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Concordta.
freundlicheres Anſehen. Ohne Zögern klopfte ich an die Thür und folgte dem im Inneren ertönenden Rufe, ein⸗ zutreten.
Ich hatte eine von Schmutz ſtarrende Spelunke erwartet, ſah mich aber angenehm überraſcht, als ich ſtatt deſſen ein zwar höchſt einfaches, aber ſauberes Zimmer fand. Wilden⸗ hagen ſaß in einem alten, mit Leder bezogenen Lehnſtuhl und rauchte, erhob ſich aber bei meinem Eintritt, um mich zu begrüßen. Es fiel mir auf, daß in einer Ecke mindeſtens acht Paar blankgewichſte Stiefel ſtanden, während ich den Alten doch nie anders als barfuß geſehen hatte. Er bot mir eine Cigarre, ſchob einen Stuhl hin und begann:
„Sie werden mich eben ſo wie alle übrigen Menſchen für einen halb oder dreiviertel Verrückten gehalten haben, aber ſoweit meine Geiſteskräfte dabei in Frage kommen, ſicher mit Unrecht. Vor dreißig und mehr Jahren hätte ich den Ver⸗ ſtand verlieren mögen, jetzt habe ich das nicht mehr zu be⸗ fürchten. Ja, Herr, man hat es mir nicht an der Wiege geſungen, daß ich dereinſt zum Geſpött der Leute werden würde; aber ich ſelbſt habe es gewollt und Niemanden trifft ein Vorwurf.“
Er ſchwieg eine Weile, als zögen Bilder längſt ver⸗ gangener Zeiten an ſeinem Auge vorüber. Dann fuhr er fort:
„Das Haus, in welchem ich das Licht der Welt er⸗ blickte, iſt ein Palais, welches damals meinem Vater, dem Geheimen Finanzrath Freiherrn von Wildenhagen, gehörte. Meine Kindheit umgab jener Luxus, an welchen ſich mein Vater während ſeines langjährigen Aufenthaltes in Paris gewöhnt hatte, ein Luxus, den er ſich bei ſeinem großen Vermögen wohl geſtatten durfte. Auch ich war für die höhere Beamten⸗Carrière beſtimmt, allein das Bureaukraten⸗ thum widerſtand mir und ich wandte mich daher auf der Univerſität gegen den Willen meines Vaters dem Stu⸗ dium der alten und neueren Sprachen und Geſchichte zu. Dies führte zwiſchen meinem Vater und mir bereits ein geſpanntes Verhältniß herbei, das ich aber wieder auszugleichen hoffte, ſobald ich mir eine geachtete Lebens⸗ ſtellung errungen haben würde.
„Nach Beendigung meiner Studien kehrte ich in's väter⸗ liche Haus zurück, um mich zu erholen und ſpäter mich um einen Lehrſtuhl an einer höheren Bildungsanſtalt zu be⸗ werben. Mein Vater behandelte mich kalt und zurückſetzend, er ſah es nicht einmal gern, wenn ich ſeine Abendzirkel, in denen die Hofpartei und das feudale Junkerthum die Haupt⸗ rollen ſpielten, beſuchte, und ich ſelbſt vermied dieſe Geſell⸗ ſchaften, in denen ſich lächerlichſter Beamtendünkel und brutaler Adelsſtolz breit machten, ſo viel als möglich. Dadurch ward die Kluft zwiſchen meinem Vater und mir immer weiter, zumal auch Diejenige, die vielleicht hätte vermittelnd eintreten können, meine Mutter, längſt todt war.“
Der Erzähler ſtrich die Aſche ſeiner Cigarre auf eine im Fenſter ſtehende blühende Hortenſie und legte dann die Hand auf die Stirn, als wolle er die Gedanken darin feſthalten.
„In dieſer Zeit lernte ich ein Mädchen kennen, das beſtimmt war, das Schickſal meines Lebens zu beſiegeln,“ fuhr Wildenhagen nach einer Pauſe fort.
„Marie war die Tochter eines armen Landſchullehrers
und lebte in der Reſidenz von dem kärglichen Ertrag ihrer Nadel. Ich ſah ſie zum erſten Mal, als ſie meine Tante, die als Repräſentantin in unſerem Hauſe lebte, hatte rufen laſſen, um durch ſie verſchiedene Näharbeiten beſorgen zu laſſen. Ich weiß nicht, wie es zuging, ich hatte mit dem Mädchen noch kein Wort geſprochen, und doch kam es mir nicht mehr aus dem Sinn. Ihre bewundernswerthe, ſanfte Schönheit, ihr ſtilles, beſcheidenes Weſen übten einen un⸗ widerſtehlichen Zauber auf mich aus, und ſo oft ich auch den Gedanken an ſie verſcheuchen wollte, immer wieder trat mir ihr liebliches Bild vor die Seele. Es zog mich mit unſichtbaren Ketten zu dem Mädchen hin und ich waͤr nicht im Stande, länger zu widerſtehen; ich beſchloß, mich Marien zu nähern.
„Dies war nicht ſo leicht, als ich geglaubt hatte; das ſtille, anſpruchsloſe Mädchen ſah anfangs in mir nur den vornehmen jungen Mann aus adliger Familie und begegnete mir mit Zurückhaltung, ja mit entſchiedenem Mißtrauen. Erſt nach und nach gelang es mir, ſie von der Redlichkeit und Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen zu überzeugen, und ich hatte die Freude, zu ſehen, daß meine heiße Liebe zu ihr aufrichtige Erwiderung fand. Das Verhältniß zwiſchen meinem Vater und mir hatte ſich inzwiſchen immer un⸗ freundlicher geſtaltet; von meiner Tante, der meine Neigung zu Marien nicht verborgen geblieben war, erfuhr er, was er wiſſen wollte, und ſein Stolz bäumte ſich mit aller Macht gegen dieſe unerhörte Verirrung, wie er es nannte. Dennoch war ich feſt entſchloſſen, Marie mit oder gegen den Willen meines Vaters als Weib heimzuführen, mochte daraus werden, was da wolle.
„Eines Tages faßte ich mir ein Herz, um mit meinen Vater mich zu verſtändigen. Ich wußte, wie es kommen werde, aber die Bitten meiner Braut, nichts unverſucht zu laſſen, bewogen mich zu dieſem Schritt. In ruhiger, ehr⸗ erbietiger Weiſe theilte ich ihm meinen Entſchluß mit und bat um ſeine Einwilligung.
„Ein Wuthausbruch folgte, wie ich ihn noch nicht erlebt habe. Der lange verhaltene Grimm gegen meine Braut und mich machte ſich in wahrhaft ſchrecklicher Weiſe Luft er überhäufte mich mit Schimpfreden und drohte, mich mit Gewalt von dieſer Verbindung abhalten zu wollen. Ich wagte ihm vorzuſtellen, daß Marie ein braves, unbeſcholtenes Mädchen ſei, an deren Vergangenheit nicht der leiſeſte Makel
hafte; aber die Wuth meines Vaters ſteigerte ſich durch
dieſen Widerſpruch nur noch mehr, er erfaßte einen zolldicken Bambusſtock mit ſilbernem Knopf, und ehe ich es zu ver⸗ hindern vermochte, verſetzte er mir damit einen Hieb üben den Kopf, daß mir ſoſort ein Blutſtrom über das Geſicht rann.“
Wildenhagen ſtreifte bei dieſen Worten die langen, weißen Haare von der Stirne zurück und zeigte auf eine mächtige
Narbe, die ſich oben auf der Mitte des Kopfes unter den
dichten Haar verlor.
„Ich danke es noch heute der Vorſehung,“ fuhr der Er⸗
zähler fort,„daß ich mich damals nicht an dem eigenen Vater vergriff. Halb beſinnungslos taumelte ich zurück und eilte auf mein Zimmer, um das Blut zu ſtillen. Erſt einem her⸗ beigerufenen Wundarzt gelang dies, und nachdem ein Verband angelegt worden war, packte ich meinen Koffer und verließ


