Jahrgang 
2 (1879)
Seite
709
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das väterliche Haus, um es nie wieder zu betreten. Das

Concordia. 709

Fünkchen Kindesliebe in mir war erloſchen, unwillkürlich

ballten ſich meine Fäuſte, wenn ich an die erlittene ſchmach⸗

volle Mißhandlung dachte.

Durch Privatſtunden ſchuf ich mir eine beſcheidene Eriſtenz, und hatte gegründete Ausſicht, meine Einnahmen in kurzer Zeit ſoweit zu erhöhen, daß ich in Gemeinſchaft mit Marien den eigenen Hausſtand gründen konnte. Mit meiner Familie hatte ich allen Verkehr abgebrochen; nur Bertram, der alte Kammerdiener meines Vaters, beſuchte mich aus alter Anhänglichkeit ziemlich oft, und theilte mir mit, daß die Stimmung gegen mich im höchſten Grade erregt ſei und von meiner, in den ſtarren Grundſätzen des Vaters erzogenen Schweſter nach Kräften genährt werde. Mich kümmerte dies wenig, ich beanſpruchte von dem elterlichen Hauſe keine Unterſtützung, ſondern ſtand auf eigenen Füßen. Meine Ein⸗ künfte hatten ſich inzwiſchen ſoweit gehoben, daß wir bereits den Hochzeitstag feſtgeſetzt hatten.

Eines Abends, den Tag vor unſerer beabſichtigten Trau⸗ ung, pochte es heftig an die verſchloſſene Thür meines Zimmers. Es war bereits gegen Mitternacht und ich hatte mich längſt zur Ruhe begeben. Erſchreckt ſprang ich auf, um nach der Urſache der Störung zu forſchen. ‚Herr Doktor Weidlich läßt Sie dringend um Ihren ſofortigen Beſuch bitten, rief draußen eine Stimme, die mir bekannt erſchien. Er hat einen unglückichen Fall gethan und ſchwebt in Lebensgefahr.

Dieſe Nachricht traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Weidlich war ein Studiengenoſſe von mir und mein intimſter Freund. Raſch kleidete ich mich an und trat

auf den Vorſaal hinaus, wo der Bote meines Freundes, in

einen Mantel gehüllt und mit einer kleinen Blendlaterne verſehen, meiner harrte.

Schweigend, aber haſtig ſchritt er die Treppe hinab, mir voraus. Im Hausflur angelangt, ſchloß mein Begleiter plötzlich die Laterne, ſo daß uns tiefe Finſterniß umgab, gleichzeitig fühlte ich mich von kräftigen Fäuſten gepackt, eine Kappe wurde mir über den Kopf gezogen, meine Arme mit einem Lederriemen gefeſſelt und ich ſelbſt emporgehoben und fortgetragen. Ich fühlte, daß man mich in eine Kutſche ſetzte, hörte, wie der Wagenſchlag zugeworfen wurde und das Gefährt ſich im ſchnellſten Tempo in Bewegung ſetzte. Bald hatten wir das Straßenpflaſter hinter uns, und an dem feſteren Gang des Wagens merkte ich, daß wir auf der Landſtraße dahinrollten.

Wie betäubt von dem plötzlichen Ueberfall, hatte ich bis jetzt in einer Ecke gelehnt, unfähig, über das Ereigniß nachzudenken. Der Regen ſchlug klatſchend an die Wagen⸗ fenſter und das Geräuſch brachte mich endlich wieder zum vollen Bewußtſein. Es wurde mir klar, ich war in eine Falle gegangen, der Unglücksfall meines Freundes war erlogen, um meiner zu ſpäter Nachtſtunde ohne Aufſehen habhaft zu werden und mich den mir völlig unbekannten Zwecken und Zielen entgegenzuführen.

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen; die Stimme des Mannes, der mich aus dem Schlafe weckte, fiel mir wieder ein es war die Bertram's, des Kammerdieners meines Vaters, geweſen. Ein furchtbarer Verdacht ſtieg in mir auf. Hatte mir mein Vater nicht gedroht, meine Ver⸗

bindung mit Gewalt zu verhindern? Es war kein Zweifel, mein Vater mußte der Urheber des Ueberfalles ſein, um ſeine Familie vor der Schande zu bewahren, ein armes, bürgerliches Mädchen in dieſelbe aufgenommen zu ſehen, und der verrätheriſche Kammerdiener war ihm bei Ausführung dieſes Bubenſtreiches behilflich geweſen.

Mir ſchwindelte, als ich die Gewißheit hatte, wehrlos in die Hände dieſes ſtarren, unbeugſamen Mannes gegeben zu ſein, mit dem mich die engſten Bande des Blutes ver⸗ knüpften und der mir dennoch als mein ärgſter Feind er⸗ ſchien. Was konnte er mit mir vorhaben, was war der Zweck dieſer geheimnißvollen nächtlichen Entführung?

Auf meine Bitten hatte man die Kappe vom Kopfe entfernt; es war aber eine ſo pechfinſtere Nacht, daß ich nicht das Geringſte zu erkennen vermochte. Ich war mir daher auch über die Richtung, welche der Wagen eingeſchlagen hatte, völlig unklar, nur im Innern deſſelben unterſchied ich zwei leuchtende Punkte, die mich belehrten, daß ich von eben ſo viel Cigarren rauchenden Wärtern umgeben war. Meine Arme blieben gefeſſelt, an einen Fluchtverſuch war ſchon deshalb nicht zu denken; der Wagen aber jagte in un⸗ verminderter Eile weiter, und nur einmal hielt er an, um die Pferde zu wechſeln.

Die Aufregung und das monotone Wagengeraſſel hatte mich in eine Art Betäubung verſetzt, aus der ich endlich aufgeſchreckt murde, als die Räder des Gefährtes wieder auf holprigem Steinpflaſter dahinraſſelten. Nach meiner Berech⸗ nung mußten wir mindeſtens fünf Stunden gefahren ſein und eine Strecke von ſechs bis ſieben Meilen zurückgelegt haben. Meine Begleiter ſtülpten mir wieder die Kappe über den Kopf und gleich darauf hielt der Wagen.

Eine wohlthuende Wärme ſtrömte mir entgegen, als meine Wächter eine Zimmerthür öffneten und mich hinein⸗ ſtießen. Ich fühlte, daß die Bande von meinen Armen gelöſt wurden, hörte aber auch in demſelben Moment, daß man die Thür zuwarf und den Schlüſſel umdrehte und abzog.

Ich zog mit den freigewordenen Händen die Kappe vom Geſicht und vermochte mich nun in dem Raume, wo ich mich befand, zu orientiren. Es war ein mäßig großes Zimmer, hoch oben an der Decke hing eine Oellampe, die ein ſpärliches Licht verbreitete, in einer Ecke ſtand ein ſauberes Bett, ein kleines, lederbezogenes Sopha, ein Tiſch, mehrere Stühle und ein altmodiſcher Schreibſekretär vollendeten das Meublement, das mir ſehr beſcheiden erſchien, aber der Stube immerhin etwas Behagliches verlieh. Ich war allein, meine Begleiter waren zurückgeblieben, mich aber zog es mit mäch⸗ tiger Gewalt hin zum Bett, auf dem ich, müde und ab⸗ geſpannt, bald entſchlummerte.

Wildenhagen ſchwieg erſchöpft, das viele Sprechen, vielleicht aber mehr noch die Erinnerung an die ſeltſamen Erlebniſſe jener Nacht, ſchienen ihn doch etwas anzugreifen. Ich ließ ihm Zeit, ſich zu erholen, der Mann und ſeine Schickſale flößten mir immer mehr Intereſſe ein.

Es dauerte lange, ehe er aus ſeinem Hinbrüten erwachte, dann plötzlich ſchien er ſich meiner wieder zu erinnern.

Verzeihen Sie meine Schwäche, wandte er ſich an mich, ſeit fünfunddreißig Jahren trage ich die Erinnerung an dieſe Ereigniſſe mit mir herum, noch niemals aber traten mir die⸗