Jahrgang 
2 (1879)
Seite
693
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Concordia.

maler und für eine in der Nähe liegende bedeutende Fabrik beſchäftigt. Auf dem ſchmalen Tiſche am Fenſter ſtanden die Requiſiten ſeiner Kunſt: Farbennäpfe, Zeichnungen, Modelle, und eine Menge Taſſen, Gefäße, Vaſen, Pfeifenköpfe und alle jene tauſend zierlichen Dinge, die dieſe Induſtrie hervor⸗ bringt, bewieſen, daß es ihm nicht an Beſchäftigung fehle. Der Maler war ſo in ſeine Arbeit vertieft, daß er nicht be⸗ merkte, wie ſich leiſe die Thür geöffnet hatte und Jemand hereingetreten war.

Der Angekommene betrachtete eine Weile mit lauernden Blicken den jungen Mann, dann trat er einige Schritte vor und ſagte ſalbungsvoll:

Der Segen des Herrn komme über Dich, mein Sohn!

Der Angeredete erhob ſich raſch.

Grüß' Gott, Herr Paſtor! rief er in freundlichem Tone; ich bin erſtaunt, Sie bei mir zu ſehen.

Wer ein reines Gewiſſen hat und ſich eines gottes⸗ fürchtigen Wandels befleißigt, den wird der Anblick eines Dieners des Herrn nicht in Verlegenheit ſetzen!.

Ich bin es von Ihnen gewöhnt, Herr Paſtor, mit un⸗ freundlichen Augen betrachtet zu werden, erwiderte der Maler und ſeine einnehmenden, offenen Züge nahmen einen ernſten Ausdruck an,aber Sie beurtheilen mich falſch.

Was ich zu meinem Schmerze täglich vor Augen ſehe, kannſt Du nicht verleugnen, Franz. Du meideſt das Haus des Herrn, Du kommſt nicht in die abendlichen Betſtunden, in denen ſich ſo Viele Deiner Altersgenoſſen mit mir er⸗ bauen, Du läſterſt Gott und ſein heiliges Wort und ſchmähſt die Anhänger und Diener der Religion.

Eine hohe Röthe trat auf die Wangen des jungen Mannes.

Das Letztere iſt nicht wahr, Herr Paſtor! rief er und ein edler Zorn über die ungerechte Beſchuldigung klang aus ſeinen Worten,mir iſt die Religion eben ſo heilig, als Manchem, der ſie fortwährend im Munde führt. Aber die Ausſchreitungen übereifriger Verkündiger, die Verdrehungen und Verſtümmelungen des reinen Evangeliums, die finſteren, aller Vernunft und der Bibel ſelbſt widerſprechenden Irr⸗ lehren haſſe ich, denn ſie dienen nur zu oft zum Deckmantel unlauterer Ziele.

Die Gnade des Himmels iſt trotz meiner Gebete noch nicht über Dich gekommen, Franz, verſetzte der Pfarrer. Seit Du aus jenen gottloſen Zeitungen die verruchten Be⸗ ſtrebungen erfahren haſt, welche unſerer Kirche ihre heilig⸗ ſten Rechte, die Taufe und Trauung, entziehen möchten, biſt Du ein Abtrünniger und haſt Dich Denen angeſchloſſen, welche Ungehorſam gegen ihre geiſtlichen Hirten predigen und ihre Bemühungen, die Verirrten wieder auf den Pfad der Tugend und Frömmigkeit zurückzuführen, mit Spott und Hohn von ſich weiſen.

Ich achte und ehre den geiſtlichen Stand nach wie vor, ſo lange er die unverfälſchte Chriſtuslehre predigt. Aber der Prieſter iſt ein Menſch wie jeder Andere, und wenn er ſich anmaßt, die herrlichen Wahrheiten der Religion nach Gutdünken und wie es gerade ſeinen Zwecken entſpricht, drehen und deuteln zu wollen, ſo hört er auf, ein wahrer und aufrichtiger Diener der Kirche zu ſein.

Franz hatte dieſe Worte mit erhobener Stimme ge⸗ ſprochen. Das Antlitz des Jünglings leuchtete vor Begeiſter⸗

ung, die ihm im Kampfe mit dem Fanatismus Muth verlieh. Auf der Stirn des Pfarrers aber ſchwoll die Zornesader.

Nun, ſo fahre dahin in Deinen Sünden, bis Du einſt reuig zurückkehrſt in den Schoß der Kirche! donnerte er mit drohend erhobener Rechten.In meiner Gemeinde aber dulde ich kein Giftgewächs, das die Luft verpeſtet; beſſer, es wird ein Aſt abgehauen, denn daß der Baum verdorre. Noch heute werde ich in der Fabrik Schritte thun, daß Dir die Arbeit entzogen wird; das magſt Du als eine Strafe des Himmels anſehen. Der Wirth zumJäger aber läßt Dir durch mich ſagen, daß zwiſchen Dir und ſeiner Tochter jede Gemeinſchaft aufhöre, lieber ſoll ſie die geringſte Magd, als die Frau eines Verworfenen werden!

Der Maler war in den Stuhl zurückgeſunken und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen; die letzten Worte des Geiſtlichen hatten ihn niedergeſchmettert. Er kannte den Einfluß, den der Paſtor in der ganzen Gegend beſaß, und den Haß, den er gegen ihn hegte, zu genau, um nicht zu wiſſen, daß er ſeine Drohung verwirklichen würde; er wußte auch, daß der Vater Gabrielens der frommen Richtung zu⸗ neigte und den Einflüſterungen des Predigers williges Gehör leihen werde. Eine tiefe Muthloſigkeit hatte ſich des jungen Mannes bemächtigt; das Liebſte, was er beſaß, ſeine Gabriele, und außerdem ſein Brot, ſeine einträgliche Stellung, hatte ihm dieſe Stunde geraubt!

Der Pfarrer war längſt fort, aber das Drückende, das ſein Erſcheinen auf Franz ausgeübt hatte, war noch nicht von ihm gewichen. Er riß die Fenſter auf, um friſche Luft zu ſchöpfen, und es war ihm, als ſtröme zugleich mit dieſer Er⸗ leichterung und Beruhigung in ſein Inneres.

Plötzlich fühlte Franz eine kräftige Hand auf ſeiner Schulter; es war Werner, der von der Schlägerei imgrünen Jäger her den Kopf noch verbunden trug. Die Beiden waren zuſammen aufgewachſen und ſeitdem unzertrennliche Freunde und Kunſtgenoſſen geblieben; Werner war ebenfalls Maler und für dieſelbe Fabrik thätig.

Nun, was ſoll das Kopfhängen, Franz, ſiehſt ja aus, als ſollteſt Du noch heute vor ein hochnothpeinliches Halsgericht geſtellt werden! redete Werner den Freund an.

Du weißt nicht

Alles weiß ich, unterbrach ihn Werner,der geiſtliche Herr ſorgt ſchon dafür, daß ſeine Heldenthat gehörig bekannt wird. Je mehr ihn die Leute hier fürchten, deſto größer wird ſein Einfluß. Bevor noch die Sonne heute hinter die Berge ſinkt, haſt Du den Abſagebrief Deines künftigen Schwieger⸗ vaters und Deine Entlaſſung aus den Dienſten der Fabrik. Mehr kannſt Du für den Augenblick nicht verlangen.

Scherze nicht, Werner, ſagte der Maler;der Pfarrer hat mich meines Erwerbes und meiner Braut beraubt und will mich durch dieſe Prüfung wieder zum Glauben zurückführen.

Der Pfarrer iſt ein Schwätzer und hat ſicherlich mehr Sünden auf dem Gewiſſen, als Du und ich zuſammen⸗ genommen. Er mag ſich in Acht nehmen, daß ihn der Gottſeibeiuns, für den er längſt reif iſt, nicht ſchon bei le⸗ bendigem Leibe holt. Aber Du mußt einen Entſchluß faſſen, Franz. Siehſt Du dort den Gebirgszug? In dieſer Richtung liegt das deutſche Athen, die Pflanzſtätte unſerer Kunſt, Düſſeldorf, dorthin laß uns ziehen und unter Berufsgenoſſen uns weiter bilden zu wirklichen Jüngern unſerer herrlichen Kunſt!