Jahrgang 
2 (1879)
Seite
428
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Concordia.

Ich ſollte Sie in Gefahr zurücklaſſen? und Sie wiſſen doch, wie theuer mir Ihr Leben iſt!

Vielleicht iſt gar keine Gefahr mein Zurückbleiben geſchieht nur der Vorſicht wegen, Frau Gräfin.

Können wir nicht unſere Pferde antreiben, daß wir bald

Der nächſte Ort liegt noch ziemlich weit entfernt, unter⸗ brach ſie Etienne.Die hinter uns herkommen, reiten friſchere Thiere. Reitet nur immer voran.

Nein, ich bleibe an Ihrer Seite, verſetzte die Dame ent⸗ ſchieden,auf drei Männer wird man ſo leicht keinen Angriff wagen, beſonders wenn wir zur Vertheidigung bereit ſind.

Es gab eine Zeit, bemerkte Etienne,wo ein Mann ge⸗ nügte, eine Frau ſicher durch Frankreich zu leiten. Seitdem aber dieſer Cartouche und ſeine Spießgeſellen die Straßen in und um Paris unſicher machen, iſt des allerchriſtlichſten Königs Landſtraße des allerunchriſtlichſten Gauners Schauplatz ge⸗ worden. Aber da ſind unſere Verfolger, die es gar eilig zu haben ſcheinen. Nun, in Betreff ihrer hätten wir nicht zu halten brauchen. Vorwärts, vorwärts, Frau Gräfin.

Die beiden heranſprengenden Männer ſchienen in der That keine Wegelagerer zu ſein. Der vordere, in der reichen Tracht eines Edelmannes, war jedenfalls der Herr, der ihm folgte, der Diener.

In wenigen Minuten hatten ſie den kleinen Reitertrupp eingeholt, der wieder ruhig dahinzog. Statt aber ohne Weiteres vorbeizureiten, hielt plötzlich der Herr ſeinen Rappen an und zog den Hut.

Ich habe um Verzeihung zu bitten, meine Gnädige, ſagte er mit dem vollen Anſtande eines Hofmannes,daß unſer Nahen Sie eine Minute ſtutzig machte und an Cartouche denken ließ.

Nein Herr, antwortete ſie, ihr ſchönes Antlitz ihm zu⸗ wendend,woher wiſſen Sie, daß wir anhielten?

Als ich auf jener Höhe des Weges erſchien, erwiderte er, indem er den Schritt ſeines Pferdes nach dem ihrigen regelte,ſah ich Sie halten und ſich zum Kampfe vorbereiten, bis Sie einſahen, daß ich zu galant ſein müßte, einer ſchönen Frau gegenüber den Räuber zu ſpielen, Cartouche zu ſein.

In der That hat man, je näher wir Paris kamen, uns mehr und mehr von dieſem Ungeheuer erzählt, verſetzte die Dame.Gern bin ich aber bereit, Ihnen jetzt unſere Be⸗ ſorgniß abzubitten. Ein Blick genügt, um mir den Beweis zu liefern, daß Sie kein Straßenräuber ſein können. Nochmals bittet die Gräfin d'Argentière Sie um Verzeihung.

Um die Mundwinkel des Edelmanns zuckte ein eigen⸗ thümliches Lächeln, dann führte er die Hand der Gräfin an die Lippen.

Ihre Schönheit ſpottet meiner, Komteſſe, ſagte er;Sie mich um Verzeihung bitten?! Dreht ſich denn die Welt um? War ich und mein Reikknecht es nicht, der Sie, freilich ohne Abſicht, erſchreckte? Beim Himmel, ich müßte nicht der Marquis von Chateaufort ſein, wenn ich Ihnen dafür nicht Genug⸗ thuung gäbe.

Herr Marquis, ich bin zwar keine ſchlechte Reiterin, führe aber weder Degen noch Piſtolen.

Sie wollen mich in Verzweiflung ſtürzen, daß Sie mich

nicht verſtehen. Frau Gräfin, ich wollte Ihnen dadurch, daß

ich Ihnen meine Dienſte anbot, Ihnen meine Verehrung an den Tag legen. 3

Sie wollen mir Ihre Dienſte weihen? rief die Dame⸗ Herr Marquis, es iſt manchmal keine dankenswerthe Aufgabe, wenn man als Ritter für eine bedrängte Wittwe in die Schranken reitet, für eine Wittwe, gegen die ihre eigenen Verwandten zu Felde ziehen. Es iſt hin und wieder ein Un⸗ glück, reich zu ſein. Schätze locken die Gier, den Neid heraus. Ich bin ein einzelnes, alleinſtehendes Weib, welches nach Paris geht, um dort ſich Recht und Schutz zu holen. In der That iſt es ſehr undankbar, mir unter dieſen Umſtänden zur Seite zu ſtehen.

Gräfin, Sie beehren mich mit Ihrem halben Vertrauen. O, nehmen Sie an, daß ich kein halber Freund bin, daß ich vielleicht im Stande bin, Ihnen Ihr Recht zu wahren, wenn ich Alles weiß.

Warum ſollte ich Ihnen, der mir ſo liebenswürdig ge⸗ naht iſt, ein Geheimniß aus meiner Verlegenheit machen. Seit einem Jahre Wittwe, bedrängen mich die Verwandten, mein Vater ſelbſt, daß ich ein neues Ehebündniß mit einem ungeliebten, mir verhaßten Manne eingehen ſoll. Tauſend Nänke werden gegen mich geſpielt, man droht mir meine Be⸗ ſitzungen zu entreißen. In dieſer Lage entſchloß ich mich zur Flucht, um in Paris bei dem Regenten Schutz zu ſuchen, den mir ſonſt Niemand gewähren wird. Der alte, vertraute Diener meines Gemahls gab mir dieſen Weg an und ich betrat ihn, um den Intriguen, den aufreibendſten Kämpfen zu entgehen.

Der Marquis hatte bis zu Ende ſcharf aufgemerkt.

Und Sie hoffen in Paris wirklich Heil?

Ich weiß, entgegnete die Gräfin,daß man ſchwer zur Sonne gelangt, vertraue aber auf die Gerechtigkeit meiner Sache. Gaſton von Orleaus wird mich hören und kann mir ſeinen Schutz nicht entziehen.

Man hört, verſetzte der Marquis,daß Sie Paris nicht kennen, da Sie auf die Gerechtigkeit Ihrer Sache vertrauen. Beſſer wäre es, wenn Sie Ihre Schönheit, die jedes Auge entzücken muß, für ſich reden laſſen. Gaſton von Orleans iſt ein Kenner und wird Ihnen ſeinen Schutz nicht entziehen, wenn Sie ihm liebevoll entgegenkommen, wenn Sie ihm nichts verſagen. Sie werfen die Lippe auf und edler Stolz flammt aus Ihrem Auge. Ich habe Sie nicht kränken wollen, Sie, der dieſes Leben gehört ich ſprach nur die Wahrheit. Das Laſter der Wolluſt, der raffinirten Sinnlichkeit braucht ſich nicht mehr hinter die Maske der Frömmelei zu flüchten. Wo ein Gaſton von Orleans, wo ein Dubois herrſcht, geht es ohne Schminke umher, und was dem Hofe naht, iſt ihm ver⸗ fallen.

O, Gott, ſo iſt für mich keine Rettung! rief die Gräfin, ihr Haupt auf die Bruſt ſinken laſſend.

Nicht doch, Madonna, erwiderte er. ‚Freilich führt der Weg, den Sie betreten wollen, in das Verderben; aber es muß noch andere geben. Wollen Sie ſich einem Chateaufort vertrauen?

Herr Marquis, ſagte ſie, den Blick auf den in weniger Entfernung vorausreitenden Etienne gerichtet,ich denke, daß ich dabei nichts wage. Der Haushofmeiſter nahm den kleinen dreifach aufgeſchlagenen Hut von der Perrücke und ſchien ſich mit demſelben Kühlung zuzufächeln.Ich nehme Ihr Er⸗