Concordia. 427
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„ Darüber weiß ich eigentlich keinen rechten Aufſchluß zu geben. Ich bin ſeit einem Jahre auf Reiſen geweſen, in Italien und Spanien; aber ſicher befindet er ſich wohl.“
„Und hat er von mir zu Ihnen geſprochen?“
„Ich zähle noch nicht zu ſeinen Vertrauteſten.“
„Ah ſo! Was betrachten Sie mich dann aber ſo eigen⸗ thümlich, mein Herr?“ äußerte ſie, ſich mit Würde aufrichtend.
„Ich finde eine Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und einer mir ſehr theuren Perſon,“ erwiderte Alexander.
„Eine Aehnlichkeit mit wem, wenn ich fragen darf?“
„Die Erde bedeckt längſt ihre Gebeine,“ antwortete der frühere Gardeoffizier.
„Eine Geliebte?“
„Nein. Aber brechen wir davon ab, wenn es Ihnen ge⸗ fällig.“
„Wie Sie wünſchen. zurück ſein?“.
„Wie ich denke, in vier bis fünf Wochen, und ich hoffe Sie dann in guter Geſundheit wiederzuſehen.“
Er ſtand auf und verließ in heftiger Bewegung Sidi.
„Dieſe Aehnlichkeit!“ flüſterte er auf dem Wege nach dem Gaſthofe, wo er ein Unterkommen für die wenigen Stunden ſeines Aufenthaltes in Rouen gewonnen hatte.„Dieſe Aehnlich⸗ keit! Ich hätte mich ihr zu Füßen ſtürzen und„Mutter“ rufen lönnen. So ſah ſie aus, ſo ſanft, ſo mild, ſo gut.— Fort, ihr weichen Empfindungen! dem Gewerbe, dem ich mich über⸗ geben, ſteht ihr nicht an.“
Wann werden Sie aus England
12. Kapitel. Die Begegnung.
Wie verſchieden das Paris, über welches zum zweiten Male der Bonaparte ſche Adler ſeine Schwingen ausbreitet, und das Louis' XIV. unter dem Schimmer der weißen Lilien! Wo ſind ſie geblieben, dieſe Giebelhäuſer mit den feſtver⸗ wahrten Thüren? Wo ſind die Parks geblieben, welche die Palais des hohen Adels uimgaben? Wo iſt das damalige Templeviertel hingekommen, über welches rache⸗ brütend der finſtere Geiſt des verachteten Volkes ſchwebte, als wäre er der feurige Schemen Bernhard Jakob Molay's, und in welchem das Verbrechen, die Niedrigkeit, die Armuth ihre Sitze aufgeſchlagen?— Verbrechen exiſtiren heute ſo gut wie damals, Mangel und Hunger ſchleichen noch wie in jener Zeit umher, und der Mächtigere ſchaut trotz aller Revolutionen noch immer verächtlich auf den Unterdrückten herab. Die Form hat ſich aber geändert, in der Form iſt Paris neu ge⸗
kaum wiedererkannt wird. Kaum? Niemand
worden, daß es aus jenen Zeiten würde ſich in dem Paris der unſerigen zurechtfinden.
Wer aber durch die Schale zu ſchauen verſteht, findet, daß Paris wie alle Welt ſich nicht geändert, daß es im Grunde das alte geblieben, wie verſchieden es auch auf den erſten Blick ausſieht, als ob das germaniſche eingewanderte Element ſeinen Einfluß zu üben ſcheine. So auch, und vielleicht in höherem Grade, die anderen Städte der alten franzöſiſchen Monarchie, die Dörfer und Ortſchaften.
Aber die Wege ſind andere geworden! Dampfroſſe fliegen auf ihren eiſernen Bahnen mit jiüigendlichem Feuer dahin, Chauſſeen durchziehen das Land. Wie anders damals, als
die ſchwerfällige Landkutſche über die mehr oder minder kothige und an Vertiefungen nur zu oft leidende Straße gleich dem müden Greiſe dahinkroch, da ſelbſt der Wagen des Edel⸗ mannes, des höheren Beamten mit nicht viel größerer Ge⸗ ſchwindigkeit ſich fortbewegte, ſo daß man an ein Schnecken⸗ haus nur zu ſehr erinnert wurde
Wer Eile hatte, that am beſten, zu Pferde die nothwen⸗ dige Reiſe zurückzulegen, und es ſiel daher durchaus nicht auf, eine Dame, der ein oder einige Diener folgten, ſelbſt ohne andere Begleitung beritten zu erblicken, obgleich es ſchon damals mehr und mehr Sitte wurde, das Roß als Eigenthum des Mannes zu betrachten.——
Der Abend nahte, als noch eine kleine Kavalkade die Straße von Melun nach Paris dahinzog, obgleich es für ſi
wohl unmöglich war, vor Nacht ein anderes Unterkommen. als das einer Dorfſchänke oder eines gaſtfreundlichen Edelſitzes zu finden..
Sie beſtaud aus einer Dame, deren Tracht wie ganzer Anſtand die Tochter der höheren Regionen verrieth, und aus drei bis an die Zähne bewaffneten Dienern, von denen der eine ungefähr dreißig Schritt vorausritt, während die beiden anderen, ein mit zwei großen Mantelſäcken belaſtetes Saum⸗ pferd zwiſchen ſich, ihrer Herrin in Entfernung von einigen Roßlängen folgten. 1
Die Dame mochte ungefähr zwanzig Jahre zählen. Sie war groß und üppig gewachſen, ihre regelmäßigen Geſichtszüge ſprachen deutlich von Intelligenz und aus dem Feuer ihrer Augen leuchtete das Feuer ihres Herzens. Die ſchwarzen Locken fielen unter dem breitrandigen Reithut mit der kleinen weißen Straußfeder kokett und das Antlitz umrahmend auf den Ueberwurf, der in Form einer Jacke Buſen und Hals vor den Strahlen der Sonne ſchützte, während die ſcharfgezeichneten Augenbrauen förmlich herausfordernd den durchſichtigen Teint hervorhoben. So kontraſtirte auch das dunkle Reitkleid mit der Weiße der Wäſche, die ſich hier und da als Blonden und Spitzen ſehen ließ. Ein Stulpenhandſchuh umhüllte die kleine Hand, die ſicher und gewandt die Zügel führte.
Von den Dienern kann nur das Aeußere des Vorderſten, der auch einen höheren Grad als ſeine Kollegen bekleidete, unſere Aufmerkſamkeit erregen. Er ſchien das Amt eines Hofmeiſters zu bekleiden, und ſeine Livrée war daher auch gewählter, als die der Anderen. Den Kopf und die halbe Stirn bedeckte eine große Perrücke, wie ſie in damaliger Zeit noch vielfach getragen wurde. Seine Manieren zeigten ein Gemiſch von guter Erziehung und jenem Etwas, was dreiſte Bagabunden auszeichnet. Er war lang, mager und wenig muskulös, aber die Entſchloſſenheit, die ſich mit dem Ausdruck
berechnenden Verſtandes in ſeinem Antlitze gattete, zeigte, daß er ſeiner Herrin trotz der Fünfzig, die auf ihm mindeſtens laſteten, ein beſſerer Schutz war, als die beiden anderen, jüngeren Bedienten.
Die kleine Kavalkade zog ohne beſondere Eile dahin und ſtrengte die Pferde nicht allzu ſehr an. Plötzlich hielt die Dame ſtill und warf die Blicke zurück.
„Etienne,“ rief ſie dem vorderſten Reiter zu,„man kommt hinter uns hergeſprengt.“
„So?“ antwortete er und zog, ohne ein weiteres Work zu verlieren, ein Reiterpiſtol hervor.„Reiten Sie voran, ich
werde die Nachkommenden erwarten.“ 94.
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