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Concordia.
ohne auf meine Perſon oder meinen Ruf die geringſte Rück⸗ ſicht zu nehmen, bitte ich Sie, mir zur Erreichung meines Zweckes mit Ihrem Rathe und Ihrer Unterſtützung zu Hilfe zu kommen!“
Lady Anna war förmlich in Feuer gerathen. Der Richter hatte ſchon beim Beginn ihrer Rede ein ernſtes Geſicht ge⸗ macht; allmälig war ſeine Stirn finſter geworden, während ſich ſein Kopf ſenkte. Auch der Anwalt Kerghens machte ein ſehr bedenkliches Geſicht. Es mußte in dem Vortrage der jungen Dame wohl etwas liegen, was den Männern nicht gefiel. In ihrer Erinnerung mochten wohl die früher um⸗ laufenden Gerüchte auftauchen und durch die Mittheilungen der Lady Anna an Wahrſcheinlichkeit gewinnen. Wilrklich konnten auch unter gewiſſen Vorausſetzungen die Angaben der jungen Dame eben ſo gut für ihre Mitſchuld, wenigſtens Mitwiſſenſchaft an der That Stoone's, wie für deſſen Unſchuld ſprechen.
Es trat eine kurze Pauſe ein, als Lady Travells ihre Rede geendet.
„Ich darf nicht wagen, Ihre Angaben zu bezweifeln, Mylady,“ begann endlich der Richter,„doch ich habe dieſelben aus einem anderen Geſichtspunkte wie Sie zu betrachten. Das rechtskräftig gewordene und bereits vollſtreckte Urtheil kann nur von einer im rechtlichen Sinne durch daſſelbe benach⸗ theiligten Perſon angefochten werden. Dieſer Titel paßt nicht für Sie. Wäre es jedoch auch der Fall, ſo könnte wiederum Ihr Antrag nicht durch die eigenen Angaben ſo weit unterſtützt werden, das Urtheil aufzuheben. Endlich iſt Ihr Zeugniß überhaupt nicht geeignet, einen ſelbſt von be⸗ rechtigter Seite gemachten Verſuch dieſer Art erfolgreich werden zu laſſen!“
„Mein Gott, ſchreckt.
„Ich mag Ihnen nicht gern wehe thun, Mylady!“ ant⸗ wortete der Richter zögernd.
„Aber ich möchte— ich muß es wiſſen!“ rief die bereits gekränkte junge Dame auffahrend.
„Dann bitten Sie Sir Kerghens, Ihnen ſolches zu ſagen!“ erwiderte der Richter mit mehr Schärfe, als eigentlich nöthig geweſen wäre,„es iſt vorläufig nicht meines Amtes. Doch um Sie nicht ganz ohne Troſt zu laſſen, will ich Ihnen einen anderen Weg zum Ziele andeuten. Wenn Stoone nicht ſchuldig war, ſo muß ein Anderer der Schuldige ſein. Dieſer muß aufgefunden und überführt werden. Iſt das geſchehen, erfolgt die Schuldloserklärung Stoone's ohne Weiteres. Ich werde in der Stille die Recherchen nach dem Schuldigen wieder aufnehmen laſſen. Doch auch Sie können in dieſer Beziehung wirken; Sir Kerghens wird Ihnen das Nähere anzugeben geneigt ſein!“
weshalb denn nicht?“ rief Lady Anna er⸗
Lady Travells war völlig faſſungslos geworden. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Sie wußte offenbar nicht, ob ſie die letzte Andeutung des Richters für Hohn, Scherz oder Ernſt nehmen ſollte. Ohne noch eine Erwiderung zu verſuchen, erhob ſie ſich, machte eine ſtumme Verbeugung und verließ das Zimmer.
Der Anwalt verabſchiedete ſich ziemlich in derſelben Weiſe
und folgte ihr. Beide begaben ſich in die Wohnung des Anwalts zurück. Hier ſank Lady Anna erſchöpft in einen Seſſel.
„Sagen Sie mir nur, Sir,“ rief Sie endlich„weshall mein Zeugniß keinen Werth— keine Giltigkeit haben ſoll.“
„Mylady,“ antwortete Mr. Kerghens vorſichtig und zurückhaltend,„nach Ihren Mittheilungen ſcheinen Sie zu ſtark an den Beziehungen der beiden Männer zu einander betheiligt geweſen zu ſein. Aber laſſen wir das auf ſich beruhen, um die weitere Andeutung des Oberrichters in's Auge zu faſſen.
„Sie meinen die Auffindung des wirklich Schuldigen?“ fragte Lady Anna lebhaft.
„Allerdings, Mylady!“ antwortete der Anwalt;„wir können einen Detektive engagiren— förmlich für uns allein in den Dienſt nehmen— wenn Sie die nöthigen Mittel darauf verwenden wollen.“
„Gewiß will ich das!“ erwiderte die junge Dame eifrig, „und da fällt mir eben ein— ich habe davon in London gehört— ich werde auch eine Prämie auf Entdeckung des Miſſethäters ſetzen; was meinen Sie dazu?“
„Es iſt ein Mittel, welches häufig zum Ziele führt— doch in dieſem Falle möchte ich nicht dazu rathen, weil es
den in Sicherheit gewiegten Verbrecher warnen könnte.“
„Nun, ſo bitte ich Sie, die Sache völlig in die Hand zu nehmen und nach Ihrem Ermeſſen zu leiten. Ich gebe Ihnen umfaſſendſte Vollmacht und ſtelle Ihnen die nöthigen Mittel zur Verfügung.“
„So werde ich mich zunächſt in London um einen be⸗ währten Agenten bemühen,“ erwiderte der Anwalt.
Lady Travells verabſchiedete ſich hiernach. Sie langte ſehr angegriffen wieder in Travellshouſe an. Jedenfalls hatte ſie nicht geglaubt, bei Verfolgung ihres Zweckes auf Hinder⸗ niſſe zue ſtoßen, welche die Erreichung deſſelben faſt gänzlich in Frage zu ſtellen drohten.
9 15. Kapitel.
Der»von Mr. Kerghens verſchriebene Detektive war angelangt. Er nannte ſich Mr. Mackenzie und gab ſich im Aeußeren als ein wenig auffallender Mann von höf⸗ lichem Venehufk
Der Anwalt ertheilte ihm ausreichende Information. Lady Travells ſicherte ihm, für Entdeckung des zu ſuchenden Uebelthäters, die Summe von fünftauſend Pfund zu. Außer⸗ dem durfte er, ſo lange ſeine Bemühungen dauerten, jährlich fünfhundert Pfund zu ſeinem Unterhalte und anderen nöthigen Ausgaben erheben.
Mr. Mackenzie machte ſich hiernach ſofort an die Ar⸗ beit; er brachte ſechs Monate in der Gegend von Salisbury zu und war nach Ablauf derſelben überzeugt, daß der Mörder des Squire Burton hier nicht zu ſuchen ſei.
Mr. Mackenzie verließ alſo Salisbury, und lange Zeit
erfuhr Mr. Kerghens nur dadurch etwas von ihm, daß
er Geld verlangte. Aus den Orten, wohin dies geſendet werden mußte, ließ ſich erkennen, wo er ſich befand. Jene lagen, je länger dies dauerte, deſto entfernter von England.
Schon bald nach dem Eintreffen der Lady Anna Travells in Travellshouſe verbreitete ſich das Gerücht in der Gegend, daß Stoone unſchuldig hingerichtet worden. Es rief einige Aufregung hervor; dieſelbe legte ſich jedoch bald wieder und das traurige Ereigniß kam von Neuem in Vergeſſenheit.


