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694 Concordia.
„Wie? auch Du willſt fort?“ fragte Franz erſtaunt.
„Die Luft iſt mir hier zu drückend und der Herr Pfarrer zu fromm. Ich höre lieber den friſchen, fröhlichen Finken⸗ ſchlag, als das Gekrächze von Raben und Aasgeiern.“
„Aber meine Gabriele, mein armes, gutes Mädchen!“
„Sie wird ſich in das Unvermeidliche fügen. Für Euch ſind jetzt ohnedies ſchlechte Ausſichten, der Alte iſt ein Starr⸗ kopf, und ſeit ſie ihm faſt den Schädel geſpalten haben, ſcheint auch ſein Verſtand ſchwach geworden zu ſein; der fromme Herr Pfarrer iſt täglich ſtundenlang bei ihm und wird ihn ſchon vollends mürbe machen. Hat der alte Huber erſt ſein Vermögen den Miſſionsanſtalten und ſonſtigen Stiftungen verſchrieben, ſo iſt der Zweck erreicht, und eine kleine Ver⸗ mittlergebühr wird wohl auch für die Taſche des würdigen Pfarrherrn abfallen. Bis dahin aber läßt er ihn ſicher nicht aus dem Garne. Alſo fort aus dieſer Atmoſphäre in eine freiere Luft!“
„Du haſt recht, Werner, hier geht es nicht länger. Noch einmal will ich Gabriele ſehen und ſprechen, dann fort, hinaus, wohin Du willſt, bis eine beſſere Zeit uns in die Heimat zurückführt.“
Als Franz des Abends nach Hauſe zurückkehrte, lag ein
Brief auf ſeinem Tiſche; er enthielt die Entlaſſung des
Malers aus den Dienſten der Fabrik.
Am anderen Morgen führte ein Kahn die beiden Kunſt⸗
genoſſen über den See, der Hügelkette zu.
Wer noch vor zwanzig Jahren die Stadt X. beſuchte, dem mußten in den älteren Stadttheilen die kleinen, un⸗ anſehnlichen Häuſer, die Brunnen, winkeligen Straßen und das in denſelben herrſchende kleinbürgerliche Weſen auffallen. Die letzten Landesherren hatten aber der Verſchönerung und Erweiterung der Stadt beſondere Aufmerkſamkeit gewidmet, als Handel und Induſtrie einen außerordentlichen Aufſchwung in X. nahmen. Die finſteren Gaſſen und Gäßchen ver⸗ ſchwanden und an ihrer Stelle erhoben ſich breite, ſchöne Straßen, die mit den Paläſten der Geburts⸗ und Geld⸗ ariſtokratie beſetzt ſind und jetzt zu dem nobelſten und vor⸗ nehmſten Theile der Stadt gehören.
In einer dieſer Straßen ſtand das Haus des Barons Berghammer. Im Parterre befanden ſich die Bureaux der „Provinzial⸗Kredit⸗ und Spar⸗Bank“, die erſte und zweite Etage dienten zu Wohnungszwecken für den Beſitzer. Die Geſchäftslokale waren mit ausgeſuchtem Luxus ausgeſtattet, zahlreiche Beamte ſaßen an den Pulten oder fertigten der Reihe nach die wartenden Kunden ab, die immer wieder durch neue Ankömmlinge erſetzt wurden. Große Stöße Papiergeld lagen in den mächtigen feuerfeſten Caſſaſchränken und wurden fortwährend durch neue Einzahlungen vermehrt, muldenförmige Körbe, mit Silber⸗ und Goldmünzen gefüllt, ſtanden umher und mußten von Zeit zu Zeit ihren werthvollen Inhalt in große eiſerne Kiſten abgeben.
In einem verſchwenderiſch ausgeſtatteten Gemache, über deſſen Thür in goldenen Lettern die Inſchrift prangte:„Thue recht und ſcheue Niemand“, ſaß in ſammetnem Lehnſeſſel der Chef des Hauſes, nachläſſig und offenbar ohne beſonderes Intereſſe in verſchiedenen Papieren herumblätternd. Sein Geſicht hatte nichts von jener ſalbungsvollen Güte und Milde, die auf ihm lagerte, als der Baron im„grünen Jäger“ war,
vielmehr ſah es heute ſehr weltlich, faſt frivol aus. Wozu brauchte er ſich auch hier, in ſeinem geheimen Privatkomptoir, Zwang anzuthun? Außer ſeiner Gattin war Niemand an⸗ weſend, und dieſer ſchien es mit der Frömmigkeit auch nicht zu ſehr ernſt zu ſein, denn ſie las eifrig in einem Romane von Alexander Dumas.
Dieſes Sprechzimmer öffnete ſich nur den genaueſten Be⸗ kannten und Freunden des Herrn von Berghammer; vor der Thür harrte ein Diener in reicher Livrée auf den Klang der ſilbernen Glocke, die ihn zu irgend einer Handreichung rief.
Die Frau vom Hauſe hatte das Buch ſinken laſſen und ſchaute auf den Baron, der ſich ſoeben eine Havanna an⸗ zündete., Auf ihrem Geſichte lag ein zufriedenes Lächeln, als zögen angenehme Bilder aus der Vergangenheit an ihrem inneren Auge vorüber.
„Wie ſich doch die Zeiten ändern können,“ nahm ſie endlich in ſcherzendem Tone das Wort.„Es iſt noch nicht lange her, daß ich als arme Putzmacherin oft nicht wußte, wie ich den Zins für mein armſeliges Stübchen aufbringen ſollte, und raſch die Thür verſchloß, wenn ich auf der Treppe Tritte hörte, die der Wäſcherin angehören konnten, die ihren rückſtändigen Arbeitslohn in Empfang nehmen wollte.“
Der Baron warf einen ſeltſamen Blick auf ſeine Gattin.
„Du biſt alſo mit Deinem Looſe zufrieden?“ fragte er.
„Warum ſollte ich nicht? Du gewährſt großmüthig jeden meiner Wünſche, und ich weiß, daß dieſelben nicht immer allzu beſcheiden ſind.“
Berghammer ſeufzte.
„Weißt Du noch, Karl,“ fuhr ſeine Gattin fort,„als Du mich einmal nach der Vorſtellung des„Goldonkels“ in der Konditorei abholteſt und wir Beide nicht ſo viel Geld be⸗ ſaßen, um die kleine Zeche zu bezahlen? Du warſt bei der kleinen herumziehenden Schauſpielertruppe engagirt und hatteſt ſchon einige Wochen keine Gage erhalten. Um den Wirth zu befriedigen, mußteſt Du ihm eine alte, neuſilberne Spindel⸗ uhr überlaſſen.“
„Laß das, Amely,“ erwiderte er,„ich bin nicht aufgelegt zum Scherzen.“
„Nun, was thut es? Du kannſt mit Stolz auf Deine Erfolge blicken, biſt reich, angeſehen, und das Alles aus eigener Klugheit. Warum ſcheueſt Du Dich, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen, die jetzt, wo ſie überwunden iſt, nur noch eine amüſante, humoriſtiſche Seite hat?“
In dieſem Augenblicke trat der Diener ein und meldete den Beſuch des Paſtors. Gleich darauf erſchien dieſer im Zimmer und der Baron nahm ſofort ſeine fromme Miene an.
Der Geiſtliche reichte erſt der Dame, dann dem Bankier die Hand.
„Der Friede Gottes ſei mit Ihnen!“ ſagte er und ſetzte ſich ohne Umſtände in den ihm dargebotenen Seſſel.
„Gut, daß Ihr kommt, Herr Pfarrer,“ rief Berghammer, „ich habe lange nicht das Vergnügen gehabt, Euch zu ſehen! Ich glaube, es war das letzte Mal draußen im„grünen Jäger“.“
„Ganz recht!“ erwiderte der Geiſtliche,„als Ihr Er⸗ holungsausflug eine ſo verabſcheuungswürdige Unterbrechung erlitt. Der Wirth hat ſich von ſeiner Verwundung noch immer nicht erholt, es ſcheint, als habe durch den Schlag ſein Verſtand gelitten. Es iſt mir deshalb auch nicht ſchwer geworden, ihn zu bewegen, ſein Beſitzthum zu verkaufen


