716 Concordia.
einen Fleck. Sein lebhaftes Mienenſpiel und wiederholte unwillkürliche Handbewegungen ließen erkennen, daß ſein Gedankengang ein unruhiger und keineswegs angenehmer ſein müſſe.
Endlich ſprang Hiemann auf und ging einige Male mit großen Schritten durch das Zimmer.
„Triebner,“ ſagte er, vor dieſem ſtehen bleibend,„wir müſſen das Frauenzimmer, die tolle Hanne, von hier fort⸗ ſchaffen.“
Der Angeredete ſah fragend zu ſeinem Vorgeſetzten auf.
„Seit ſich ihr Vater aus Gram über den Verluſt ſeines Gutes entleibt hat, verfolgt mich das Frauenzimmer wie mein Schatten. Die Begegnungen mit der Perſon fangen an mir unheimlich zu werden.“
„Was gedenken der Herr Rentmeiſter zu thun?“
„Sie muß mit Liſt oder Gewalt in ein entferntes Irren⸗ haus gebracht werden, obwohl ich überzeugt bin, daß ſie vollſtändig bei Verſtande iſt und nur die Maske des Irrſinns benutzt, um ſich an mir zu rächen. Dieſe tolle Hanne iſt der einzige Menſch, den ich fürchte; das Frauenzimmer muß un⸗ ſchädlich gemacht werden.“
„Das wird ſich in der angedeuteten Weiſe ſicher bewerk⸗ ſtelligen laſſen, ſobald der Herr Graf wieder abgereiſt iſt,“ meinte der Sekretär.
„Erſt vor einigen Tagen war das Möädchen wieder in mein Arbeitszimmer gedrungen, obgleich ich ſtrengen Befehl gegeben hatte, ſie nicht vorzulaſſen. Mit ihrer gewöhnlichen Unverſchämtheit verſuchte ſie mich anzubetteln, und um ſie los⸗ zuwerden, holte ich aus meiner nebenan befindlichen Wohn⸗
ſtube ein Stück Brot; als ich zurückkam, war ſie verſchwunden — es iſt ihr alſo nicht um's Betteln zu thun geweſen.“ „Die Gemeinde wird froh ſein, wenn Sie ihr die Sorge um das nichtsnutzige Weſen abnehmen,“ ſagte Triebner. In dieſem Augenblicke ſchlug die Thurmuhr die Mittags⸗
ſtunde. Der Sekretär erhob ſich, vertauſchte ſeinen Arbeits⸗ rock mit einem beſſeren gleichartigen Kleidungsſtück und nahm den Hut zur Hand.
„Darf ich den Herrn Rentmeiſter jetzt um das bewußte Packet bitten?“ flüſterte er dem Vorgeſetzten zu.
„Ach ja, die Bücher. Verwahren Sie ſie gut, Triebner, damit ſie nicht in unrechte Hände fallen.“
„Sie können ſich, wie immer, auf mich verlaſſen!“
Der Rentmeiſter holte einen Bund Schlüſſel aus ſeiner Taſche und öffnete ein Fach ſeines Schreibtiſches.
„Heiliger Gott!“ rief er erblaſſend,„das Packet iſt weg!“
„Sie werden es in einem anderen Fache verborgen haben,“ beruhigte der Sekretär.
„Nein, nein, hier in dieſem Kaſten habe ich die Bücher aufbewahrt!“ ſtöhnte Hiemann, indem er angſtvoll in den Papieren wühlte.„Das Packet war in blaues Papier ein⸗ geſchlagen und wohlverſchnürt und verſiegelt.“
„Der Herr Graf kommt erſt morgen, inzwiſchen wird ſich das Vermißte finden. Es hat ſicher durch Zufall einen an⸗ deren Platz gefunden.“
Als Triebner nach einer Stunde zurückkehrte, fand er den Rentmeiſter in höchſter Aufregung alle Fächer und Kaſten durchwühlend. Die fehlenden Bücher hatten ſich nicht ge⸗ funden.
4. Kapitel.
Im Schloßhofe zu Wolfſtein ſtand eine elegante, mit zwei feurigen Roſſen beſpannte Equipage. Am geöffneten Wagen⸗ ſchlage ſtand ein reich betreßter Diener; ein Kutſcher in gleicher Livrée hatte auf dem Bocke Platz genommen und hielt die Zügel, kaum im Stande, die unruhig ſtampfenden Pferde zu halten. Die Bewohner des Schloſſes und Dorfes ſtanden in Feiertagskleidern um den Wagen, die Blicke auf das große Portal des Herrenhauſes gerichtet.
Eine hohe, männlich ſchöne Geſtalt mit wohlwollenden Zügen trat jetzt aus dem Thor. An ſeiner Linken ſchritt der Rentmeiſter Hiemann im ſchwarzen Frack und unbedeckten Hauptes; ihnen folgten die übrigen Beamten der Beſitzung. Der junge Majoratsherr Graf Bernhard von Wolfſtein war nach zweitägigem Aufenthalte im Begriff, wieder abzureiſen, und die Bevölkerung hatte ſich eingefunden, um dem liebens⸗ würdigen, leutſeligen Gutsherrn ein letztes Lebewohl zu⸗ zurufen.
Am Wagen angekommen, reichte der Graf ſeinem Rent⸗ meiſter die Hand.
„Ich danke Ihnen, lieber Hiemann, für die Dienſte, die Sie meinem Hauſe geleiſtet haben,“ ſagte er laut, daß es die Umſtehenden hören mußten, und zu den übrigen Beamten ge⸗ wendet, fügte er hinzu:„Und auch Ihnen, meine Herren, bin ich zu Dank verpflichtet. Ich ſpreche Ihnen meine Zufrieden⸗ heit aus über den Zuſtand, in welchem ich mein Gut Wolf⸗ ſtein gefunden habe!“
Die Angeredeten verneigten ſich, während der Graf ſeinen Wagen beſtieg.
In dieſem Augenblicke ertönte ein grelles Lachen, und ehe die Umſtehenden es verhindern konnten, war die tolle Hanne an den Wagenſchlag getreten.
Auf einen Wink des Rentmeiſters ſprangen mehrere Knechte herbei, um das Mädchen fortzuführen.
„Wer iſt dieſes unglückliche Weſen?“ fragte der Graf.
„Ein irrſinniges Frauenzimmer, Erlaucht, das auf Koſten der Gemeinde im Armenhauſe untergebracht iſt,“ erwiderte Hiemann.
„Sie will mich ſprechen, wie es ſcheint; man laſſe ſie herantreten!“ befahl der Gutsherr.
Das blödſinnige Mädchen hatte ſich bereits den Händen der Knechte entwunden und ſtand vor dem Wagen.
„Man nennt mich die tolle Hanne, Herr Graf,“ ſagte ſie,„aber ich bin vielleicht klüger, als dieſe hier! Sie werden betrogen, Herr Graf, ſchändlich übervortheilt, die Steuer⸗ pflichtigen werden auf das Grauſamſte ausgeſogen und ge⸗ knechtet; dieſer da“— auf den Rentmeiſter zeigend— „bereichert ſich ſchamlos an Ihrem Eigenthum.“
„Man führe das wahnſinnige Geſchöpf hinweg!“ ſchrie der Rentmeiſter außer ſich vor Wuth.
„Laſſen Sie das Mädchen ausreden, lieber Hiemann,“ ſagte der Graf ruhig, und zu der Anklägerin gewendet, fuhr
er fort:„Du ſprichſt eine ſchwere Beſchuldigung aus, Mäd⸗
chen, womit willſt Du ſie beweiſen?“
„Hier ſtehen hundert Zeugen, daß der Rentmeiſter meinen Vater von Hans und Hof gejagt und mich um mein Erbe gebracht hat. Jetzt hat er ſeinen Zweck erreicht, das Gut iſt ſein Eigenthum, und mein armer Vater hat ſich aus Ver⸗ zweiflung das Leben genommen.“
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