Jahrgang 
2 (1879)
Seite
711
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Das ganze mächtige Grundſtück mit Gärten und Wirth⸗ ſchaftsgebäuden war von einer hohen Mauer umſchloſſen, die zu überſteigen geradezu unmöglich erſchien. Auf meinen Spaziergängen im Garten hatte ich aber einen dunklen Laub⸗ gang entdeckt, der ſich dicht an der Mauer hinzog; hier wollte ich verſuchen, dieſelbe zu durchbrechen.

Ich hatte mir einen Stock mit ſchwerer eiſerner Zwinge machen laſſen, und es fiel nicht auf, daß ich denſelben ſtets bei mir trug; ſo oft ich nun dies unbemerkt thun konnte, ſuchte ich jenen Laubgang auf und ſtieß mit meinem Stock kräftig an eine beſtimmte, hinter Laubwerk verſteckte Stelle der Mauer, ſo daß jedesmal Mörtel und kleine Stücke Mauerſteine herausfielen. Natürlich wiederholte ich dieſes Manöver täglich ſehr oft, ſo daß ich ſchon nach wenigen Tagen entſchiedene Erfolge ſah und bei der nöthigen Vorſicht hoffen durfte, meine Bemühungen von Erfolg gekrönt zu ſehen.

Endlich war die Breſche ſo weit gediehen, daß ich an die Ausführung meines Vorhabens gehen konnte. Es war eines Abends im April, als ich mich ungewöhnlich lange im Billardzimmer aufhielt, um die Nacht vollſtändig hereinbrechen

zu laſſen. Spät entfernte ich mich, ging aber nicht nach

meinem Zimmer, ſondern in den Garten. Der Wächter nahm nicht den geringſten Anſtand, mir dies zu gewähren, und ſo gelangte ich unangefochten an die Stelle, wo das Befreiungs⸗ werk eingeleitet war. Aus der Küche hatte ich mir eiſerne Ofengeräthſchaften anzueignen und dorthin zu ſchaffen gewußt, wo ich meine begonnene Minenarbeit zu vollenden gedachte. Klopfenden Herzens, aber mit fieberhafter Haſt ging ich an's Werk, ein Stein nach dem anderen löſte ſich aus der dicken Mauer, und endlich war der Durchbruch gelungen. Ich hätte laut aufjubeln mögen, aber noch war ich nicht in Sicherheit; ein unbedachtes Geräuſch konnte mich dem patrouillirenden Wächter verrathen und alle meine Pläne mit einem Schlage vernichten. Die Oeffnung in der Mauer war jetzt weit genug, um mich durchzulaſſen eine Minute ſpäter be⸗ fand ich mich jenſeit der Mauer im Freien.

Einen Moment ſtand ich ſtill, um mir den Schweiß ab⸗ zutrocknen und Luft zu ſchöpfen. Es war mir, als ſei die Luft hier friſcher, balſamiſcher als innerhalb der Anſtalt, und mit Entzücken ſog ich ſie ein. Dann raffte ich mich auf, und wie von Furien gepeitſcht, eilte ich den Hügel hinab, dem Wieſenweg zu, der die Richtung nach der Reſidenz hatte.

Ich lief, daß mir die Füße ſchmerzten, aber ich achtete nicht darauf, bei Tagesanbruch mußte ich ſo weit wie möglich von der Anſtalt entfernt ſein. Es war unzweifelhaft, daß man bei Entdeckung meiner Flucht nach allen Richtungen berittene Verfolger ausſenden würde, und ich vermied des⸗ halb die Landſtraßen und größeren Kommunicationswege, mich immer nur an wenig betretene Pfade haltend. Am Tage ruhte ich in einem abgelegenen Dorfwirthshauſe aus und bei einbrechender Dunkelheit begann ich meine Wanderung wieder. Gegen Abend des zweiten Tages tauchten die Thürme der Reſidenz vor mir auf.

Mit welchen Gefühlen ich die Stadt, die mein Liebſtes barg, wiederſah, können Sie ſich denken, Herr. Beflügelten Schrittes eilte ich vorwärts, mein erſter Weg ſollte meiner

Concordia.

nach; aber es ſchien unmöglich, dieſelbe unbemerkt bewerk⸗

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armen Marie gelten. Klopfenden Herzens zog ich den Klingelzug, der an der Thüre zu ihrer Wohnung angebracht war.

Eine mir gänzlich fremde Frauensperſon öffnete, muſterte mich vom Kopf bis zu den Füßen und ſchüttelte bei meiner Frage nach Marien vielſagend das Haupt. ‚Wenn Sie die Nätherin meinen, die vor einem halben Jahr hier gewohnt hat, ſo müſſen Sie ſie auf dem Friedhof beſuchen. Der Bräutigam des Mädchens hat ſie drei Tage vor der Hochzeit ſchmählich verlaſſen und ſie hat aus Gram darüber den Tod in den Wellen geſucht.

Damit warf ſie die Thür zu und ließ mich ſtehen.

Ich faßte mit beiden Händen an meinen Kopf, der zu zerſpringen drohte. In raſender Eile rannte ich zu meinem Freund Weidlich, er ſollte mir Aufſchluß über die Vorgänge während meiner Abweſenheit geben.

Er empfing mich auffallend kühl, aber mit ungeheucheltem Erſtaunen. ‚Du haſt unrecht gethan, das arme Mädchen zu verlaſſen, ſagte er. ‚Es war unrecht von Dir, ſie an Dich zu feſſeln, und dann wie einen abgetragenen Handſchuh beiſeite zu werfen.

Natürlich erzählte ich ihm meine Erlebniſſe mit allen Einzelheiten, und Weidlich hörte mir mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit zu. Als ich geendet, reichte er mir die Hand. ‚Jetzt iſt mir Vieles klar, rief er. ‚Du biſt das Opfer einer ſchmachvollen Intrigue. Dein Vater hat in der Stadt die Nachricht verbreiten laſſen, Du ſeieſt mit der Tochter eines reichen Banquiers in Berlin vermählt und mit dieſer nach Italien gegangen, wo Du Dich angekauft hätteſt. Mir erzählte dies der Kammerdiener Deines Vaters, den ich gelegentlich auf der Straße nach Dir fragte.

Ich war entſetzt über ſo viel Bosheit und beſchloß, Rache zu nehmen, eine Rache, darauf berechnet, den Stolz meiner Angehörigen auf das Empfindlichſte zu demüthigen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren, die Welt und die Menſchen waren mir gleichgiltig, und je mehr ſich die Klatſchſucht von Vornehm und Gering mit mir und meiner Famillie beſchäftigte, deſto gründlicher war mein Zweck erreicht.

Am nächſten Tag begab ich mich zum Staatsanwalt, um ihm meinen Fall vorzutragen. Die widerrechtliche Frei⸗ heitsentziehung war entſchieden ſtrafbar, und ich hätte eine ſüße Genugthnung darin gefunden, meinen unnatürlichen Vater in's Gefängniß wandern zu ſehen. Der Staatsanwalt verſprach, die Angelegenheit zu unterſuchen, und beſtellte mich nach einigen Tagen wieder.

Als ich ihn zum zweiten Mal beſuchte, zuckte er die Achſeln. ‚Ihre Sache ſteht für Sie nicht beſonders günſtig, Herr von Wildenhagen, rief er mir zu. ‚Ihre Einlieferung in die Irrenanſtalt erfolgte auf Grund glaubwürdiger ärzt⸗ licher Atteſte, die beſtätigten, daß Sie zeitweilig an Geiſtes⸗ ſtörungen gelitten haben. Der Anſtaltsdirektor konnte Sie daher nicht zurückweiſen. ‚Kann ich gegen die betreffenden Aerzte nicht vorgehen? fragte ich. Verſuchen Sie es, ob⸗ wohl ich mir keinen Erfolg verſpreche. Der Aerzte haben im guten Glauben gehandelt, Ihr Vater hat ihnen Dinge und Handlungen von Ihnen erzählt, die ſie beſtimmen mußten, unbedenklich das Zeugniß auszuſtellen. Sie wiſſen, Ihr Vater iſt eine einflußreiche Perſönlichkeit und die Aerzte hatten keine Veranlaſſung, ſeinen Angaben über Ihre Perſon zu miß⸗