Concordia.
„Ich bin reich und kann Dir ein ſorgenfreies Leben bieten, wenn Du meine Gattin wirſt; ich bin aber auch mächtig genug, Dich zu verderben, wenn Du Deinen albernen Wider⸗ ſtand nicht aufgiebſt.“
„Haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Rentmeiſter!“ ſtöhnte Regina,„laſſen Sie mir Zeit zur Ueberlegung.“
„Zeit zur Ueberlegung?“ höhnte der Beamte;„der Ent⸗ ſchluß ſcheint Dir ſehr ſchwer zu werden! Es ſind zwei Monate her, daß ich um Dich warb, und heute haſt Du noch immer keinen Entſchluß gefaßt?“
„Ich kann nicht!“ wiederholte Regina und Thränen ent⸗ ſtürzten ihren Augen.
„Du kannſt nicht?“ ſchrie Hiemann außer ſich vor Wuth, „nun, dann werde ich Dich zwingen!“ Er packte den Arm des Mädchens und preßte ihn in der Aufregung mit ſolcher Gewalt, daß die Gequälte einen lauten Schmerzensſchrei ausſtieß.
Da knackte und raſchelte es im Gebüſch und im nächſten Augenblick tönte ein durchdringendes Lachen durch den Wald.
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Die Zweige theilten ſich und ein zerlumptes Frauenzimmer V
ward ſichtbar, das jetzt dicht an die Beiden herantrat.
„Die tolle Hanne,“ rief Regina freudig überraſcht, daß ein menſchliches Weſen in der Nähe war.
„So nennt man mich, aber glauben Sie es nicht, Herr Rentmeiſter, daß ich toll bin, glauben Sie es nicht! Aber ſehen Sie dort die ſchwarze Tanne, Herr Rentmeiſter, die die Arme ſo verlangend nach Ihnen ausſtreckt? An dieſer Tanne hing einſt mein armer Vater, als Sie ihm Haus, Hof, Feld und Vieh genommen hatten, weil er Ihnen nicht gleich die Zinſen zahlen konnte. Jetzt iſt das ſchöne Gut Ihr Eigenthum, mein Vater aber iſt todt und mich hat man in's Armenhaus geſperrt. O, Sie hätten es ſehen ſollen, Herr Rentmeiſter, wie mein armer Vater ſo luſtig im Winde ſchaukelte, als er dort an der Tanne hing; es war zu luſtig. Sie hätten gewiß fürchterlich gelacht!“
Und wieder ſchlug ſie das markerſchütternde Gelächter auf, daß Hiemann entſetzt zurückwich.
„Ich werde mir in den nächſten Tagen Deinen Beſcheid holen!“ ſagte er haſtig zu Regina und eilte beflügelten Schrittes rückwärts, dem Schloſſe Wolfſtein zu.
3. Kapitel.
Auf dem Stammſitze der Grafen von Wolfſtein herrſchte ungewöhnliches Leben. Die dumpfigen Zimmer wurden ge⸗ lüftet, die Fenſter blank geputzt, Spinnengewebe abgekehrt und überall geſcheuert und geſäubert, daß man den alten Sdelſitz kaum wieder erkannte.
Der neue Majoratsherr wurde erwartet und ihm zu Ehren alle dieſe Vorbereitungen getroffen; er war auf einer Rund⸗ reiſe durch ſeine ausgedehnten Beſitzungen begriffen, die den doppelten Zweck hatte, ſich von dem Stande ſeiner Güter zu überzeugen und ſeine Beamten perſönlich kennen zu lernen.
In den Zimmern Hiemann's hatten die Schloßbewohner ſeit mehreren Tagen eine fieberhafte Thätigkeit beobachtet. Der Rentmeiſter ſelbſt wurde kam auf Augenblicke am Fenſter ſichtbar, er hatte ſich mit ſeinem Vertrauten Triebner eingeſchloſſen und dem übrigen Perſonale ſtreng befohlen, Niemanden vorzulaſſen, da er eine genaue ſtatiſtiſche Zu⸗
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ſammenſtellung aller ſeinen Wirkungskreis betreffenden Vor⸗ kommniſſe anzufertigen habe. Mehrere Nächte hindurch brannte ununterbrochen Licht in Hiemann's Arbeitszimmer; es mußten beſonders wichtige Dinge ſein, die den Beamten zu dieſer angeſtrengten Thätigkeit veranlaßten.
Lautloſe Stille herrſchte in dem Gemach, wo der Rent⸗ meiſter und ſein Sekretär über dicke Bücher gebückt ſaßen. Nur das Kritzeln der über das Papier dahinfliegenden Federn war hörbar.
Plötzlich erhob ſich der Beamte und trat zu dem Tiſche ſeines Vertrauten.
„Triebner,“ ſagte er mit halblauter Stimme,„wir müſſen die Bücher, welche die wirklichen Einnahmen enthalten, in ſicheren Gewahrſam bringen. In meiner Wohnung ſind ſie nicht geborgen genug, in der Ihrigen eben ſo wenig. Wiſſen Sie ein Verſteck, wo wir keine Entdeckung zu fürchten brauchen?“
„Das läßt ſich unſchwer finden,“ erwiderte Triebner; „unten im Parke ſteht eine Eremitage, die vom Strauchwerk ganz verdeckt iſt, ſo daß ſie von außen nicht wahrgenommen werden kann. Dort wird die Schriften Niemand vermuthen, wenn überhaupt Nachfrage darnach ſein ſollte. Das Häuschen iſt außer mir und dem Kaſtellan wohl kaum noch Jemandem im Schloſſe bekannt.“
„Der Rath iſt gut, Triebner. Heute Mittag, während Sie Ihren gewöhnlichen Spaziergang im Parke machen, nehmen Sie das Packet mit und bringen es an den be⸗ ſprochenen Ort. Die Bücher ſind nicht groß, wie Sie wiſſen, da ſie nur die Hauptſummen enthalten; Sie können alſo das Packet bequem unter dem zugeknöpften Rocke trans⸗ portiren.“
Der Sekretär gab ſein Einverſtändniß durch ein Kopf⸗ nicken zu erkennen.
„Wo haben Sie den Zettel, welcher die Zuſammenſtellung der wirklichen Einnahmen und der an die gräfliche Familie abgelieferten Gelder enthält?“
Triebner ſchloß ſein Pult auf und überreichte dem Vor⸗ geſetzten ein Blatt Papier.
„Fünfunddreißigtauſend Thaler alſo beträgt die Differenz während meiner achtzehnjährigen Dienſtzeit?“ ſagte der wür⸗ dige Rentmeiſter, nachdem er das Blatt aufmerkſam geprüft hatte;„das macht für das Jahr noch nicht einmal zweitauſend Thaler, bei einer Einnahme von Hunderttauſenden gewiß ein beſcheidener Gewinn!“
„Mit welchem ſich andere Rentmeiſter bei dem Mangel jeder Kontrole ſchwerlich begnügt haben würden,“ Triebner ein.
„Nun, Ihre Dienſte ſind auch nicht unbelohnt geblieben, Triebner,“ flüſterte Hiemann, als fürchte er, belauſcht zu werden.„Nach Ausweis dieſes Blattes ſind etwa achttauſend Thaler in Ihre Taſche gefloſſen.“
„Ich bin zufrieden mit dem, was mir des Hectn Rent⸗ meiſters Güte zufließen läßt!“ erwiderte der Sekretär mit demüthig unterwürfigem Lächeln.
Die Beamten nahmen die unterbrochene Arbeit wieder auf, tiefe Stille herrſchte wieder in dem Schreibzimmer.
Dem Rentmeiſter ſchien aber heute zu ſeiner Beſchäftigung die nöthige Ruhe zu fehlen; in Gedanken verſunken, ſaß er zurückgelehnt in ſeinem Stuhl und ſtarrte unverwandt auf
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