Jahrgang 
2 (1879)
Seite
705
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Concordia. 705

Lady Travells hatte ſich die Erlaubniß erwirkt, die Leiche Stoone's ausheben und an einem anderen Orte beſtatten laſſen zu dürfen. Sie ward hiernach im Parke zu Travells⸗ houſe, dem Flecke der Wirkſamkeit Stoone's, der Erde über⸗ geben. Ein Marmordenkmal bezeichnete die Stelle, an der die Reſte des Unglücklichen ihre letzte Ruheſtätte gefunden hatten, und neben derſelben war fortan der Lieblings⸗Aufent⸗ halt der Lady Anna.

Geſellſchaft leiſteten ihr hier ſehr häufig Mrs. Rogier und Mr. Wright; die beiden alten Leute vergingen faſt vor Selbſtvorwürfen, welche ſie ſich wegen des entſetzlichen Todes Stoone's machten. Sie waren längſt zu der Einſicht gekommen, daß ihr vermeintlich vorſichtiges und kluges Schweigen das Unglück vollſtändig gemacht hatte.

Inzwiſchen deuteten verſchiedene Anzeichen darauf hin, daß die ärztliche Prognoſe für Lady Anna ſich bewahrheiten werde.

Man hatte ihr geſagt, daß ſie höchſtens das vierund⸗ zwanzigſte Lebensjahr erreichen werde, und jenes häßliche, ſchleichende Uebel, welches ſo häufig die Folge ſchwerer Krank⸗ heit bei jungen Leuten bildet, das Zehrfieber, trat immer deutlicher hervor.

Und nach vier Jahren immer noch keine Spur von dem geſuchten Miſſethäter immer noch keine Ausſicht, Stoone's Ruf wieder herzuſtellen!

Doch auf der Spur war Mr. Mackenzie bereits. Er war dem Leben Burton's Schritt um Schritt gefolgt und hatte gefunden, daß in demſelben ein Jugendfreund und ſpäterer Kamerad, Namens Nugett, eine bedeutende Rolle ge⸗ ſpielt hatte.

Die langjährige, enge Freundſchaft zwiſchen Beiden war ſpäter in erbitterte Feindſchaft übergegangen. Burton ſollte Nugett's Frau verführt und zu ſeiner Maitreſſe gemacht haben.

Nugett war ſpäter zum profeſſionellen Spieler herab⸗ geſunken und lebte als ſolcher lange in London. Doch um die Zeit ungefähr, als Burton ermordet worden, hatte er nicht allein London, ſondern auch England verlaſſen.

Es hatte langer Zeit, vieler Mühe und vielen Geldes be⸗ durft, bis Mackenzie dieſe an ſich ſehr geringfügigen That⸗ ſachen feſtſtellen und an einander reihen konnte. Sobald dies geſchehen, verfolgte er mit zwei Gehilfen die Spur des verdächtigen Mannes, der in der letzten Zeit ſeinen Aufent⸗ halt bald in Paris, bald in den deutſchen Bädern genommen hatte.

Die Gehilfen Mackenzie's mußten ſich von dem Lands⸗ mann in der Fremde als einfältige Gimpel rupfen laſſen, um ſich dadurch in ſein Vertrauen zu ſchmuggeln und ſeine Freundſchaft zu gewinnen. Es gelang ihnen infolge deſſen, den Mann ſo weit auszuforſchen, daß man ihn des Mordes Burton's verdächtig halten durfte.

Nunmehr gab einer der Gehilfen für eine Spielſchuld Anweiſungen, welche nur auf den Beſitzer oder Angewieſenen lauteten und in Salisbury bei Mr. Kerghens zahlbar ſein ſollten.

Nugett ging ohne Arg in die Falle. Seine vermeint⸗ lichen Freunde, welche aus der Gegend von Salisbury ſein wollten, hatten zum Oefteren auch, ganz wie abſichtslos, von der Ermordung Burton's und der Hinrichtung ſeines Mör⸗

ders geſprochen. Er mochte deshalb wohl glauben, an dem gedachten Orte keiner Gefahr ausgeſetzt zu ſein.

Mackenzie wollte ihn aber aus verſchiedenen Gründen nur in Salisbury verhaften. Einmal hoffte er ihn durch Ueber⸗ rumpelung zum vollen Geſtändniſſe zu bringen; ſodann wollte er durch ſeine Feſtnahme am Orte der That beſonderes Auf⸗ ſehen erregen.

Mr. Mackenzie lieferte ein wahres Meiſterſtück in der Aufſpürung und Verfolgung eines Verbrechers.

Nach Verlauf von faſt fünf Jahren erhielt Mr. Kerghens ein Schreiben von dem Polizei⸗Agenten, welches ihm mit⸗ theilte, was geſchehen, was noch geſchehen ſollte und welche Rolle der Anwalt ſelbſt dabei zu übernehmen hatte.

Infolge deſſen ward Nugett, als er gerade das ihm von Mr. Kerghens aufgezählte Geld einſtreichen wollte, von Mackenzie unter Angabe ſeines Verbrechens im Hotel zum Palmenhain in Salisbury verhaftet.

Die von dem Agenten beabſichtigte Ueberrumpelung gelang vollſtändig. Der ſonſt ſo freche Burſche brach zuſammen wie ein geknicktes Rohr. Zum Ueberfluſſe erkannten die Leute des Hotels in ihm auch noch den Fremden wieder, welcher ſich am Tage vor der Ermordung Burton's längere Zeit in demſelben aufgehalten.

Nugett blieb auch vor Gericht bei ſeinem Geſtändniß. Er hatte ſchon lange die Abſicht gehegt, ſich an Burton zu rächen. Zu dieſem Zwecke war er ſchon früher zweimal in der Gegend geweſen. Seine Verſuche, an den Squire zu kommen, mißglückten jedoch ſtets. An dem vielfach erwähnten Abende war er auf dem Wege nach Burtonsfield vorausgeritten, um ſeinem Opfer aufzulauern. Er hatte urſprünglich die Abſicht gehabt, den Squire durch einen Schuß zu tödten. Das Regen⸗ wetter hatte ihn veranlaßt, für alle Fälle in Salisbury von einem Trödler ein ſtarkes Meſſer zu kaufen.

Nach der Begegnung mit dem Squire, der ihn nicht er⸗ kannte, war er eine Strecke neben demſelben hergeritten. Man hatte ſich über das Wetter und den Weg unterhalten. Der Squire hatte den Ueberzieher nicht zugeknöpft, und dies ver⸗ mochte ihn, das Meſſer zur Anwendung zu bringen. Er griff mit der Linken nach dem Zügel von Burton's Pferd und ſtieß ihm das Meſſer zu wiederholten Malen in die Bruſt. Der Squire klammerte ſich am Sattel und an der Mähne des Pferdes feſt. Die beiden Thiere drehten ſich mehrmals auf der Stelle im Kreiſe umher. Der Angegriffene ſank endlich aus dem Sattel und entzog dadurch auch das Meſſer der Hand des Angreifers. In demſelben Moment riß ſich auch das Pferd des Ermordeten los und rannte davon. Nugett eilte auf dem Wege nach Salisbury zurück, paſſirte die Stadt und gönnte ſich erſt mit Tagesanbruch eine kurze Erholung.

Der Trödler, von welchem Nugett das Meſſer gekauft, ward nach ſeinen Angaben leicht aufgefunden. Er hatte das⸗ ſelbe kurze Zeit vorher von einem Knaben für wenige Pence erworben. Als ihm das noch vorhandene Meſſer vorgelegt wurde, vermochte er es jedoch nicht mit Beſtimmtheit zu rekognosziren. Um die bei Beginn des Prozeſſes gegen Stoone erlaſſene Aufforderung wollte er ſich nicht weiter bekümmert haben.

Trotzdem erſchien jetzt auch Stoone's Angabe hinſichtlich des Verluſtes ſeines Meſſers glaubwürdig.

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