718 Concordia.
„Nun, Schwager,“ rief ich ihm zu,„was bedeutet denn das? Es iſt längſt ſechs Uhr und Ihr macht noch immer keine Anſtalt, den alten Marterkaſten da in Bewegung zu ſetzen.“
„Geht noch nicht, Herr, müſſen noch warten!“ erwiderte er, ohne ſich im Mindeſten in ſeinem Fütterungsgeſchäfte ſtören zu laſſen.
„Es geht nicht? Und weshalb?“
Meine Frage mußte wohl in ziemlich gereiztem Tone ge⸗ ſtellt worden ſein, denn der Poſtillon wandte plötzlich ſein Geſicht nach mir um und muſterte mich mit einem ſonder⸗ baren Blicke vom Kopf bis zu den Füßen.
„Ich habe Befehl, zu warten; warum, das kümmert mich nicht.“
Er klappte ſein Taſchenmeſſer zuſammen und ſchob den Reſt des Brotes unter ſeinen Sitz auf dem Bock.
„Dann werde ich Beſchwerde führen,“ ſagte ich kurz ent⸗ ſchloſſen, und wandte mich dem Poſtgebäude zu, um den dienſt⸗ habenden Beamten aufzuſuchen. Aber gerade traten ein Herr und eine Dame aus dem Hauſeo, ſchritten eilig auf den Poſt⸗ wagen zu und ſtiegen ein. Der Poſtillon blies das Signal zum Abgang, ich begab mich ebenfalls in das Innere des Wagens, und eine Minute ſpäter rollte das ſchwerfällige Ge⸗ fährt über das holperige Pflaſter der alten Stadt dahin.
Es dauerte einige Zeit, ehe ſich meine Augen an die in dem Wagen herrſchende Dunkelheit gewöhnten, und ich ver⸗ mochte nur erſt nach und nach die vor mir ſitzenden Perſonen zu unterſcheiden. Mein Intereſſe an den beiden Mitreiſenden war wachgerufen worden, denn ohne Zweifel waren ſie die Veranlaſſung, daß die Poſt faſt eine halbe Stunde ſpäter abging. Die beiden Paſſagiere mußten augenſcheinlich eine durch Rang oder Geburt ausgezeichnete Stellung einnehmen, ſonſt wäre wohl ſchwerlich auf ſie ſo viel Rückſicht genommen worden.
Die Dame war im dunklen, pelzverbrämten Reiſeanzuge, der, ſoweit ich dies zu erkennen vermochte, durchaus einfach gehalten, aber von den beſten Stoffen gefertigt war. Ihr Geſicht bedeckte ein dichter, ſchwarzer Schleier, der es unmöglich machte, ein Urtheil über ihre Züge und ihr Alter zu gewinnen. Ihr Begleiter dagegen war eine hohe, kräftige Geſtalt, etwa angehender Vierziger und von einer geyiſſen ariſtokratiſchen Haltung. Er trug einen koſtbaren Reiſepelz und am Finger einen Brillantring, deſſen Stein im Widerſcheine des im Vorüberfahren in unſeren Wagen hereinleuchtenden Gas⸗ lichtes in allen Regenbogenfarben blitzte. Schweigend fuhren wir dahin, das Geraſſel der noch immer auf dem Pflaſter dahinrollenden Räder würde eine Unterhaltung auch nahezu zur Unmöglichkeit gemacht haben. Endlich ging der Wagen ſanfter; wir hatten die Stadt hinter uns und befanden uns auf der von dem Regenwetter der letzten Tage erweichten Landſtraße. Ein tiefer Seufzer hob die Bruſt der Dame, ein erleichtertes Aufathmen, wie es ſich zeigt, wenn man einer großen Gefahr glücklich entronnen iſt. Der Herr neben ihr erfaßte ihre Hand und drückte ſie zum Zeichen des Ein⸗ verſtändniſſes; offenbar theilte er die Gefühle ſeiner Gefährtin, die jetzt den Schleier zurückſchlug und an ihren Nachbar leiſe einige Worte in fremder Sprache richtete, die ich als polniſch erkannte. Ich war einigermaßen enttäuſcht, denn ſtatt der vermutheten blendenden Schönheit zeigte ſich ein ſchmales
blaſſes Geſicht, deſſen Züge zwar von tadelloſer Regelmäßig⸗ keit waren, aber keineswegs Anſpruch auf Schönheit machen durften. Die polniſche Sprache war mir, wie beinahe Jedem, der eine Zeit lang an der ruſſiſch⸗ſchleſiſchen Grenze gelebt hat, ziemlich geläufig und ich hörte daher aus dem noch immer leiſe geführten Geſpräch ſehr bald heraus, daß es ſich um Familienangelegenheiten handelte. Es war mir unan⸗ genehm, wider Willen vielleicht zum Mitwiſſer von Geheim⸗ niſſen gemacht zu werden, die zwar für mich ſchwerlich großes Intereſſe haben konnten, für dritte Perſonen aber auch nicht beſtimmt waren. Ich lehnte mich daher in eine Ecke des Wagens und ſchloß die Augen, in der Hoffnung, bald zu entſchlummern.
Ich befand mich bereits in jenem halb bewußtloſen Zu⸗ ſtande, der dem eigentlichen Schlafe vorausgeht, als meine Aufmerkſamkeit plötzlich durch einige Aeußerungen in Anſpruch genommen wurde, die offenbar meine Perſon zum Gegenſtande hatten. Ohne meine Stellung zu verändern oder die Augen aufzuſchlagen, lauſchte ich dem Geſpräch.
„Sei vorſichtig!“ raunte die Dame ihrem Begleiter zu.
„Du ſiehſt ja, er ſchläft,“ erwiderte dieſer.
„Wer weiß!“
„Nun, jedenfalls iſt er ein ungefährlicher Zuhörer.“
„Du biſt Deiner Sache ſehr gewiß. Unſere Sprache wird in der Nähe der Grenze von vielen Deutſchen geſprochen, es iſt alſo ſehr leicht möglich, daß auch dieſer des Polniſchen mächtig iſt.“
„Er iſt aus Berlin und trägt einen urdeutſchen Namen.“
„Woher weißt Du das?“
„Ich las es im Paſſagierbuch.“
Eine Pauſe entſtand. Trotzdem die Unterhaltung im Flüſtertone und in polniſcher Sprache geführt worden war, hatte ich keine Silbe davon verloren. Was hatte das zu bedeuten? Planten meine Reiſegefährten ein Verbrechen? Wurden ſie wohl gar ſchon wegen eines ſolchen verfolgt? Ich beſchloß, auf meiner Hut zu ſein. Um ſie ſicherer zu machen, gab ich mir den Anſchein, als ſchliefe ich feſt.
„Du haſt Patzig geſtern geſprochen?“ nahm die Dame endlich wieder das Wort.
„Wir trafen uns, wie Keller.“
„Wie viel hat er Dir zugeſtanden?“
„Den dritten Theil.“
„Sie ſind doch ſtark genug? Habt Ihr den Schaffner vorn im Cabriolet berückſichtigt?“
„Gewiß. Es ſind im Ganzen ſieben Mann, lauter aus⸗ erleſene Leute. An dem Gelingen iſt alſo nicht zu zweifeln.“
„Wie denkſt Du mit Patzig abzurechnen?“
„Er wird morgen mit dem Früheſten in's Gaſthaus kommen.“
„Und was dann?“
„Wir reiſen ſofort weiter, entweder mit Lohngeſchirr oder mit Extrapoſt. Sind wir erſt über die öſterreichiſche Grenze, haben wir wenig mehr zu fürchten.“
Abermals entſtand eine Pauſe. Das letzte kurze Geſpräch war nicht geeignet, Licht in das geheimnißvolle Weſen meiner Reiſegefährten zu bringen, und ich konnte eine gewiſſe Unruhe nicht unterdrücken. Deſto ſorgloſer ſchienen die beiden Frem⸗ den zu ſein; ſie hatten ſich in die Ecken geſchmiegt und ſchienen
verabredet, im Schweidnitzen


