712 Concordia.
trauen.“*— So bin ich auf mich ſelbſt angewieſen,“ ſagte ich Vater verließ ſein Palais faſt nie mehr, denn ich hatte
entſchloſſen, ‚pielleicht trifft ihn meine Rache härter, als der Arm der Gerechtigkeit!“
„Ich miethete mir in dem ärmlichen Stadttheil, den ich noch jetzt bewohne, eine kleine Wohnung, verkaufte meine Garderobe und Werthſachen und erſtand einen Anzug, deſſen ſich der heruntergekommenſte Vagabund geſchämt hätte. In dieſer Kleidung, barfuß und ohne Kopfbedeckung, ſetzte ich mich anderen Tages dem Palais meines Vaters gegenüber auf eine Promenadenbank und las in einem Buch. Von Zeit zu Zeit ging ich auf und ab, damit ſich meine Angehörigen ver⸗ gewiſſern ſollten, daß ich es wirklich war, den ſie vor ſich hatten. Ich ſah, daß man mich drüben im Hauſe bemerkte; meine Schweſter entdeckte mich zuerſt und rief den Vater, der mich hinter dem Vorhang beobachtete; aber man ignorirte mich. Auch die nächſten Tage machten meine Angehörigen keinen Verſuch, ſich mit mir zu verſtändigen, und dies reizte mich noch mehr.
„Ich ließ mir feine Viſitenkarten drucken, auf denen die Freiherrenkrone und die Worte: ‚Baron von Wildenhagen, Sohn des Geheimen Finanzrathes Freiherrn von Wildenhagen“ in Kupfer geſtochen waren. In meinem Bettlerkoſtüm ging ich nun in die vornehmſten Häuſer der Stadt, gab meine Karte ab und erbot mich zu allerhand niedrigen Dienſtleiſtungen, wie Holzhacken, Waſſerholen u. ſ. w. Wenn die Diener meine hochtönende Karte der Herrſchaft präſentirten, geſchah es ſehr oft, daß die gnädige Gräfin oder eine ſonſtige hoch⸗ geſtellte dame herauskam, um mich zu begrüßen, aber entſetzt zurückprallte, wenn ſie meine ſchmutzigen nackten Füße und zerriſſene Kleidung ſah. In wenigen Tagen war ich der ausſchließliche Gegenſtand des Stadtgeſprächs und der Name Wildenhagen in Aller Munde.
„Laſſen Sie mich zum Schluß eilen, Herr! Mein
es ſtets ſo einzurichten gewußt, daß er bei ſeinen Aus⸗ fahrten mir begegnen mußte. Einmal ſandte er ſeinen Rechtsanwalt in meine Wohnung, um mit mir zu unter⸗
handeln. Er bot mir eine bedeutende Summe, wenn ich
nach Amerika auswandern wolle. Ich wies alle Anerbiet⸗ ungen ſtolz und kalt zurück und ließ meinem Vater ſagen, daß ich ſeines Geldes nicht bedürfe, daß ich aber bis zum letzten Athemzuge meiner Rache leben werde. Da der
Advokat mit Polizei drohte, warf ich ihn ohne Weiteres zur
Thüre hinaus.
„Seitdem bin ich nicht mehr behelligt worden; ich aber habe mit eiſerner Konſequenz meinen Racheplan durch⸗ geführt. Als mein Vater nach etwa zehn Jahren ſtarb, war mir mein bisheriges Leben ſo zur zweiten Natur ge⸗ worden, daß ich es nicht mehr aufgeben mochte. Vor Mangel ſchützt mich ein kleines Kapital, das als mütter⸗ liches Erbtheil in einem hieſigen Bankhauſe deponirt iſt und von dem ich täglich einen Thaler zu entnehmen berech⸗ tigt bin.“
Der Alte ſchwieg und mit inniger Theilnahme ſchaute ich auf ſein ſchönes, ehrwürdiges Geſicht.
„Und die Dame, die wir auf der Promenade ſahen?“ fragte ich.
„Sie iſt mir gänzlich unbekannt,“ erwiderte Wilden⸗ hagen,„aber ihre wahrhaft erſchreckende Aehnlichkeit mit meiner armen Marie fällt mir immer wieder auf's Neue auf, ſo oft ich ſie ſehe.“
Ich drückte dem Alten bewegt die Hand und entfernte mich. Ein Jahr ſpäter las ich in der Todtenliſte auch den Namen Wildenhagen; der Schwergeprüfte hatte ſeine irdiſche Miſſion vollbracht.
Die tolle Hanne.
Erzählung von M. L. von Chemnitz.
1. Kapitel⸗
In einem kleinen Seitenthale eines mitteldeutſchen Ge⸗ birgszuges liegt das Dörſchen Tannengrün. Die Bewohner ſind Waldarbeiter, Kohlenbrenner und Holzſchnitzer, die zwar nicht jene feinen, zierlichen Nipptiſchſachen liefern, wie ſie in Tirol gefertigt werden, wohl aber die ganze Umgegend und darüber hinaus mit den hunderterlei hölzernen Geräthen ver⸗ ſehen, die in Küche und Haus unentbehrlich ſind. Nur ſelten verſteigt ſich der Fuß eines Fremden in dieſes abgelegene Walddorf; der große Schwarm der Beſucher folgt der her⸗ kömmlichen Touriſtenſtraße, die zwar die hervorragendſten Sehenswürdigkeiten des Gebirges berührt, aber gerade die prächtigſten grünen Thäler mit ihren idylliſchen, friedlichen Ortſchaften weit zur Seite läßt.
Das Dorf Tannengrün zählt wenig mehr als zweihundert Einwohner, die in etwa dreißig bis vierzig Häuſern wohnen. Die Häuſer ſind freilich nichts weiter, als aus Lehm, Stroh und Holz zuſammengefügte Hütten, von denen viele bereits in bedenklicher Weiſe eine ſchiefe Richtung angenommen haben; aber die wohlgepflegten, mit Obſtbäumen reichlich beſtandenen
(Nachdruck verboten.)
Gärten geben dem Orte doch ein freundliches Ausſehen, das durch die Zufriedenheit, die aus den Geſichtern dieſer anſpruchs⸗ loſen Menſchen ſtrahlt, noch erhöht wird.
Am Ende des Dorfes, da, wo das kleine Thal in jäher Steigung ſich mit den umſchließenden Bergen vermählt, ſtand eine Lehmhütte, die ſich vor Altersſchwäche kaum noch aufrecht zu erhalten vermochte. Der Nordwind würde ſie zweifellos längſt weggeweht haben, wäre ſeine Gewalt nicht durch den bis dicht an die Hütte heranreichenden Forſt gebrochen worden. dennoch aber konnte das Daſein dieſes armſeligen Gebäudes nur noch durch feſte Stützen, die an der den Einſturz drohen⸗ den Seite angebracht waren, nothdürftig gefriſtet werden. Das Häuschen war ſicherlich das erbärmlichſte im ganzen Dorfe, dafür aber das anſtoßende Gärtchen das wohlgepflegteſte in Tannengrün; es zeigte, daß hier kundige Hände ſchalten und walten mußten. Es blühten zwar nur noch Sonnen⸗ blumen und Aſtern in dem kleinen Garten, aber die Beete
waren ſorgfältig vom Unkraute befreit, die Wege ſauber und
die kleine Holzbank, welche von einem Haſelſtrauche überſchattet wurde, blankgeſcheuert.
Der Herbſt tritt in dieſen Gebirgsgegenden zeitiger ein,


