Jahrgang 
2 (1879)
Seite
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Krankenlager. Ein heftiges Nervenfieber brachte mich dem Tode nahe. Meine Geneſung und Erholung erfolgte nur ſehr langſam. Sobald ich mich kräftig genug fühlte, eilte ich hierher, um mich zunächſt über den Prozeß gegen Stoone genau zu unterrichten, und da habe ich denn zu meiner größten Ueberraſchung, ſowie zu meinem heftigſten Schmerze erkennen müſſen, daß der edle junge Mann mein Zeugniß aufzurufen unterlaſſen hat, um meinen Ruf und meine Ehre zu ſchonen. Dies zu weit gehende Zartgefühl, dieſe zu große Rückſichtnahme gegen mich hat ſomit wohl allein oder doch hauptſächlich ſein entſetzliches Ende herbeigeführt. Habe ich, durch die Ungunſt der Umſtände verhindert, nichts thun können, ihn zu retten, ſo iſt es jetzt jedenfalls meine Pflicht, ſeinen guten Ruf wieder herzuſtellen, und ich hoffe, Sie wer⸗ den mir Ihren Beiſtand leihen, dieſe traurige Aufgabe zu erfüllen!

Lady Anna machte eine Pauſe, und die beiden Herren ver⸗ beugten ſich zum Zeichen ihrer Bereitwilligkeit, der Richter wohl mit dem Vorbehalt, ſo weit es ihm ſeine Stellung erlaube.

Ich muß meine genaueren Mittheilungen, fuhr Lady Anna fort,leider mit einer Beſchwerde über meinen ver⸗ ſtorbenen Vater eröffnen. Sein übler Fehler war zu große Sparſamkeit eigentlich Geiz. Aus dieſem Grunde ward meine Erziehung vernachläſſigt. Erſt ſeit Stoone bei uns heimiſch geworden, erhielt ich von dieſem, nicht mit ausdrück⸗ licher Genehmigung, aber auch ohne Einſpruch Lord Travells', einen geregelten Unterricht.

William Stoone war zwei Jahre hindurch mein Lehrer; er ward auch mein Freund und Rathgeber in jeder anderen Beziehung.

Nach Ablauf jener zwei Jahre erſchien der Squire Burton in Travellshouſe und warb um meine Hand. Ich verabſcheute den Mann, und auch Stoone mußte zugeſtehen, daß er kein Gemahl für mich ſei. Demungeachtet ermahnte er mich, dem Vater gehorſam zu ſein und dem Squire meine Hand zu reichen. Als ich mich entſchieden weigerte, ſolches zu thun, gab er mir den Rath, mich leidend zu verhalten, da ich durch offenen Widerſpruch meine Lage nur verſchlimmern könne. Er meinte, die Zeit könne für eine günſtige Wendung der⸗ ſelben wirken.

Als ich ihn ſpäter in meiner Verzweiflung um thatſäch⸗ lichen Schutz anging, wies er mich darauf hin, daß ich mich ſelbſt am beſten ſchützen könne, wenn ich nach vorher⸗ gegangener, nicht beachteter Weigerung, dem Squire meine Hand zu reichen, meine Einwilligung zu einer Verbindung mit demſelben vor dem Altar verweigere. Es werde unter ſolchen Umſtänden kein Prieſter eine Trauung vornehmen. Dieſer Gedanke bildete denn auch lange den einzigen Anhalt in meiner ſchrecklichen Lage.

Mein Umgang mit Stoone hatte inzwiſchen eine Be⸗ ſchränkung erlitten. Der Vater verlangte von mir ſtets unter heftigen Drohungen eine freundliche Aufnahme der Huldigungen Sir Burton's. Dieſer verfolgte Stoone, ſeit er Kenntniß von unſerem Einverſtändniß erlangt hatte, auf verſchiedene Weiſe. Dies gab meinen Empfindungen gegen Burton und für Stoone endlich volle Klarheit; ich ſtand nicht an, dem Letzteren einen Blick in mein Herz zu geſtatten. Ja, ich ging noch weiter; ich verlangte, daß er mich von Travellshouſe fortbringen und ſich nit mir ehelich verbinden ſollte.

Concordia.

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Stoone ließ zwar erkennen, daß er meine Neigung er⸗ widere, weigerte ſich aber dennoch entſchieden, auf meine An⸗ forderungen einzugehen; dagegen ermahnte er mich zur Aus⸗ dauer und zur Beobachtung meiner Kindespflicht, ſo weit es mein Ausharren bei dem Vater betraf. Jedoch verſprach er mir auch, nie zugeben zu wollen, daß mich der Squire als Frau heimführe. Wodurch er ſolches zu verhindern gedachte, hat er mir nicht mitgetheilt.

Durch den Gewaltſtreich, welchen Sir Burton und deſſen Freunde an jenem Tage, als ich dem Erſteren wider meinen Willen verlobt ward, gegen William Stoone ausübten, wurden wir auf längere Zeit völlig von einander getrennt. Erſt nach Monaten fand wieder eine Begegnung zwiſchen uns ſtatt, und ſpäter am fünfzehnten November früh Morgens. Bei dieſer letzteren überraſchte uns der Squire und verrieth, was er ge⸗ ſehen, dem Lord Travells. Es gab eine heftige Szene zwiſchen Jenem und mir; ich erklärte endlich den beiden Herren gegen⸗ über, daß ich meine Hand nie Sir Burton reichen werde. Infolge deſſen beſtimmte Lord Travells, daß ich am nächſten Morgen zeitig nach London abgehen ſollte.

Stoone und ich hatten in der letzten Zeit zum Brief⸗ wechſel Zuflucht genommen. Er fragte im Laufe des Tages auf dieſem Wege an, was im Hauſe bei uns geſchehen. Ich gab Antwort und forderte ihn zugleich zu einer Zuſammen⸗ kunft am ſpäten Abend in dem früher von ihm im Garten bewohnten Hauſe auf. Ich hatte einen beſonderen Entſchluß gefaßt.

Ich erſchien bei der Zuſammenkunft völlig zur Reiſe ge⸗ rüſtet und forderte wiederum von Stoone, mich ſofort davon⸗ zuführen. Nachdem er meine Gründe für dieſes Verlangen erfahren, ſuchte er mich zu überreden, daß meine Ueber⸗ ſiedelung nach London ein wahres Glück für uns ſei. Sobald er ſeine Verhältniſſe geordnet, werde er mir dahin folgen, um dort unſerer Zukunft eine beſtimmte Richtung zu geben. Er habe ſtets Widerwillen gehabt, eine Entführungskomödie in Szene zu ſetzen; nachdem man uns jedoch ſo in die Hände arbeite, ſei er bereit, dem Zuge ſeines Herzens, welcher nur zu genau mit meinen Wünſchen übereinſtimme, nachzugeben.

Wir ſprachen viel und lange über unſere jetzt erſt be⸗ ſtimmt gewordenen Beziehungen zu einander. Squire Burton's ward kaum und durchaus nicht in böſem Sinne gedacht. Wir hatten in jenen einſamen Stunden an andere Sachen zu denken und über andere Gegenſtände zu ſprechen. Dieſe Stunden flogen uns darüber hin, als hätten ſie Flügel ge⸗ habt. Wir trafen uns bald nach zehn Uhr am Abende des fünfzehnten Novembers, und als William Stoone einmal zu⸗ fällig nach der Uhr ſah, war es faſt fünf Uhr am Morgen des ſechszehnten Novembers.

Ich mag gegen ſechs Uhr von Travellshauſe abgefahren ſein. Eine Strecke weit von dort entfernt ſah ich Stoone nochmals im Vorüberfahren am Wege ſtehen. Er war voraus⸗ gegangen, um hier noch einen ſtummen Gruß mit mir zu wechſeln.

Es iſt hiernach wohl klar, daß William Stoone den Squire Robert Burton nicht zu der feſtgeſtellten Zeit an dem bezeichneten Orte in der gedachten Nacht ermordet habe⸗ kann. Meine Angaben bin ich jeden Augenblick zu beſchwö' bereit.

Und nun, meine Herren, nachdem ich vor Ihnen geſp

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