Jahrgang 
2 (1879)
Seite
713
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Concordia.

als im flachen Lande, und obgleich es noch im September war, fegte doch ſchon ein recht rauher Wind durch das Thal. Die Bewohner ſaßen nicht mehr, wie dies bei mildem Wetter geſchah, nach Feierabend plaudernd und rauchend vor ihren Häuſern, ſondern hatten ſich in die behaglich erwärmten Zimmer zurückgezogen, um hinter dem brennenden Kienſpan den Ge⸗ ſchichten aus alter Zeit zu lauſchen, die Großvater und Groß⸗ mutter erzählten.

Auch in dem kleinen, baufälligen Hauſe ſah man durch die trüben Fenſterſcheiben ein Licht aufflackern; gleich darauf öffnete ſich die Hausthür und ein junges Mädchen ſprang über die Schwelle, um die Fenſterläden zu ſchließen.

In dieſem Moment trat eine dunkle Geſtalt um die Ecke des Hauſes, ſchritt lautlos auf das überraſchte Mädchen zu und drückte ihm ein kleines Packet in die Hand. Eben ſo ſchnell, wie ſie gekommen war, verſchwand die Geſtalt wieder im Dunkel der Nacht. Wenige Sekunden ſpäter ſtand das Mädchen in der niedrigen, rauchgeſchwärzten Wohnſtube, am ganzen Leibe zitternd und keines Wortes mächtig.

In einem alten lederbezogenen Lehnſtuhl, der ſchon manche Generation überlebt haben mochte, ſaß eine hagere Frau am Tiſche. Ihre runzeligen Züge deuteten an, daß die Stürme des Lebens nicht ſpurlos an ihr vorübergegangen waren, aber in den noch immer lebhaft ſtrahlenden Augen lag der Aus⸗ druck von Energie und Willenskraft, und doch auch wieder eine unverkennbare Gutmüthigkeit. Auf der ſtark gebogenen Naſe ruhte eine mächtige Hornbrille mit kreisrunden Gläſern und in der Hand hielt die Frau ein Gebetbuch, das in grober Schrift die Morgen⸗ und Abendandachten auf das ganze Jahr enthielt.

Als das junge Mädchen mit ungewöhnlicher Haſt die

Stube betrat, ließ die Alte das Buch ſinken und ſchaute ver⸗ wundert auf, als erwarte ſie eine Erklärung des auffallenden Benehmens. Aber nur unverſtändliche Handbewegungen be⸗ antworteten ihren fragenden Blick und reizten die beſorgte Neugier der Frau nur noch mehr. Aber um Gottes willen, Regina, was iſt denn paſſirt? So ſprich doch endlich, Du biſt ja ganz außer Dir! ſagte ſie, indem ſie einen kleinen Papierſtreifen in das aufgeſchlagene Buch legte und daſſelbe zuklappte.

Schweigend und mit zitternder Hand ſchob Regina das Packet vor die Alte auf den Tiſch.

Mit wachſendem Erſtaunen nahm die Frau daſſelbe in die

Hände, betrachtete es ſorgfältig von allen Seiten, ſchüttelte

aber wiederholt das von grauen Haaren umgebene Haupt, als ſei ſie von dem Reſultate ihrer Beſichtigung keineswegs befriedigt.

Wie kommſt Du zu dieſem Gegenſtande, Regina? fragte ſie, nachdem ſie durch Wiegen in der Hand ſich vergeblich be⸗ müht hatte, den Inhalt zu errathen.

Das junge Mädchen hatte ſich inzwiſchen geſammelt und die Neugier war auch bei ihm rege geworden.

Eine dunkle Geſtalt, Mutter ich weiß nicht, ob es Mann oder Frau war drückte mir ſoeben das Päckchen in die Hand, vermochte Regina endlich hervorzubringen.

Eine dunkle Geſtalt? erwiderte die Frau, indem ſie den Gegenſtand auf's Neue zur Hand nahm und einer nochmaligen Prüfung unterzog.Was hat Dir das geheimnißvolle Weſen bezüglich des Packetes für Weiſungen gegeben?

Gar keine, Mutter. Die Geſtalt ſtand plötzlich an meiner Seite, ſchob mir das Päckchen in die Hand und war ver⸗ ſchwunden, ohne mir Zeit zu laſſen, ihr Aeußeres in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Nur ſo viel vermochte ich in der Finſter⸗ niß zu erkennen, daß die Geſtalt in ein langes, dunkles Gewand gekleidet war, das eben ſo gut ein männliches, wie ein weibliches Weſen umhülken konnte; der Schreck machte mich aber unfähig, irgend eine Frage an den Unbekannten zu richten.

Plötzlich drückte die Alte ihre Brille feſter an die Augen; ſie hatte auf der Umhüllung von ſtarkem, blauem Papier Schriftzüge entdeckt, die ſie ſich zu entziffern bemühte. Ein ſtarker Bindfaden war mehrfach um das Papier geſchnürt und die Enden des Fadens mit einem großen Siegel befeſtigt.

Seltſam! ſagte Reginens Mutter mehr zu ſich ſelbſt, als zu ihrer Tochter,die Aufſchrift iſt an mich gerichtet, ein Irrthum alſo nicht möglich.

Haſtig nahm das junge Mädchen das Packet zur Hand und bei dem unſicheren Lichte des brennenden Kienſpanes las ſie mühſam die auf dem dunklen Papiere nur ſchwach hervortretenden Worte. Sie lauteten:

Frau Mühlfort wird gebeten, dieſes Packet ſorgfältig aufzubewahren, es wird innerhalb ſechsmal vierundzwanzig Stunden abgeholt. Wer das Siegel bringt, deſſen Abdruck ſich auf dem Papiere befindet, iſt zur Empfangnahme be⸗ rechtigt, kein Anderer.

Die beiden letzten Worte waren ſtark unterſtrichen, das Siegel aber zeigte ein mit der Grafenkrone verſehenes Wap⸗ pen, in deſſen mittlerem Felde ein Wolf ſichtbar war.

Bei Gott, das iſt das Wappen der gräflichen Familie von Wolfſtein! rief Frau Mühlfort im Tone höchſter Ueber⸗ raſchung;das iſt eine räthſelhafte Geſchichte! Aber gleich⸗ viel fuhr ſie reſolut fort,das Packet iſt uns anvertraut und der Inhalt kümmert uns nicht. Lege es dort in das verborgene Fach des Wandſchrankes, wo Deine Pathenbriefe und unſere übrigen wenigen Familienpapiere liegen, Regina, und ſprich gegen Niemandem von dem Vorfall. Wir wollen das uns geſchenkte Vertrauen rechtfertigen.

Die Alte nahm noch einmal das Buch zur Hand und las den unterbrochenen Abendſegen zu Ende; als der Kien⸗ ſpan verbrannt war, ſuchten die beiden Frauen ihre Lager⸗ ſtätten auf.

2. Kapitel. Etwa zwei Meilen von Tannengrün lag das gräkliche Schloß Wolfſtein, deſſen Zinnen und vom Alter geſchwärzten

Wände wegen ihrer Lage auf einem bewaldeten Gebirgskegel

weithin ſichtbar waren. Rings um den CEdelſitz gruppirten

ſich die Häuſer des gleichnamigen Dorfes, das den Mittel⸗ punkt der ausgedehnten Herrſchaft Wolfſtein bildete.

Nur höchſt ſelten beſuchten Glieder der gräflichen Familie das Stammſchloß; nur wenige Bewohner des Dorfes konnten ſich noch des alten Grafen erinnern, der vor Jahrzehnten auf einige Tage hier geweſen war, um in Gemeinſchaft zahlreicher Kapaliere auf dem ausgedehnten Revier zu jagen. Für gewöhnlich lebte die Familie in der Reſidenz oder hielt ſich im Auslande, meiſt in Paris, auf; ihre Güter waren ver⸗ pachtet, die Schlöſſer ſtanden unter der Aufſicht von Kaſtellanen und die an die Gutsherrſchaft zu zahlenden Aöhaben wurden