Jahrgang 
2 (1879)
Seite
707
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Concordia. 4 70˙

Ich beſtätigte, daß ich erſt vor einem halben Jahr über⸗ geſiedelt ſei.

Dann iſt Ihre Frage erklärlich, erwiderte er.Der Mann heißt Wildenhagen und iſt ein origineller Kauz. Alt und Jung kennt ihn und die Polizei läßt ihn gewähren, da er harmlos iſt und Niemandem zur Laſt fällt. Nur der Straßenjugend gegenüber hat er ſich einmal zu Exzeſſen ver⸗ leiten laſſen; die Jungen neckten ihn, der Alte gerieth in Wuth und ſchlug den erſten Beſten, den er erwiſchte, der⸗ geſtalt, daß er fortgetragen werden mußte. Seitdem hat er ſich Reſpekt verſchafft, die Jungen gehen ihm aus dem Wege und der Mann zieht unbeläſtigt und unbehelligt ſeine Straße.

Und iſt Ihnen nichts über ſeine Vergangenheit bekannt? forſchte ich.

Darüber beobachtet er beharrliches Schweigen. Es ſind eine Menge Gerüchte in der Stadt verbreitet; ich glaube aber kaum, daß auch nur eines das Richtige trifft. Bald ſoll ein ſchweres Verbrechen ſeine Seele belaſten, das ihn bewogen hat, allen Freuden des Lebens zu entſagen, bald ſoll er ein vornehmer Ruſſe ſein, der ſich in eine Verſchwörung gegen die Regierung eingelaſſen hatte und dem Tod durch den Strang nur durch ſchleunigſte Flucht entging, bald ſtempelt man ihn zu einem deutſchen Grafen, der ſein großes Ver⸗ mögen in den rheiniſchen Spielhöllen verloren hat und nun gänzlich verarmt iſt, und dergleichen mehr oder weniger widerſinniges Gerede. Gewiß iſt, daß er aus guter Familie ſtammt, durch welche Umſtände er aber in ſeine jetzigen herabgekommenen Verhältniſſe gebracht wurde, iſt mir un⸗ bekannt.

Ich war von dieſen Mittheilungen wenig befriedigt; der Mann und ſeine geheimnißvollen Schickſale intereſſirten mich, und ich beſchloß, den Verſuch zu machen, etwas Näheres über ihn zu erfahren. Noch denſelben Tag ſchlug ich im Adreßbuch den Namen Wildenhagen auf; er wohnte in einer der erbärmlichſten Vorſtadtſtraßen und war alsPrivatus nufgeführt, hinter welcher Bezeichnung ſich in großen Städten bekanntlich nicht ſelten allerhand dunkle Exiſtenzen verſtecken. Den Alten in ſeiner Wohnung aufzuſuchen, hielt ich nicht für rathſam, überließ es vielmehr dem Zufall, mich wieder auf der Straße mit ihm zuſammenzuführen.

Monate vergingen, ohne daß mir Wildenhagen wieder begegnet wäre. Der Frühling war inzwiſchen in's Land ge⸗ kommen und die Gärten und öffentlichen Anlagen der Stadt prangten bereits im friſchen Grün und erſten Blumenſchmuck. Auf einem meiner Spaziergänge fiel mir plötzlich mein Un⸗ bekannter in die Augen, der auf einer der in den Promenaden aufgeſtellten Bänke ſaß. Er trug denſelben Anzug wie im vorigen November, nur daß jetzt die Grundfarbe kaum noch zu erkennen war; ſeine Füße waren abermals unbekleidet und Haar und Bart wallten in langen Locken um ſein Haupt. Er hatte vor ſich auf den Knieen ein mächtiges Stück Schwarz⸗ brot liegen und aus der weiten Taſche ſeines Rockes langte er ein geſottenes Ei nach dem anderen, um es zu verzehren. Nach den umherliegenden Schalen zu urtheilen, mußte das bereits vertilgte Quantum ein ganz bedeutendes geweſen ſein.

Ich nahm neben ihm auf der Bank Platz; Wildenhagen würdigte mich aber keines Blickes. Ich wußte in der That nicht, wie ich die Unterredung beginnen ſollte, um ihn bei

guter Laune zu erhalten. Endlich fragte ich ihn nach der Bedeutung eines vor uns liegenden öffentlichen Gebäudes.

Thierarzneiſchule, erwiderte mein Nachbar kurz, indem er wieder ein Ei, mindeſtens das zwölfte, verſchlang.

Und dieſe kleine Kirche dort? fragte ich weiter.

Ruſſiſche Kapelle, erhielt ich zur Antwort.

Leben hier viel Ruſſen?

Weiß nicht!

Ich ſah ein, daß ich auf dieſe Weiſe den Sonderling nicht zum Reden bringen würde, und dachte über einen anderen Feldzugsplan nach, als mir der Zufall unerwartet zu Hilfe kam.

Zwei Damen kamen die Allee dahergeſchritten, die eine jung und hübſch, vielleicht achtzehn Jahre alt, die andere einige Jahre älter. Bei ihrem Anblick gerieth mein Nachbar in merkliche Aufregung, ſeine Hände zitterten, ſeine Züge nahmen einen unbeſchreiblichen Ausdruck an und ſeine Augen hafteten wie gebannt an den Frauengeſtalten. Mir ſchien es, als bemerkte die Jüngere der Damen das Intereſſe, welches der Alte an ihr nahm; ſie ward verlegen und zog den Schleier über das Geſicht.

Marie! ſeufzte der Mann auf der Bank und fuhr mit dem Rockärmel über die Augen.

Kennen Sie dieſe Damen? fragte ich.

Ja und nein! erwiderte mein Nachbar.Wie Sie wollen.

Das iſt mir nicht ganz verſtändlich.

Glaub's wohl, iſt auch nicht nöthig.

Es ſcheinen trübe Erinnerungen zu ſein, die bei dem Anblick der jungen Dame in Ihnen erwachten.

Wildenhagen ſah mich einen Moment verwundert an.

Ihr habt einen ſcharfen Blick, ſagte er dann.Es iſt ſo, wie Ihr ſagtet.

Darf man nicht erfahren, welcher Art dieſe Erinnerungen ſind?

Das taugt nicht für fremde Ohren, Herr; die Menſchen ſind kalt und lieblos und freuen ſich nur über das Unglüch Anderer.

Sie ſehen zu ſchwarz, es giebt glücklicherweiſe noch fühlende und theilnehmende Herzen genug.

Der Alte ſah eine Weile vor ſich hin, als ſinne er über etwas nach. Dann mit einem plötzlichen Entſchluß wendete er den Kopf nach mir um.

Ich habe Vertrauen zu Euch, Eure Rede klingt auf⸗ richtig und wahr. Wenn Ihr mich anhören wollt, will ich Euch erzählen, was es mit dieſer Dame für eine Bewandtniß hat. Beſucht mich morgen Nachmittag in meiner Wohnung, Mönchsgaſſe Nr. 18, es iſt mir Bedürfniß, das, was ſeit fünfunddreißig Jahren meine Bruſt bedrückt, einem theil⸗ nehmenden Menſchen zu offenbaren. Ich erwarte Euch um vier Uhr.

Er ſtand auf, und mit demſelben herablaſſenden Kopf⸗ nicken, das ich ſchon früher an ihm bemerkt hatte, entfernte er ſich.

Punkt vier Uhr am anderen Tag ſtand ich vor dem Hauſe Mönchsgaſſe Nr. 18. Es war ein kleines, niedriges Gebäude, das ſich in nichts von den übrigen Häuſern der Straße unterſchied, nur erhielt es durch die zahlreichen Topf⸗ gewächſe, welche die drei Parterrefenſter zierten, ein etwas 89*