Jahrgang 
2 (1879)
Seite
710
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Concordia.

ſelben wieder ſo lebhaft vor die Seele, als heute, wo ich den Gedanken Worte leihe. Aber fügte er ſchnell hinzu,wie können Sie, den Fremden, dieſe alten Geſchichten intereſſiren! Rechnen Sie es meinen Jahren zu gute, daß ich Ihnen zu⸗ muthe, mich anzuhören; das Alter wird geſchwätzig!

Ich hatte Mühe, ihn zu überzeugen, daß mich ſeine Er⸗ zählung lebhaft feſſele, und meinen dringenden Bitten um Fortſetzung gab er endlich nach. Er nahm einen Schluck Waſſer, dann fuhr er fort:

Es war ſpät am Morgen, als ich erwachte. Mein erſter Schritt war an's Fenſter; es war mit ſtarken, eiſernen Gittern verſehen und führte nach einem großen, wohlgepflegten Garten. Befand ich mich auf einer Feſtung, in einem Gefängniß? Auf letzteres ſchienen die dicken Eiſenſtäbe vor den Fenſtern zu deuten.

Der Schlüſſel ward im Schloß gedreht, zwei Männer traten ein, von denen der Eine eine Art Uniform oder Livrée trug. Auf einer Tablette brachte er mir ein Glas Milch und Gebäck, das für drei Perſonen ausgereicht haben würde. Der Andere war ein hochgewachſener Herr in den Fünfzigen; er trug eine goldene Brille, feinen ſchwarzen Anzug und im Knopfloch ein buntes Bändchen. ‚Hier ſind die Papiere, Herr Hofrath! ſagte der Diener, indem er in die Bruſttaſche griff und dem Angeredeten einige zuſammengefaltete Blätter überreichte. Der Hofrath warf einen flüchtigen Blick hinein und hielt dann eine auffällige Muſterung meiner Perſon. Wie befinden Sie ſich? fragte er dann in wohlwollen⸗ dem Tone.

Etwas matt und angegriffen, Herr Hofrath, erwiderte ich; ‚aber ſagen Sie mir, wo ich bin. In den beſten Händen; Sie werden aber gut thun, nicht weiter darüber nachzudenken, es könnte Sie aufregen. Sie ſind ohnehin, wie ich aus dieſen Papieren erſehe, etwas reizbar, fügte der Hofrath mit eigenthümlichem Lächeln hinzu; ‚aber das wird ſich mit der Zeit ſchon geben. Uebrigens haben Sie nicht nothwendig, ſich irgend einen erfüllbaren Wunſch zu verſagen; es iſt für Sie eine beträchtliche Summe deponirt, über die Sie in der angedeuteten Weiſe verfügen können. Ich ſehe Sie Nachmittag wieder.

Er ging und ließ mich mit meiner Ungewißheit allein. Aus Allem, was er ſagte, ging hervor, daß mein Aufenthalt auf lange Zeit, vielleicht bis an mein Ende berechnet ſei, und das Geheimnißvolle des Ortes peinigte mich nur noch mehr. Ich trat an's Fenſter; wunderliche Töne drangen aus dem Garten herauf. Schwermüthiger und luſtiger Geſang, Flöten⸗ ſpiel, heftiger Zank, Kommandorufe das alles ſchwirrte ſinnverwirrend durcheinander. Abenteuerliche Geſtalten huſchten zwiſchen den Büſchen dahin; vermummte Männer, fahrende Künſtler, gravitätiſch, mit ſtolz zurückgeworfenem Haupt einher⸗ ſchreitende Kavaliere und devote Höflinge glaubte ich unter⸗ ſcheiden zu können, ja ſogar ein gekröntes Haupt, mit der Krone auf dem Kopfe, hatte ich bemerkt. Da plötzlich war

es mir, als durchwühle ein ſpitzer Stahl mein Herz; laut weinend ſank ich in einen Seſſel. Kein Zweifel mehr ich befand mich im Irrenhaus!

Ueberwältigt ſchwieg Wildenhagen abermals eine Weile, dann erzählte er weiter:

Ich fürchtete ernſtlich, den Verſtand zu verlieren, als ich dieſe Entdeckung gemacht hatte, und der Gedanke an meine

arme, unglückliche Marie, der man über mein Verſchwinden ganz gewiß ein Märchen erzählt hatte, brachte mich faſt bis zur Raſerei. Der Hofrath war jedenfalls der dirigirende Arzt der Anſtalt, und ich beſchloß, ihn ſofort aufzuſuchen und Er⸗ klärungen zu fordern.

Die Thür war verſchloſſen, aber ein Klingelzug vor⸗ handen. Sofort erſchien der Diener und fragte nach meinem Begehr. ‚Führen Sie mich augenblicklich zum Herrn Hofrath! ſchrie ich ihn an. ‚Geht nicht, er iſt erſt Nachmittag vier Uhr wieder zu ſprechen, erwiderte der Mann, indem er ſich auf der Thürſchwelle poſtirte. ‚Ich muß ihn ſprechen, und zwar ſogleich! rief ich aufgeregt. Sie werden ſich gedulden müſſen, ſagte der Diener mit verletzender Ruhe; ‚man kennt derartige wichtige Angelegen⸗ heiten ſchon.

Mit einem Sprung war ich an der Thüre, warf den Mann mit kräftigem Arm zur Seite und ſtürmte den Korridor entlang, einen Ausgang ſuchend. Der Wächter hatte ſich aber ſofort aufgerafft, ein gellender Pfiff ertönte hinter mir, und ehe ich es mich verſah, waren auf das Signal vier bis fünf Beamten herbeigeeilt, die mich packten und wieder in mein Zimmer ſchleppten. ‚Das nächſte Mal giebt's die Zwangsjacke, hörte ich einen dieſer Wärter ſagen, und dieſe wenigen Worte machten mich ſo muth⸗ und hoffnungslos, daß ich beſchloß, meinem Daſein ein Ende zu machen. Ich kam mir vor, wie lebendig begraben. Hätte ich in dieſem Augenblick meinen Vater, den Urheber aller dieſer Leiden, hier gehabt, ich glaube, ich hätte ihn mit kaltem Blut erwürgt.

Am Nachmittag erſchien der Hofrath in meiner Zelle. In klaren Worten erzählte ich ihm meine Leidensgeſchichte und ſetzte ihm auseinander, daß man an mir ein himmel⸗ ſchreiendes Verbrechen begangen habe. Ich berief mich auf eine ganze Anzahl angeſehener Zeugen in der Reſidenz, ich erbot mich, jeder Prüfung bezüglich meiner geiſtigen Fähig⸗ keiten mich zu unterwerfen und, wenn dieſelbe die geringſten Zweifel zuließe, in der Anſtalt zu bleiben der Direktor ſchien nicht viel Werth auf meine Worte zu legen. ‚Der Patient kennt ſeine Krankheit am wenigſten, ſagte er, indem er mich vertraulich auf die Schulter klopfte; ‚aber hoffen wir, daß Sie recht bald wieder vollſtändig geneſen ſind. Er empfahl ſich, und ließ in mir die Gewißheit zurück, daß ich von ihm nichts zu hoffen habe.

Ein halbes Jahr war vergangen, der Frühling wieder in's Land gekommen, und in dem Garten vor meinem Fenſter grünte und blühte es, daß es eine Luſt war. Ich will Sie nicht damit langweilen, was ich in dem halben Jahr gelitten und gekämpft hatte; es würde mir auch nur ſehr unvollkommen gelingen, dies zu ſchildern. Es iſt wahr, die Anſtalt war vortrefflich eingerichtet und es fehlte mir an nichts; aber die Erinnerung an meine arme, verlaſſene Braut machte mich faſt raſend, zumal alle meine Briefe an ſie nicht abgeſchickt, oder ihre an mich gerichteten Zuſchriften nicht an mich ab⸗ gegeben wurden. Der Hofrath ſchien erkannt zu haben, daß mein angeblicher Irrſinn unſchädlicher Natur ſei, und da ich

mich anſcheinend in mein Schickſal gefügt hatte, ſo ließ man mich gewähren und die Beamten verkehrten mit mir in freund⸗ ſchaftlicher Weiſe, während die Wächter mich kaum beachteten.

Trotzdem ſann ich Tag und Nacht über meine Befreiung

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