Concordia.
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Nach dem Frühſtück ſchlug Tante Mary mir vor, mit ihr in dem Pony⸗Fuhrwerk eine Spazierfahrt zu machen, was ich dankbar annahm, denn ich freute mich, aus dem Bereich der forſchenden Augen der Couſine zu kommen. Auf dieſe Weiſe ſah ich Herrn Moore erſt beim zweiten Frühſtück, bei dem er an meiner Seite Platz nahm und ſich mir unausgeſetzt
widmete. Im Laufe der Unterhaltung fragte er mich, ob ich
etwas für ihn in London zu beſorgen hätte, er wollte nach dem Frühſtück dahinfahren und anderen Tages zurückkehren. „Fahren Sie ſchon bald fort?“ fragte ich unruhig. „Sobald es geht, ich denke um drei Uhr.“ Er war alſo im Begriff, Frampton zu verlaſſen, und wenn das auch nur für kurze Zeit war, ſo war doch nicht abzuſehen, welche Unvorſichtigkeit er ſich bis zu ſeiner Rückkehr
zu Schulden kommen laſſen konnte. Meine Lage war ver⸗ zweiflungs voll, jedenfalls mußte ich ihn noch vor ſeiner Abreiſe warnen.
„Herr Moore—“ ſagte ich ſchüchtern.
„Was ſteht zu Ihren Dienſten, Miß Fleming?“
„Ich möchte Sie ſo gern ſprechen— das heißt, ich habe Ihnen noch vor Ihrer Abreiſe etwas zu ſagen, vor Zeugen geht es aber nicht gut, es iſt eigener Art— und—“
Ich ſah ihm ſein Erſtaunen an, doch er faßte ſich raſch und flüſterte mir zu:
„Sie kennen den Salon; dahin gehen Sie gleich nach dern Frühſtück, ich werde Sie dort treffen.“
(Fortſetzung folgt.)
Der Räuberkönig von Varis. Roman von Wilh. Grothe. (Fortſetzung.)
Der frühere Offizier war ein Räuber geworden; aber Cartouche gebrauchte ihn nicht zu den ſogenannten gemeinen Verbrechen, wie der Banditenchef es überhaupt verſtand, Jeden auf den Platz zu ſtellen, wo er zu wirken im Stande war. Wer den früheren Jeſuitenſchüler als Schurken ohne andere, als die eklen Diebestalente betrachten will, würde ein ſehr verkehrtes Bild von ihm empfangen. Dominique hatte viel⸗ leicht den Bau des Ordens Loyola's im Auge, als er ſeinen Räuberſtaat organiſirte. Durch eiſerne Geſetze führte er eine Disziplin ein, die in jener Zeit kaum bei dem Heere zu finden war, eine Disziplin, die nicht nur bei einer Unternehmung gehandhabt wurde, ſondern ſtets fortbeſtand. So war es möglich, daß ſeine über Tauſende zählende Bande alle Gauner⸗ hantirungen trieb, ohne einander zu hindern. Da arbeitete der Falſchmünzer dem betrügeriſchen Spieler in die Hände, dieſer dem Taſchendiebe, der dem Einbrecher, dem Wegelagerer, dem Banditen. Niemand ward verwendet, wozu ihm die Ge⸗ ſchicklichkeit, die Luſt und Liebe mangelte.
Das war das Geheimniß, wodurch es dem Räuberkönig gelang, ſicher und gewandt ſeine Unternehmungen ausführen zu laſſen, ſeine Streiche ungeſtraft zu treiben, das war das Geheimniß, daß die Gaunerei unter ſeiner Leitung ein⸗ träglich wurde, ja daß er über bedeutende Schätze gebot.
Unantaſtbar, unumſchränkt ſtand der Räuberkönig über Und allerdings verlangte die Leitung alle Anſtrengungen Dominique's für ſich, da ſeine geſchäftlichen Verbindungen ſich nach England, Spanien und Italien erſtreckten, um das Erworbene auf den Dadurch vermied er, daß der größte Ge⸗
dem Ganzen, mehr leitend, als ausführend.
Markt zu bringen.
winn der verbrecheriſchen Unternehmungen in die Hände der
Hehler wanderte. Der Ausfall aber,
koſteten, ſtand in keinem Bet der Gaunerei.
Die meiſten Anekdoten ſeiner Thaten ſind daher Fiktionen
den ihm ſeine Agenten racht zu den ſonſtigen Abgaben
die keine Würdigung verdienen, vielleicht auch, daß man das
von ihm Erdachte, That öfter betrachtete. dem Verbrecherſchauplatz thätig,
von ſeinen Leuten Ausgeführte als ſeine Nur hin und wieder erſchien er auf um durch ein brillantes Kunſt⸗
ſtück ſeine Bande anzufeuern oder durch eine verwegene That die erſchreckte Menge ſtaunen zu machen.
Auch Joſef Lami, ſeinen Lieutenant, ſieht man in den nächſten Jahren ſelten in die Augen fallen, obgleich er wie Cartouche das fortwährende Ziel der Polizeiverfolgungen war, die beſonders in Betreff des kühnen, oder tollkühnen Räuber⸗ königs viel mit Blutvergießen verbunden waren, ſo daß die Maréchauſſée kaum mehr wagte, etwas gegen ihn zu unter⸗ nehmen, ja, daß er endlich ſich ſogar unverkleidet und am Tage auf der Straße ſehen ließ, ohne daß man ſich auf ihn warf; kannte man doch die Unfehlbarkeit ſeiner Piſtolen. Wäre Villeneuve noch an d'Argenſon's Seite geweſen, ſo wäre es wohl nicht bis dahin gekommen; aber derſelbe war von dem Regenten in Legationsangelegenheiten nach Italien ge⸗ ſandt worden; der Generalpolizeilieutenant aber war auch durch einen Streich eingeſchüchtert worden, den Poulailler zwanzig Jahre ſpäter dem damaligen Leiter der Polizei, Herault, gegenüber nachahmte.
Wir wiſſen, daß auf Cartouche’s Kopf die Summe von viertauſend Livres ausgeſetzt war, eine Summe, welche man nach Jahresfriſt verdoppelte, um ſie ſodann auf zwanzigtauſend zu erhöhen.
An dem Tage, als dies geſchehen, ließ ſich bei d'Argenſon der Chevalier du Tremblai melden und ihn um eine geheime Unterredung bitten. Der Generalpolizeilieutenant geſtand ihm
die Audienz zu, und in das Gemach des gewichtigen Staats⸗ beamten tänzelte ein Herr herein.
„Sie haben mich ſprechen wollen, Herr Chevalier. Wahr⸗ ſcheinlich gilt dieſer Unterredung Ihre Ankunft in Paris, die mir geſtern gemeldet wurde. Nehmen Sie Platz.“
Tremblai verbeugte ſich und kam der Aufforderung nach.
„Und nun, mein Herr, bitte ich mir zu ſagen, welcher Angelegenheit ich die Ehre Ihres Beſuches verdanke.“
„Keiner geringeren als der Proklamation in Betreff des ſchrecklichen Cartouche.“ 1
„Jawohl, ſchrecklich,“ ſeufzte Argenſon. im Stande, in dieſer Sache mir zu helfen?“
„Ja, ich will mich unterſtehen, Ihnen
3 Cartouche vor Sie zu führen.“
„Und Sie ſind
zu verſprechen,
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