Concordia.
„Hoho, mein Herr,“ lachte der Generalpolizeilieutenant laut auf;„das klingt wie ein Märchen. Nehmen Sie mir es ja nicht übel; aber Sie kennen die Gefährlichkeit dieſes Verbrechers nicht, vor dem Paris förmlich zittert.“
„Ich zittere vor ihm nicht.“
„Kennen Sie ihn denn?“
„Sehr genau.“
„Wie das?“.
„Weil ich ſelber Dominique Cartouche bin, der ſich den
Preis holen will, den Sie für ſeine Einbringung ausgeſetzt haben.“ Der Generalpolizeilieutenant war im erſten Augenblick förmlich erſtarrt, dann wollte er die Schelle rühren. Ehe er das jedoch vermochte, hatte ſich Cartouche mit einem Tiger⸗ ſprunge auf ihn geſtürzt und ihm ein Piſtol an die Schläfe geſetzt.„Einen Schritt und Sie ſind des Todes!“
Argenſon ſah ſich in der Gewalt des Gefürchteten, kein Entrinnen, wenn er ſich nicht dem Willen des tollkühnen Räubers fügte— er war kein Feigling, aber aus dem Feuer⸗ rohr des Banditen ſchaute ihn der gewiſſe Tod an; er erbleichte.
„Was wollen Sie?“ fragte er nach einer Sekunde.
„Ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, den Preis, den Sie für Denjenigen ausgeſetzt haben, der mich todt oder lebendig Ihnen überliefert. Ich bin vielbeſchäftigt und muß Sie daher erſuchen, mich nicht zu lange warten zu laſſen. Sie haben die Summe in Law'ſchen Banknoten vorräthig.“
Der Generalpolizeilieutenant nahm aus einem Fache ſeines Schreibtiſches, was Cartouche von ihm forderte; dieſer ſteckte die Scheine ein.
„Hier die Quittung, gnädiger Herr, ich habe dieſelbe ſchon ausgefertigt— in Geſchäftsſachen nur Ordnung und
Pünktlichkeit.“
„Und nun?“ „Ihr Ehrenwort, daß Sie mich zehn Minuten lang nicht
verfolgen laſſen wollen. Im anderen Falle müßte ich Sie binden und knebeln, um mich ſicherzuſtellen.“
„Sie ſind ſicher, daß ich Ihnen gegenüber mein Wort halte?“
„Es wäre im anderen Falle die größte Beleidigung, die ich Ihnen, die ich dem Namen Argenſon zufügen könnte.“
„Sie ſollen ſich nicht in mir getäuſcht haben,“ ſagte der Generalpolizeilieutenant ſtolz.„Gehen Sie, ich werde Sie zehn Minuten nicht verfolgen laſſen.“
Mit einer tiefen Verbeugung entfernte ſich der Räuber⸗ chef. Eine halbe Stunde darauf fuhr d'Argenſon in das Palais Royal zu dem Regenten und bat denſelben, ihn ſeiner Stellung zu entheben.
„Und aus welchem Grunde?“ fragte Gaſton»Orleans.
D'Argenſon erzählte ſeine Zuſammenkunft mit Cartouche, und daß er ſein Ehrenwort gehalten habe.
„Und deshalb ſollte ich Sie entlaſſen?“ ſagte der Regent. „Nein, nein, Freund! ich habe es gern, wenn ein Edelmann
jeiner würdig handelt.“—— Wir haben ſchon erwähnt, daß Cartouche weithin Ver⸗
bindungen hatte. Seine Niederlagen in London waren in der That großartig. Seine Transporte dahin gingen durch Rouen, wo als Vermittlerin die Wittwe Champion, ſeine ge⸗
——— 4 2. treue Sidi, lebte Das dit err atü—. daß die Lrene 1di, klenle. Dos Ssſchaft erereeses mntlich, daß die
Vermittler mit ihm zuſammenhingen, weshalb ſeine treueſten und hervorragendſten Anhänger damit vertraut waren.
In der erſten Zeit war Dominique hin und wieder ſelbſt nach Rouen gereiſt, dann hatte öfter Joſef Lami den Weg machen müſſen, da die Verbindungen in Voulogne, Marſeille und Bordeaux ſeine Gegenwart ebenfalls erforderten. Zu der⸗ gleichen Inſpektionen verwandte er nun auch du Chatelet.
So war dieſer ſchon für ihn in Italien und Spanien geweſen, ehe er noch einmal einen Diebſtahl ausgeführt oder auf der Landſtraße einen Wagen angehalten hatte. Auch jetzt, als er aus Bordeaux nach Paris zurückgekehrt war, ward ihm ſogleich der Auftrag, über Rouen nach England zu gehen.
„Wahrlich,“ lächelte er, als er auf der Straße von Rouen am folgenden Tage dahinritt,„ich führe in dem Jahre, das ich mich Dominique angeſchloſſen habe, gar kein übles Leben. Stets auf Reiſen, ſtets Geld in der Taſche— was will der Menſch weiter. Auch kann ich nur des Hauptmanns Zart⸗ gefühl loben, der mir noch niemals zugemuthet hat, auch ein⸗ mal eine Börſe zu ſtehlen. Man muß es ihm laſſen, es iſt ein tüchtiger Kopf, dem man gern zu Willen iſt, weil er auch Einem zu Willen.— Wer mag die Wittwe Champion ſein? Lami hat mich gewarnt, gegen ſie ſehr auf der Hut zu ſein und die Worte zu ihr ſorgſam abzuwägen. Es ſei eine Cartouche theure Perſon, die aber ſehr behutſam behandelt ſein wolle. Das heißt, Alexander, fange keine Liebelei mit ihr an, ſonſt komniſt du ihm in das Gehege, dem du durch den furchtbarſten Eid Gehorſam und Treue ſchuldig biſt. Alexander, ſchwatze nicht unbeſorgt, daß die Wittwe nicht Manches erfährt, was ſie beſſer nicht weiß. Nun, ich denke, daß ich dem nachkommen kann.“
Mit dieſem Vorſatze reiſte er nach Rouen.
Als er dort angekommen, ſuchte er ſogleich Sidi auf. Sie bewohnte ein großes Haus in einer Seitenſtraße. Er wurde von ihrer Bedienung in das zweite Stockwerk gewieſen— das untere diente zu Niederlagen. Er ſtieg die geräumige Treppe hinauf und fand in dem Empfangszimmer eine Dame mit einem etwa drei⸗ oder vierjährigen Kinde. Ihr übergab er die Papiere und wartete, bis ſie Einſicht genommen hatte.
Während ſie las, hatte er Muße, das liebliche Weib zu betrachten. Sidi war keine Schönheit wie Marguerite oder Marie Courbier— ihr Aeußeres glühte nicht von Wolluſt, das Auge ſchoß keine verſengenden Blitze, wie du Chatelet nach Lami's Andeutungen ſich vorgeſtellt hatte und wie es jetzt Dominique zu lieben ſchien; es lag eine Milde über ſie aus⸗ gebreitet, eine Innigkeit, eine Zartheit, eine Melaucholie, daß der frühere Gardelieutenant förmlich ſich in Vexwirrung befand, als ſie die Papiere bei Seite legte und ihre Worte an ihn wandte.
„Wie ich ſehe, muß ich mich wieder vorbereiten, eine große Sendung in Empfang zu nehmen, um ſodann bei Ihrer Rück⸗ kunft aus England über dieſelbe nach Ihren Angaben zu verfügen. Cartouche wird wie immer mit mir zufrieden ſein. Er ſchreibt mir, daß er in acht Monaten hierher kommen werde, weil es ihm eher ſeine Zeit nicht erlauben würde. Sein Sinn lebt in dem Großen. Ach, auch in der Beſchränktheit kam man glücklich, ſehr glücklich ſein.“
„Sicher haben Sie recht, Madame,“ verſetzte du Chateler, während ſein Auge auf ſie geheftet war.
„Und wie lebt Dominique?“ fragte ſie ihn.
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