Jahrgang 
2 (1879)
Seite
717
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Concordia. 717

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Das Geſicht des Gutsherrn verfinſterte ſich.

Iſt dem ſo? fragte er den Gemeindevorſtand des Dorfes Wolfſtein.

Das Mädchen redet die Wahrheit, Erlaucht! erwiderte dieſer.

Woher willſt Du wiſſen, daß ich betrogen werde? forſchte der Graf weiter.

Die Wittwe Mühlfort drüben in Tannengrün hat die Beweiſe in Händen, entgegnete die Blödſinnige.

Hören Sie nicht auf das konfuſe Geſchwätz dieſes be⸗ klagenswerthen Geſchöpfes, Erlaucht, rief Hiemann haſtig, ſie hat eine fixe Idee gefaßt und beläſtigt nun auch Sie mit ihren Albernheiten.

Ich finde, das Mädchen ſpricht ganz vernünftig, ſagte der Majoratsherr ernſt.Die Wittwe Mühlfort hat Beweiſe?

Gewiß, Herr Graf; fahren Sie hinüber nach Tannen⸗ grün, aber nehmen Sie das Amtsſiegel des Rentmeiſters mit.

Seltſam! flüſterte Bernhard von Wolfſtein.Man bringe mir das Siegel; Sie, Herr Rentmeiſter, und Sie, Herr Gemeindevorſtand, werden mich begleiten, und Du, Mädchen, nimmſt neben dem Kutſcher Platz.

Frau Mühlfort und ihre Tochter waren nicht wenig er⸗ ſtaunt, als eine hochelegante Equipage vor ihrem ärmlichen Häuschen hielt und gleich darauf drei Herren ihre Wohnſtube betraten.

Sie ſollen im Beſitz gewiſſer Schriften ſein, nahm der

Graf das Wort, indem er das Petſchaft aus der Taſche zog

und der Frau reichte.

Ah, Sie meinen das Packet, das auf ſo geheimnißvolle Weiſe in meinen Beſitz gelangt iſt! erwiderte Frau Mühl⸗ fort. Sie ging zu dem Wandſchrank, prüfte Petſchaft und Siegel und übergab dem Grafen das anvertraute Gut. Den Inhalt kenne ich nicht, gnädiger Herr, Sie ſind aber zur Empfangnahme hinreichend legitimirt.

Haſtig durchſchnitt der Gutsherr den Bindfaden und warf einige prüfende Blicke in die Bücher. Ein ſtrenger Ausdruck lag auf den ſonſt ſo wohlwollenden Zügen des Edelmannes.

Was haben Sie gegen dieſe Beweiſe Ihrer Schuld vor⸗ zubringen, Hiemann? ſagte der Graf ernſt.

Der Rentmeiſter war in einen Stuhl geſunken und be⸗ deckte das Geſicht mit beiden Händen.

Gnade, Gnade, Herr Graf! ſtammelte er kaum hörbar.

Ich behalte mir die weiteren Schritte gegen Sie vor. Herr Gemeindevorſtand, Sie kehren mit mir nach Wolſſtein zurück, ich werde Ihres Rathes bei dem Ordnen dieſer An⸗ gelegenheit bedürfen. Du, mein Kind, begleiteſt uns, ich will das Dir angethane Unrecht wieder gut zu machen ſuchen.

Wie von der Tarantel geſtochen, ſprang der Rentmeiſter auf und jagte davon in der entgegengeſetzten Richtung von dem bisherigen Orte ſeiner Thätigkeit, der Graf aber kehrte mit ſeinen beiden Begleitern nach ſeinem Stammſſchloſſe zurück.

Alljährlich kam der Majoratsherr mit ſeiner Familie nach Wolfſtein, um die friſche Landluft zu genießen. Der neue Rentmeiſter verſtand es, ebenſo wie der Graf, durch Huma⸗ nität und Rückſichtnahme ſich beliebt zu machen, während man von Hiemann nie wieder etwas gehört hat; der ſtrafende Arm der Gerechtigkeit vermochte ihn nicht zu erreichen. Gegen Triebner, den der Graf für den Verführten hielt, ward keine Anzeige erſtattet; er wandte ſich nach ſeiner Ent⸗ laſſung in die benachbarte größere Stadt, wo er einen Handel mit Produkten begann.

Die tolle Hanne aber hat längſt ihre Maske abgeſtreift, nachdem ſie ſich in Beſitz der Bücher zu ſetzen wußte und Rache nehmen konnte. Ihr väterliches Gut ward ihr zurück⸗ gegeben und ſie bewirthſchaftet daſſelbe an der Seite eines braven Gatten und tüchtigen Landwirths. Sie hatte nach einem wohldurchdachten Plane gehandelt, als ſie in einem unbewachten Augenblick aus Hiemann's Arbeitszimmer die Be⸗ weiſe ſeiner Schuld entwendete und dieſelben Regina Mühl⸗ fort übergab. Die tolle Hanne wußte, daß dort das Packet in vollſtändiger Sicherheit war; ſie hoffte aber auch auf dieſe Weiſe dem jungen Mädchen Gelegenheit zu geben, von der tiefen Demüthigung ihres Verfolgers Zeuge ſein zu können. Es gelang ihr dies vollkommen.

Am Erleichtertſten athmete Regina auf, als die Kata⸗ ſtrophe über den verhaßten Rentmeiſter hereinbrach, von deſſen Werbungen ſie dadurch für immer befreit wurde. Noch lange pflegte ſie ihre alte Mutter, und als dieſe endlich das Zeit⸗ liche ſegnete, fand ſie ein Unterkommen im Hauſe des Grafen von Wolfſtein.

Eine nächtliche Fahrt.

Von Moritz Lilie.

Es war gegen das Ende der vierziger Jahre, als mich Familienangelegenheiten nöthigten, eine Reiſe nach der kleinen ſchleſiſchen Provinzialſtadt T. zu unternehmen. Die Schienenwege, auf denen heute das keuchende Dampfroß nach allen Richtungen der Windroſe dahineilt, waren damals noch ſehr ſpärlich vorhanden; vielmehr waren noch Poſtillone und Fuhrleute die unumſchränkten Gebieter der Landſtraße. Seit einer Viertelſtunde befand ich mich in der Paſſagierſtube der Poſt zu Breslau, um mit dem ſechs Uhr Abends abgehenden Wagen meine Reiſe nach T. anzutreten. Die Glocken der Eliſabethkirche hatten bereits die ſechste Stunde verkündet, aber noch immer ließ der Poſtillon das Signal zur Abfahrt nicht vernehmen. Ungeduldig trat ich endlich hinaus auf die

(Nachdruck verboten.) Straße, um mich nach der Urſache der Verzögerung zu er⸗ kundigen. Ein ſcharfer Nordwind pfiff mir um die Ohren, als ich die Schwelle überſchritten hatte. Schnee und Regen ſchlug mir in's Geſicht, und auf dem Pflaſter hatte ſich jene unangenehme dicke Maſſe gebildet, die, aus Regenwaſſer und Schneeflocken beſtehend, das Gehen ſo beſchwerlich wie möglich macht. Es war um die Mitte des November und die Laternen brannten daher längſt; bei dem ſtürmiſchen, regneriſe n Wetter aber verbreiteten ſie nur ein ſehr ſpärliches, unſicheres Licht. Höchſt gleichmüthig ſtand der Roſſelenker bei ſeinen Thieren, ihnen von Zeit zu Zeit ein Stück Schwarzbrot dar⸗ bietend, das er mit ſeinem Taſchenmeſſer von einem Vier⸗ pfünder abſchnitt.