Jahrgang 
2 (1879)
Seite
714
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Concordia.

von Rentmeiſtern vereinnahmt, die behufs Eintreibung dieſer Steuern mit ausgedehnten Vollmachten verſehen waren. Die Wolfſtein's lebten von jeher auf großem Fuße und brauchten ſehr viel Geld; kein Wunder, wenn die Rentmeiſter im Intereſſe ihrer Herrſchaft und in ihrem eigenen die Steuern nicht blos möglichſt hinaufzuſchrauben ſuchten, ſondern auch den Abgabepflichtigen gegenüber mit aller Strenge und Rück⸗ ſichtsloſigkeit verfuhren. Die ihnen von den vereinnahmten Geldern zuſtehenden Prozente bildeten den wichtigſten Theil ihrer Einkünfte; je mehr die Rentmeiſter alſo den Einwohnern abpreßten, um ſo größer war ihr eigener Vortheil.

Auch das Dorf Tannengrün gehörte zur Herrſchaft Wolf⸗ ſtein und hatte daher zu den feſtgeſetzten Terminen ſeine Ab⸗ gaben an den gräflichen Rentmeiſter, der im Schloſſe Wolfſtein ſeine Amtswohnung hatte, zu entrichten. Hiemann, ſo hieß der Rentmeiſter, war nicht beliebt; ſein kaltes, vornehmes Weſen, die hochmüthige Abgeſchloſſenheit, die ihn ſelbſt auf die reichen und bevorzugten Bewohner ſeines Verwaltungs⸗ bezirks verächtlich herrabblicken ließ, vor Allem aber die unnachſichtige, faſt grauſame Strenge, mit welcher er ſelbſt von dem ärmſten Zinspflichtigen die Steuern eintrieb, hatten ihn zu dem verhaßteſten und gefürchtetſten Menſchen der ganzen Grafſchaft gemacht. Hiemann wußte das recht wohl, aber es kümmerte ihn wenig; Niemand würde es gewagt haben, über den mächtigen Beamten Beſchwerde zu führen, ſelbſt wenn die Bedrückten den Aufenthalt des Grafen gekannt hätten.

Unruhig ging der Rentmeiſter in ſeinem Bureau auf und ab; keiner ſeiner Untergebenen konnte ihm heute etwas recht machen, er war offenbar ſehr ſchlecht gelaunt.

Triebner, ſchrie er plötzlich in das Nebenzimmer hinein, hat denn die Wittwe Mühlfort in Tannengrün ihre Steuern bezahlt?

Noch nicht, Herr Rentmeiſter, erwiderte der Gefragte,

obgleich ſie ſonſt ſehr pünktlich iſt. Länger als eine Woche iſt ſie bis jetzt nie in Rückſtand geblieben, und vermuthlich wird ſie auch diesmal keine längere Nachſicht beanſpruchen.

Es ſoll überhaupt Niemand in Rückſtand bleiben, nicht einen Tag, viel weniger acht. Erinnern Sie mich morgen an die Mühlfort, ich werde endlich einmal ein Exempel ſtatuiren.

Ein ſchadenfrohes Lächeln glitt über die ſcharfgeſchnittenen, blaſſen Züge des Rentmeiſters.

Werde ich Dich endlich faſſen, Du hochmüthiges Ding, das ſein Glück mit Füßen tritt? flüſterte er vor ſich hin. Das Mädchen iſt die Einzige in der ganzen Herrſchaft, die mir zu trotzen wagt; aber ich will ſie ſchon mürbe machen, ſei es auch nur des Beiſpiels wegen.

Wieder machte Hiemann einige Schritte durch das Zimmer, dann blieb er an ſeinem Schreibtiſche ſtehen und erfaßte ein erbrochenes Schreiben, das er krampfhaft zuſammenknitterte und wüthend auf den Tiſch warf.

Alſo übermorgen kommt Seine Erlaucht, der Herr Graf, nach Wolfſtein, vermuthlich um die Bücher zu revidiren! knirſchte er in den Bart.Nun, es iſt wenigſtens vernünftig von dem hochgeborenen Herrn, daß er ſich vorher anmeldet, ſonſt würde er vielleicht dieſe und jene überraſchende Ent⸗ deckung gemacht haben!

Ein wildes Lachen folgte dieſer Bemerkung.

Der junge Majoratsherr ſcheint ſehr ſpießbürgerliche

Grundſätze zu haben, fuhr er fort, indem er mechaniſch mil der Hand auf den Tiſch trommelte.Seit den achtzehn Jahren, die ich die Ehre habe, hochgräflicher Rentmeiſter zu ſein, und vermuthlich auch noch lange vorher, iſt es keinem Wolfſtein eingefallen, dieſes alte Eulenneſt zu beſuchen, viel weniger ſich um Verwaltungsangelegenheiten zu bekümmern; die Herren ließen Unſereinem Zeit, auf einen Nothpfennig bedacht zu ſein. Seit aber im vorigen Jahre dieſer junge Laffe die Erbſchaft ſeines Vaters angetreten hat, iſt der Teufel los; um Alles kümmert er ſich, über Alles will er Aufſchluß haben zum Glück hat man ſein Schäfchen in's Trockene!

In dieſem Augenblicke trat Triebner herein und meldete, daß ſoeben Regina Mühlfort die Steuern bezahlt habe.

Verdammt! murmelte Hiemann, dann nahm er Stock und Hut und verließ das Bureau.

Rüſtig ſchritt Regina aus, um vor dem Einbruche der Nacht nach Hauſe zu gelangen. Es war jedesmal für ſie ein ſaurer Gang, die Abgaben nach Wolfſtein zu tragen, denn der Rentmeiſter verfolgte ſie regelmäßig mit ſeinen Werbungen; dennoch mußte ſie ſich dieſer Aufgabe unterziehen, da ihre alte Mutter nicht im Stande war, den faſt zwei Meilen betragenden Weg zurückzulegen.

Das junge Mädchen war kaum ein Stündchen gegangen, als plötzlich aus einem Seitenpfade des Gehölzes ein Mann hervortrat, in dem ſie mit Schrecken den Rentmeiſter erkannte. Er war nach Triebner's Mittheilung ihr nachgeeilt und hatte ſie auf näheren Seitenwegen bald eingeholt. Jetzt vertrat er dem zum Tode erſchrockenen Mädchen den Weg.

Guten Tag, Regina! ſagte er, mit widerlicher Freund⸗ lichkeit ihr die Hand entgegenſtreckend, die das Mädchen mit den Fingerſpitzen berührte.Du machſt ja ein Geſicht, als habe Dich eine Natter geſtochen, während ich eine Stunde weit laufe, nur um Dich zu ſehen und zu ſprechen.

Der Herr Rentmeiſter ſind ſehr gütig! flüſterte ſchüch⸗ tern Regina,aber ich konnte Sie hier, mitten im Walde, nicht vermuthen.

Du magſt aus dem weiten Wege, den ich Deinetwillen zurückgelegt habe, die Größe meiner Liebe zu Dir ermeſſen, ſagte Hiemann, indem er den Verſuch machte, ſeinen Arm um Regina's Taille zu legen, was aber das Mädchen durch eine geſchickte Wendung vereitelte.

Haſt Du Dir meinen Vorſchlag überlegt, Regina? fragte der Beamte nach einer Pauſe, das Mädchen ſcharf fixirend.

Welchen Vorſchlag, Herr Rentmeiſter?

Nun, ich habe Dir, wie Du Dich wohl erinnerſt, meine Hand angeboten. Was haſt Du darauf beſchloſſen?

Laſſen wir das jetzt, Herr Rentmeiſter, nur hier nicht, mir iſt ſo bange! In höchſter Noth ſchaute das Mädchen zurück, ob ihr nicht Jemand Hilfe brächte; kein lebendes Weſen war, ſo weit das Auge reichte, ſichtbar.

Ich will endlich einmal Gewißheit haben, Regina, ſagte Hiemann rauh.Du haſt mich lange genug hingehalten, jetzt iſt meine Geduld zu Ende.

Ich ich kann nicht! preßte das gequälte Mädchen hervor, und die Angſt trieb ihr dicke Schweißtropfen auf die Stirn.

Bedenke, was Du ſprichſt! ziſchte der Rentmeiſter.