſein Pferd wandte, erblickte er mich am Fenſter und grüßte mit dem Hute. Mit Intereſſe ſah ich ihm nach, bis er hinter den Bäumen verſchwand. Als ich ſein feines, anſprechendes Aeußere ſah und dabei dachte, daß er von guter Familie war und eine vielverſprechende Karrière vor ſich hatte, ſchätzte ich unwill⸗ kürlich Felicite glücklich, ſeine Neigung gewonnen zu haben. Meine kleine Freundin war zwar auch ſehr niedlich, dabei pikant und lebhaft, ſie ſtammte aber aus keiner alten Familie, darum ſchien es mir zweifelhaft, ob ſeine ſtolze Verwandtſchaft über die von ihm getroffene Wahl ſehr entzückt ſein würde. Hochmuth war es nicht, der dieſen Gedanken in mir anregte, im Gegentheil, ich wußte nur zu gut, wie es mit meinem eigenen Herkommen ausſah, und wie gütig der Vetter war, wenn er dieſes überſah; es war alſo nur Intereſſe für ſie, die mit mir in gleicher Lage war, und Sorge für ihr Glück. Ich ſah es deutlich, daß Herr Moore viel von Felicite hielt, ſchon an ſeinen Mienen, wenn er nur ihren Namen nannte; ſo lange er dabei blieb, mochte wohl Alles gut gehen, denn er ſchien mir zu männlich und zu ehrenhaft, um ſie den Skrupeln ſeiner Familie zu opfern. Ich war übrigens ſehr erſtaunt, als ich von ihm hörte, daß er noch fortwährend mit ihr im Briefwechſel ſtand, und ich wunderte mich darüber, daß Felicite, die doch im Uebrigen ſo mittheilſam war, mir nichts davon geſchrieben hatte. Bei dem Gedanke an Felicite fiel mir die unſelige Einlage ein, die ſie mir das letzte Mal mitgeſchickt, und mir kam die Idee, daß Herr Moore ihr möglicherweiſe die Mittheilung von meinem Beſuch in Frampton machen könnte, und daß mein Vater durch ſie Nachrichten über mich erhalten würde. Dieſe Idee erfüllte mich mit Furcht und machte mich faſt krank. Nach dem Verſprechen, das ich dem Vetter Ulih gegeben, hatte ich mir feſt vorgenommen, von nun an ohne ſein Vorwiſſen nicht wieder zu ſchreiben, und wünſchte ſehnlichſt, daß er vor meiner Hochzeit nichts mehr von mir hören ſollte.(Bei dieſer Gelegenheit muß ich noch erwähnen, daß der Vetter Ulih am Abend vorher meine Einwilligung dazu erbeten hatte, unſere Hochzeit in ſechs Wochen zu feiern; ich erwiderte nur darauf, ich ſei jetzt ganz die Seine, er möchte den Hochzeitstag ganz nach ſeinem Ge⸗ fallen anſetzen.)
Die Beſorgniß, daß es eine Verhaftung meines Vaters zur Folge haben könnte, wenn mein zukünftiger Gatte ſeine Geſchichte erfahren würde, hatte ich nicht mehr, ich war aber noch immer unter dem Bann des feierlichen Gelöbniſſes, das ich ihm gegeben. Aus dem Labyrinth voll Täuſchung wußte ich für mich keinen anderen Ausweg, als den, fortan jeglichen Verkehr mit Herrn David entſchieden abzulehnen, wenn er auch noch ſo drohend gegen mich auftrat; Gott mochte wiſſen, was daraus entſtehen würde, ich hoffte, ihn dadurch dahin
zu bringen, daß er ſich entweder ganz zufrieden gäbe, oder daß
er ſich dem Vetter Ulih entdeckte. Erhielt er nun aber einen
Wink von meiner augenblicklichen Lage, und gewann er die Ueberzeugung, daß ich mich gegen ihn auflehnen wollte, ſo konnte dieſes leicht zur Folge haben, daß er Einſprache gegen meine Verheiratung einlegte und mich von Rockbury ent⸗ führte, um mich zum Nachgeben zu zwingen. Dieſe Beſorgniß ſteigerte und vergrößerte ſich von Augenblick zu Augenblick, und mit Ungeduld erſehnte ich eine Gelegenheit, Herrn Moore heimlich zu ſprechen, um ihm das Verſprechen abzunehmen, in ſeinen Briefen an Felicite meiner und meines Zuſammen⸗ ſeins mit ihm gar nicht zu erwähnen. Womit ich dieſe auf⸗ fallende Zumuthung entſchuldigen wollte, wußte ich ſelbſt nicht, doch ich ſah die Nothwendigkeit ein, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſeinen Argwohn zu erregen. Alles ſchien mir Nebenſache gegen die Möglichkeit, daß durch ihn dem Herrn David mein Auf⸗ enthaltsort verrathen werden könnte. Zweifel und Sorge regten mich ſo auf, daß meine Wangen hochgeröthet waren, als ich zum Frühſtück herunterkam, und daß ſich in meinen Zügen deutlich Abſpanunng ausdrückte. Tante Mary bemerkte beſorgt, ich ſähe nicht aus, als ob ich gut geſchlafen hätte, und die Couſine Marcia fügte ſpitzſindig hinzu, wenn das nicht der Fall geweſen wäre, ſo müßte es ſeinen beſonderen Grund haben, denn für gewöhnlich erfreute ich mich eines ſehr geſunden Schlafes. Ich achtete jedoch nicht weiter darauf; mein ganzes Denken war nur darauf gerichtet, Herrn Moore zu ſprechen. Die Frühſtücksgeſellſchaft verſammelte ſich ſehr langſam, doch ſo unverwandt meine Augen auch nach der Thür gerichtet blieben, Alle traten ein, nur Herr Moore nicht; endlich kam der Letzte, Lord Otho, aber der Erſehnte erſchien nicht, offenbar war er von ſeinem Morgenritt noch nicht zurückgekehrt.
„Wen erwarteſt Du noch, Petronel?“ fragte Tante Mary, der es auffiel, daß ich ſo geſpannt nach der Thür ſah.
„O, Niemanden,“ erwiderte ich verlegen, und beſchäftigte mich mit meinem Früſſtück.
„Das Frühſtück ſcheint Dir nicht zu munden; ſind Dir nicht einige eingemachte Früchte gefällig?“
Ich nahm davon; in dem Augenblick trat ein Bedienter herein, was mich ſo erſchreckte, daß es Allen auffiel.
„Wenn Du nach Ernſt ausſiehſt, Petronel,“ rief Tante Mary lachend aus,„ſo kannſt Du ungeſtört frühſtücken, er iſt nach Rockbury— nicht wahr, Herr Moore iſt ausgeritten?“ wandte ſie ſich fragend an einen der Bedienten.
„Jawohl, Mylady.“
Ich wurde blutroth und wußte nichts zu ſagen; der Couſine Marcia ging es ähnlich, doch aus ganz anderen Gründen.
„Petronel ſollte nach Herrn Moore ausſehen!“ rief ſie endlich mit tugendhafter Empörung aus,„das wäre doch ſonderbar.“
„Ach, Unſinn!“ warf Tante Julia ein, die offenbar jede Gelegenheit zum Wortkampf mit der Couſine ergriff.„Junge Leute gehören ja zuſammen. Du haſt wohl ganz vergeſſen, Marcia, wie es in Deiner Jugendzeit herging?“
„Ich hoffe nicht vergeſſen zu haben, was der Anſtand er⸗ fordert und was ich im Leben zu verantworten habe,“ er⸗ widerte ſie gereizt. Mir war die Szene ſehr peinlich; es war mir ein unangenehmes Gefühl, die Veranlaſſung zu ihrem Wortwechſel gegeben zu haben. Kaum wagte ich, meine Augen vom Teller zu erheben, und war froh, als das Frühſtück be⸗ endet war.


