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Concordia.
Aus der Milliardenzeit.
NKovelle von Woldemar Berndt.
Ein pr dehän voller Junimorgen war angebrochen; im leichten, duftigen Nebel lag der Horizont noch verhüllt, aber mit jedem Augenblicke traten die Umriſſe deſſelben deutlicher hervor und ließen in der Ferne, jenſeit des kleinen, maleriſchen See's, die langgeſtreckte Höhenkette des nahen Gebirges erkennen. Im üppigſten, ſtrahlendſten Grün dehnten ſich weite Wieſen⸗
und Saatflächen dahin und ließen Millionen blitzender Thau⸗
tropfen in der Morgenſonne funkeln, während auf den zahl⸗ loſen, die Wege und Felder umſäumenden Obſtbäumen die gefiederten Sänger ihr friſches, fröhliches Morgenlied in die Luft ſchmetterten.
Einige hundert Schritt vom Ufer des See's, der an dieſer Stelle eine kleine Bucht bildet, ſtand auf einer ſanft anſteigenden Anhöhe ein freundliches Haus, deſſen Schild die Aufſchrift„Zum grünen Jäger“ trug. Zahlreiche Tiſche und Stühle, die vor dem Hauſe und im Garten ſtanden, eßen über ſeine Beſtimmung als Vergnügungslokal keinen Zweifel. Von der Anhöhe erblickte man eine Anzahl zer⸗ ſtreute Gehöfte und halb von Laubwerk verdeckte Häuſer, die zuſammen ein hübſches Dorf bildeten, in deſſen Mitte ſich wie ein ſorgſamer Hüter das kleine freundliche Kirchlein erhob.—
Es war zu der Zeit, als die franzöſiſchen Milliarden oi ſiegreichen Deutſchland zufloſſen und eine geſchäftliche
volution hervorriefen, wie ſie wohl in dieſem Umfange n nicht dag deweſe niſt. Dunkle Exiſtenzen aller Art tauchten plötzlich auf, ließen ſich zu Direktoren irgend eines induſtriellen ehmens ernennen und trieben mit dem Gelde der e, die Hunderttauſende in den Taſchen dieſer„Gründer“ den ſahen, wahrhaft fürſtlichen Luxus. Eine fieber⸗ hafte Aufregung herrſchte an den Börſen und in den Kreiſen der Finanzwelt, deren unſoliderer Theil nur darauf bedacht war, durch neue Gründungen ſich in unerhörter Weiſe zu bereichern. Kein Wunder, daß Fabriken aller Art neu er⸗ richtet oder bereits beſtehende von Aktiengeſellſchaften erworben wurden; beſonders aber bemächtigte ſich dieſe Induſtrie der Geldinſtitute, die als Bank⸗ und Kreditgeſchäfte wie Pilze wucherten und ihr lhwende haftes Daſein friſteten.
Auch die Stadt X. war von dieſem Fieber ergriffen worden; eine Menge T Diraktoren und Verwaltungsräthe hatten in dem bedeutenden Handelsplatze ihren Wohnort aufgeſchlagen und ſetzten durch ihe prächtigen Equipagen die Bewohner in Erſtaunen. An dem Ufer des kleinen See's wuchs ein lohuir er Landſitz nach dem anderen empor und nahm im Sommer die Familien dieſer Emporkömmlinge auf. Der „grüne hher war das einzige Wirthshaus an dieſer Seite des See's, und er befand ſich wohl dabei; während ſein Keller früher nur das landesübliche leichte Vier barg, war jetzt nicht ſelten Nachfrage nach Champagner.
Ein behäbig ausſehender Mann trat aus der Thüre, ſchaute prüfend nach dem Wetter aus und wandte ſich dann zu einem jungen Mädchen, das ſoeben am Fenſter erſchien.
„Die Herſcheiten laſſen lange auf ſich warten,“ ſagte er; „Du haſt doch Alles gut beſorgt, damit unſere Gäſte zufrieden⸗
ſtellt werden?“
Unterne
verſchwin
(Nachdruck verboten.)
„Alles, Vater!“ entgegnete das Mädchen.„Den beſten Platz im Garten unter den blühenden Kaſtanien habe ich hergerichtet, den großen Lehnſtuhl für die gnädige Frau heruntergeholt und unſer beſtes Tiſchzeug aufgelegt, daß ſie ihre Freude haben werden. Und die ſchönſte Ausſicht haben ſie auch von dort aus über den See und auf die Berge.“
„Laß es an nichts fehlen, Gabriele. Herr von Berg⸗ hammer war der Erſte, der ſich hier anſiedelte; die Anderen ſind ihm gefolgt und haben mich zum wohlhabenden Manne gemacht. Ich bin dem Baron Dank ſchuldig!“
Der Wirth war bei dieſen Worten einige Schritte auf die vorüberführende Fahrſtraße getreten und blickte aufmerk⸗ ſam nach der Gegend, wo dieſe im Gehölz verſchwand. Un⸗ muthig wandte er ſich nach einigen Minuten vergeblichen Spähens wieder dem Hauſe zu, als er plötzlich ſtehen blieb, um einen Mann zu erwarten, der eben den vom Waſſer heraufführenden kleinen Fußpfad beſchritt.
„Friede ſei mit Euch!“ ſprach der Ankömmling, indem er wie ſegnend die Hände ausbreitete.„Seid Ihr noch allein?“
„Es iſt noch Niemand angekommen, Herr Paſtor,“ er⸗ widerte der Wirth, ſeine Mütze in der Hand haltend.„Ich habe Alles in Bereitſchaft ſetzen laſſen und hoffe, daß die Herrſchaften mit mir zufrieden ſind.“
„So iſt's recht, und wie ich ſehe, habt Ihr auch für äußerlichen Empfang geſorgt. Dieſe Blumengewinde und Kränze an Thür und Fenſtern werden dem Herrn Baron Freude machen.“
Der Geiſtliche trat in den Garten und nahm an einem Tiſche Platz, während der Wirth in's Haus gegangen war, um eine Erfriſchung zu holen.
„Setzt Euch zu mir, Huber,“ ſagte der Paſtor, nachdem der Beſitzer des Gaſthofs eingeſchänkt hatte;„ich muß mit Euch um des Seelenheils Eurer Tochter willen ſprechen.“
Der Angeredete ſetzte ſich, aber es ſchien ihm einige Ueberwindung zu koſten, der Aufforderung zu folgen. Er warf unwillkürlich dem Hauſe, in welchem Gabriele ſchaltete und waltete, einen beſorgten Blick zu und eine düſtere Wolke flog über die Stirn des Vaters. Das Mädchen führte ſeit dem Tode der Mutter die bedeutende Wirthſchaft, und ihr friſches, heiteres Weſen hatte ſie zum Lieblinge ihrer Um⸗ gebung gemacht. Huber fühlte, daß er jetzt etwas Unan⸗ genehmes hören werde, und er wäre deshalb dem Geiſtlichen gern aus dem Wege gegangen, wenn er es gewagt hätte.
„Ihr wißt, was man von Eurer Tochter ſpricht, Huber,“ begann der Paſtor,„ich ſelbſt redete ſchon einmal mit Euch darüber. Damals habt Ihr mir das Verſprechen gegeben, dem Taugenichts das Haus zu verbieten, aber erſt am Sonn⸗ tage hat man dieſen Menſchen wieder mit Gabriele geſehen. Jeder gläubige Chriſt geht ihm, wie dem Verſucher ſelbſt, aus dem Wege, nur Lotterbuben und— Eure Tochter haben noch mit ihm Umgang.“
Der Wirth zuckte zuſammen, während der lauernde Blick des Pfarrers auf ihm ruhte, um die Wirkung ſeiner Worte zu beobachten.
„Herr Paſtor,“ erwiderte Huber mit bebender Stimme,
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