Jahrgang 
2 (1879)
Seite
720
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720 Concordia.

in lebhaftem Geſpräch begriffen, das jedoch ſofort verſtummte. Vor ihnen lagen verſchiedene Papiere und eine beträchliche Summe Geldes in Banknoten und Goldmünzen. Es fiel mir ſofort auf, daß der Graf den Brillantring, den ihm, wie ich beſtimmt wußte, die Räuber mit abgenommen hatten, wieder am Finger trug.

Ich bedauere, Ihnen die Unannehmlichkeit eines gericht⸗ lichen Verhöres machen zu müſſen, redete der Kommiſſar den Grafen an,und meine Inſtruktion zwingt mich, Sie um Auskunft über Ihre Perſon und um Ihre Legitimationspapiere zu bitten.

Darf ich fragen, was die Veranlaſſung zu dieſem außer⸗ gewöhnlichen Verlangen iſt? fragte der Graf, indem er mich und den Beamten mit hochmüthigen Blicken maß.

Mein Auftrag hängt mit dem geſtern an der Nachtpoſt verübten Raube zuſammen, erwiderte mein Begleiter ruhig, aber den Grafen keinen Augenblick aus den Augen verlierend, um den Eindruck ſeiner Eröffnung beobachten zu können.

Ein leiſer Schrei ward hörbar; die Gräfin war im Stuhle zurückgeſunken, diesmal wirklich ohnmächtig. Ein unbeſchreib⸗ licher Zug von Verachtung umſpielte die Lippen des Graſen.

Als kaiſerlich ruſſiſcher Staatsangehöriger werde ich nur einer Behörde meines Landes Rede ſtehen! rief er auf⸗ geregt.

Dann muß ich Sie im Namen des Geſetzes verhaften, erklärte der Kommiſſar.

Was unterſtehen Sie ſich? Ich verlange vor den ruſſiſchen Geſandten geführt zu werden, und werde mir Genugthuung zu verſchaffen wiſſen! donnerte der Graf.

Der Weg der Beſchwerde ſteht Ihnen jederzeit frei, vorläufig ſind Sie mein Gefangener, und ich erſuche Sie, mir zu folgen.

Niemals! Das iſt unerhört!

Dann zwingen Sie mich, meine Leute zu rufen und Sie nöthigenfalls mit Gewalt fortführen zu laſſen. Ich werde keinen Augenblick Anſtand nehmen, Sie zu feſſeln, wenn Sie Ihren Widerſtand nicht aufgeben.

Der Graf erblaßte, als er ſah, daß es bitterer Ernſt wurde.

Geſtatten Sie mir, daß ich mich im Nebenzimmer vollends ankleide, ſagte er in viel ruhigerem Tone.Ihr unverant⸗ wortliches Betragen gegen ein Mitglied des hohen Adels eines freinden Staates wird Ihnen zweifellos ſehr ernſte Unannehm⸗ lichkeiten bereiten.

Laſſen wir das dahingeſtellt, ich thue nur meine Pflicht. Einſtweilen werde ich dieſe Summe in Beſchlag nehmen, er⸗ widerte der Beamte, indem er zu dyni Tiſche trat, auf welchem die Banknoten lagen.

Das ſind die Pachtgelder von meinen Gütern! rief

der Graf. Es geht Ihnen in dieſem Falle kein Pfennig verlovren. Aber jetzt bitte ich, ſich etwas zu beeilen.

Der Graf ging in's Nebenzimmer, während die Dame, welche inzwiſchen wieder zu ſich gekommen war, Miene machte, ihm zu iaſen Der Kommiſſar vertrat ihr den Weg.

Sie wrden uns begleiten, Madame. Ich werde Ihnen behilflich ſein.

Damit ergriff er ihren Mantel und hing ihr denſelben um, was ſie willenlos geſchehen ließ. Plötzlich krachte ein Schuß; der Kommiſſar und ich eilten in's Nebenzimmer, das mit Pulverdampf gefüllt war. Der Graf lag regungslos am Boden, ein Blutſtrom entquoll ſeiner Bruſt. 3

Mit dem hat das irdiſche Gericht nichts mehr zu ſchaffen, ſagte der Beamte, nachdem er ſich über ihn gebeugt und ge⸗ funden hatte, daß die Kugel durch's Herz gegangen war. Suchen wir uns wenigſtens Auskunft über ſeine Perſönlich⸗ keit zu verſchaffen. 7

Das Zimmer und die Effekten des Fremden wurden durch⸗ ſucht, und das Erſte, was wir fanden, war zu meiner Freude meine Uhr und Kette. Sie war bei Vertheilung der Beute jedenfalls dem angeblichen Grafen mit zugefallen. Seine Legitimationspapiere lauteten allerdings auf den Namen: Graf Stanislaus Labitzki, erwieſen ſich aber als gefälſcht. Die Begleiterin des Fremden machte umfaſſende Geſtändniſſe, aus denen die Perſon und die verbrecheriſche Thätigkeit des Todten klar hervorging. Sein eigentlicher Name war Lar⸗ montoff und ſein Geburtsort Wilna. Er hatte in einem großen Warſchauer Bankinſtitute die Kaſſirerſtelle bekleidet, war aber nach Unterſchlagung von nahezu dreißigtauſend Rubel Kaſſengelder flüchtig geworden. In Berlin und Breslau hatte er bedeutende Summen verſpielt und ſeinen zuſammen⸗ geſchmolzenen Mitteln nun durch neue Verbrechen wieder auf⸗ zuhelfen verſucht. Patzig hatte er in Breslau kennen gelernt und in ihm einen Helfershelfer gefunden, deſſen Arbeitsſcheu und zerrüttete Verhältniſſe ihn ebenfalls zum Verbrecher machten. Er war früher Oekonom geweſen, heruntergekommen und bereits wegen Wechſelfälſchung beſtraft. Durch Zufall hatte Larmontoff erfahren, daß die Poſt an dem fraglichen Tage bedeutende Gelder beförderte und, um ſich zu ver⸗ gewiſſern, daß dieſelben auch wirklich abgingen, einen Vor⸗ wand gefunden, ſich länger, als nöthig war, in der Paſſagäer⸗ ſtube aufzuhalten. Die kleine Verzögerung in dem Abgange der Poſt hatte man in Rückſicht auf die hochgeſtellte Perſön⸗ lichkeit des Reiſenden gern gewährt. Als er ſich überzeugt hatte, daß die Werthpackete wirklich verladen wurden, ſtieg er mit ſeiner Begleiterin ein, und der mit Patzig verabredete Plan zur Beraubung kam zur Ausführung. Letzterer leugnete beharrlich, der Thäter geweſen zu ſein, obgleich man bei ihm eine bedeutende Summe Geldes fand, über deren Erwerb er ſich nicht auszuweiſen vermochte. Er wurde vom Gericht für überführt erachtet und zu fünfzehn Jahren Zuchthaus ver⸗ urtheilt, ſeine Mitſchuldigen hat er aber nicht genannt und ſind dieſelben auch niemals ausfindig gemacht worden. Die Begleiterin Larmontoff's, eine ehemalige Gouvernante, erhielt ebenfalls eine längere Zuchthausſtrafe, iſt aber bald nach ihrer Ueberführung in die Strafanſtalt geſtorben.

Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden. Verlag von Otto Freitag in Dresden. Druck von F. W. Gleißner in Dresden.