Jahrgang 
2 (1879)
Seite
702
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70² Concordia.

gagement von Mr. Wright und Mrs. Rogier, welche endlich das ihnen verhaßt gewordene Burtonsſield verlaſſen hatten.

Von ihnen unterſtützt, begann der neue Beſitzer von Travellshouſe ſofort ernſtliche Anſtalten zu treffen, den Fa⸗ milienſitz wieder herzuſtellen und eine erſprießliche Wirthſchaft auf demſelben heimiſch zu machen.

Der jetzige Lord war auch zum Vormund der Lady Anna Travells ernannt worden.

Der Vater derſelben hatte ein Baarvermögen von ungefähr fiebenzigtauſend Pfund Sterling ohne jede Beſtimmung da⸗ rüber hinterlaſſen.

Lady Anna Travells war ſomit alleinige Erbin dieſer Summe, welche vorläufig für ſie zur gerichtlichen Verwahrung genommen wurde.

Ungefähr vier Monate nach der Hinrichtung William Stoone's erſchien auch Lady Anna Travells wieder in Travells⸗ houſe. Sie trug deutliche Zeichen einer eben erſt überſtandenen, ſchweren Krankheit an ſich. Die Trauerkleidung, in der ſie auftrat, machte ihre Bläſſe und Magerkeit noch auffallender.

Lady Anna bat den Verwandten und Vormund, ihren Wohnſitz wieder in Travellshonſe aufſchlagen und ſich ſeiner Familie anſchließen zu dürfen.

Dieſe Bitte ward gern bewilligt, an Raum gebrach es ja nicht, und eine junge Dame, welche Erbin von zweihundert⸗ tauſend Thalern geworden, weiſt wohl Niemand ſo leicht von ſeiner Schwelle. Lady Anna fand auch die alte Wirthſchafterin wieder; doch war dieſelbe jetzt ohne jede Machtſtellung. Das Zurückdrängen in Bedeutungsloſigkeit und Unthätigkeit hatte die Alte noch mürriſcher und verdroſſener als früher gemacht; wie gegen alle Welt, bewies ſie ſich auch gegen Lady Anna höchſt unfreundlich.

Deſto liebevoller und aufmerkſamer zeigte ſich Mrs. Rogier gegen Lady Anna. Sie erkannte ſehr leicht, was der jungen ſchwergeprüften Dame hauptſächlich noth that, und bald ſtanden Beide auf vertrautem Fuße.

Als dieſer Zuſtand eingetreten, ließ ſich Lady Anna die genaueſten Mittheilungen über die während ihrer Abweſenheit ſtattgeſundenen Ereigniſſe machen. Durch Mr. Wright erfolgte noch eine Ergänzung der Rogier'ſchen Berichte, und endlich mußte Jener Lady Anna alle Tagesblätter herbeiſchaffen, welche über die Unterſuchung, Verurtheilung und den Tod Stoone's etwas veröffentlicht hatten.

Hierdurch völlig informirt über den Fall, befragte Lady Anna eines Tages den Vormund, in wie weit ſie über ihr Vermögen verfügen könne.

Der Lord erklärte, daß er ſie in keiner Weiſe darin zu beſchränken Luſt habe; hauptſächlich ſchon deswegen nicht, weil ſeine Vormundſchaft ja überhaupt nur kurze Zeit dauern könne.

Lady Anna theilte ihm hiernach mit, daß ſie geſonnen ſei, unvermählt zu bleiben, weil ſie nach dem Ausſpruche der Aerzte den Keim zu baldigem Tode in ſich trage. Sie habe die Abſicht, die Hälfte ihres Vermögens ſeinen Kindern zu überlaſſen, behalte ſich aber die andere Hälfte zu völlig freier Verfügung vor.

Der Lord ſprach ſein Bedauern über den Zuſtand der jungen Dame, andererſeits aber auch ſeine Befriedigung über den von ihr gefaßten Beſchluß aus, und Lady Anna ging nunmehr an die Ausführung eines gewiß ſchon ſeit Monaten gefaßten Planes.

Sie fuhr bald nach jener Unterredung mit dem Vormund nach Salisbury und direkt vor das Haus, in welchem Mr. Kerghens wohnte. Bald darauf verließ ſie jenes in Begleit⸗ ung des Anwaltes, und Beide begaben ſich in die Wohnung des Oberrichters der Stadt.

Der Letztere war nicht wenig verwundert, den Beſuch der Lady Travells zu empfangen. Er ſprach derſelben ſein Be⸗ dauern über den erlittenen herben Verluſt aus und fügte die Bemerkung hinzu, daß er geglaubt, die Nachlaßangelegenheit ſei durchaus den geſetzlichen Anforderungen entſprechend ge⸗ regelt.

Lady Anna erwiderte die erſten Aeußerungen des Richters nur durch eine kalte Verbeugung.

Ich komme auch nicht deswegen, Sir! fügte ſie ſodann in Betreff der letzten Andeutung hinzu,ſondern um Ihnen die Mittheilung zu machen, daß hier in Salisbury vor kurzer Zeit unter Ihrer Mitwirkung ein Unſchuldiger zum Tode verurtheilt und hingerichtet worden iſt ich meine den un⸗ glücklichen William Stoone!

Der Richter ſah Lady Travells höchſt überraſcht an.

Mylady! ſagte er dann ernſt,was Sie da ausſprechen, enthält eine ſchwere Anklage gegen die Geſchwornen und das Richterkollegium, welches den Fall behandelt hat. Es müßten ſehr ſtarke Beweiſe vorhanden ſein, dieſelbe zu unterſtützen. Fehlen dieſe, würde die Beſchuldigung eine eben ſo ſchwere Beleidigung des Gerichts bilden, welche ſtrenge Rüge zu er⸗ warten hätte. Ich glaube daher gut zu thun, Ihrer Aeußer⸗ ung vorläufig keine Bedeutung beizulegen.

Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Sir, nahm jetzt jedoch Mr. Kerghens das Wort,trete ich der Behauptung der Lady Travells bei. Sie werden ſich ſicher meines Antrages bei Beginn der Verhandlungen in dem Stooneſſchen Prozeſſe erinnern. Er wurde zurückgewieſen. Lady Travells iſt die Perſon, durch deren Zeugniß ein Alibibeweis für den An⸗ geklagten leicht hätte geführt werden können.

Das iſt allerdings deutlicher und ſachgemäß geſprochen, antwortete der Richter;aber ich kann darauf nur erwidern, daß es die Vertheidigung war, welche verſäumt hat, dies Zeugniß rechtzeitig beizubringen.

Erlauben Sie, meine Herren! ſagte Lady Travells,es iſt nicht meine Abſicht, dem Gerichte oder der Vertheidigung an dem unglücklichen Ausfalle der Sache eine Schuld bei⸗ zumeſſen. Es liegt mir lediglich daran, den Nachruf des unſchuldig Beſtraften zu retten oder zu reinigen, und ſeinen Namen wieder zu Ehren zu bringen. Vielleicht hören Sie erſt meine weiteren Auslaſſungen an, um aus denſelben zu erkennen, was zu jenem Zwecke geſchehen kann und muß!

Ich bitte, Platz zu nehmen, Mylady! erwiderte der Richter mit einer leichten Verbeugung und Handbewegung.

Lady Anna ließ ſich nieder.

Infolge einer Beſtimmung meines Vaters, begann ſie ſodann,war ich bereits im November der vorigen Jahres nach London gegangen. Ich blieb dort bis vor ungefähr vier Monaten, völlig ohne Nachricht von Allem, was ſich hier zu⸗ getragen. Um die gedachte Zeit erhielt ich die Meldung von dem Ableben meines Vaters, zugleich auch die Mittheilung von der Hinrichtung Stoone's. Sie werden ſogleich erfahren, weshalb dies letzte Ereigniß ergreifender für mich ſein mußte,

wie der andere Todesfall. Der Schreck warf mich auf's