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Nugett's Prozeß dauerte nur kurze Zeit; er ward ebenfalls zum Tode verurtheilt. Sofort nach Fällung dieſes Urtheils erſchien ſeitens des Gerichts eine Unſchulds⸗ und Ehrenerklärung für William Stoone.
So wie das Urtheil die Rechtskraft erlangt, ward auch Nugett hingerichtet.
Drei Wochen vor dieſem Akte verſtarb Lady Anna Travells. Ihre letzten Augenblicke wurden wenigſtens durch das Bewußt⸗ ſein, den angeſtrebten Zweck erreicht zu haben, verſüßt.
Mr. Mackenzie erhielt ſeine Prämie und konnte ſchwieriges Geſchäft aufgeben.
Noch im Laufe deſſelben Jahres verſtarben auch Mrs. Rogier und Mr. Wright. Auch ſie waren inſofern Opfer der trau⸗ rigen Angelegenheit, als Gram und Gewiſſensbiſſe ihre Tage kürzten.
Das fürchterliche Drama war damit vollſtändig zu Ende.
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Bei einer kurzen Schlußbetrachtung über dieſen Fall muß zuvörderſt hervorgehoben werden, daß ſo wenig den Richtern wie den Geſchwornen, welche bei demſelben mitwirkten, eine Schuld an der ungerechtfertigten Verurtheilung und Hin⸗ richtung Stoone's beizumeſſen iſt.
Ein unfreundlicher, naßkalter Herbſttag lagerte über der Reſidenz; eiſiger Nordwind peitſchte den ſtark mit Schnee gemiſchten Regen an die Fenſter der Häuſer, daß ſich an denſelben eine dichte Kruſte bildete, und in den Straßen ſammelte ſich jener unangenehme, aus Schmutz und Schnee beſtehende Schlamm, der das Gehen ſo ſehr erſchwert. Wer nicht hinaus mußte, blieb daheim im warmen Zimmer, und fühlte ſich um ſo behaglicher, je ärger draußen der Regen ſtrömte und der Novemberwind heulte.
Ich war an dieſem Tag durch Berufsgeſchäfte genöthigt, dem Unwetter Trotz zu bieten. Der Verſuch, den ſchützenden Regenſchirm aufzuſpannen, mißglückte an der Macht des Stur⸗ mes, und ich beflügelte daher meine Schritte ſo ſehr, als es das ſchlüpferige Durcheinander, welches das Pflaſter bedeckte, zuließ.
In eine der Hauptſtraßen des belebteſten Stadttheiles einbiegend, ſah ich plötzlich einen Mann ſtehen, der ſich an dem öffentlichen Brunnen zu ſchaffen machte. Er mochte im Anfang der ſechsziger Jahren ſtehen, ſein dichtes Haar und ſein voller, mächtiger Bart waren ſchneeweiß und verliehen ihm etwas Ehrwürdiges, das mich lebhaft an Gerard Dow's berühmten Eremiten in der Dresdener Gemüldegalerie er⸗ innerte. Seine Kleidung war im höchſten Grad ärmlich; ein ſchmutziger hellgrauer Sommerrock umſchloß den Oberkörper,
die Beinkleider beſtanden aus grober Leinewand und die
Kopfbedeckung fehlte gänzlich. Zu meinem Schrecken bemerkte ich jetzt, daß der Mann auch keine Fußbekleidung trug, ſich vielmehr, anſcheinend mit größter Gemüthsruhe, am Brunnen — die Füße wuſch.
Mich erfaßte tiefes Mitleid mit dem unglücklichen Alten; trotz des ſtrömenden Regens trat ich zu ihm, ohne daß er ſich im Geringſten in ſeiner Beſchäftigung ſtören ließ.
Concordia.
Wenn von einer Schuld in dieſer Beziehung die Rede ſein darf, ſo fällt ſie lediglich Stoone allein zur Laſt. Er konnte ein Alibi nachweiſen und that es nicht, ſo dringend auch ſeine Lage dies verlangte.
Dadurch kommt er aber für den Beurtheiler in dieſelbe Stellung, als wenn er jenes nicht gekonnt hätte, und das iſt die beſonders zu beachtende Seite der Sache.
Ohne Verhängung der Todesſtrafe und deren Vollſtreckung hätte nach kurzer Zeit Aufhebung des falſchen Urtheils und Rehabilitirung des Verurtheilten erfolgen können. Die Voll⸗ ſtreckung der Todesſtrafe machte ſolches unmöglich.
Erſt neuerdings hat ſich ebenfalls in England heraus⸗ geſtellt, daß ein vor vierzig Jahren zu lebenslänglicher De⸗ portation verurtheilter Mann ungerechtfertigt verurtheilt und beſtraft worden. Da er noch lebte, konnte ſeine Rehabilitir⸗ ung nach ſo langer Zeit noch eintreten.
Zur Zeit ſeiner Verurtheilung war die Strafe längerer Deportation an die Stelle der Todesſtrafe getreten. Ohne dieſen zufälligen Umſtand wäre auch er wohl gehenkt worden.
Die Zuſammenſtellung beider Fälle berechtigt noch ganz beſonders, eine Schilderung des Stoone'ſchen Prozeſſes mit der Forderung zu ſchließen,
die Todesſtrafe gänzlich abzuſchaffen!
Der Honderling.
Von Moritz Lilie.
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(Nachdruck verboten.) „Ich habe in meiner Wohnung noch ein Paar recht brauchbare Stiefel und wärmende Winterkleider,“ redete ich ihn an.„Die Sachen ſtehen zu Eurer Verfügung, in einer Stunde könnt Ihr ſie bei mir in Empfang nehmen. Ihr ſcheint es bedürftig zu ſein.“
Bei dieſen Worten gab ich ihm meine Karte, auf welcher Straße und Hausnummer meiner Wohnung angegeben war,
Erſt jetzt richtete ſich der Mann empor, und ich war. geradezu überraſcht von der edlen Form und dem intelligenten Ausdruck ſeiner Züge.
„Ich bedarf Eurer Hilfe nicht, Herr!“ ſagte er langſam. „Es wird Arme genug geben, die Euer Anerbieten an⸗ nehmen.“
„Euer Aeußeres deutet nicht gerade auf großen Reich⸗ thum,“ erwiderte ich lächelnd,„und mein Irrthum iſt daher wohl verzeihlich!“
„Hat nichts zu ſagen!“ ſchloß der Alte die kurze Unter⸗ redung, und mit einem gnädigen Kopfnicken war ich entlaſſen. Gleich darauf ſetzte er die unterbrochene Fußwaſchung fort.
Bei dieſer Kälte barfuß und in leichter, defekter Sommer⸗ kleidung ſich Wind und Wetter auszuſetzen und das An⸗ erbieten wärmender Kleidungsſtücke ſtolz zurückzuweiſen,— das konnte nur ein Geiſteskranker oder ein Sonderling thun. Die Züge des Mannes hatten nichts weniger als einen blöd⸗ ſinnigen Ausdruck; ſein eigenthümliches Benehmen mußte alſo andere Urſachen haben.
Einem mir begegnenden ſtädtiſchen Sicherheitsbeamten erzählte ich das kleine Erlebniß und fragte ihn, ob er den Mann kenne. Der Beamte ſah mich befremdet an.
„Sie ſind wohl noch nicht lange hier, ſonſt müßte Ihnen der Alte bekannt ſein,“ ſagte er.
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