Concordia.
Huldigungen des männlich ſchönen, eleganten früheren Offiziers nicht ungern, und endlich ertheilte auch der alte Freiherr, obgleich nicht ohne Widerſtreben, die Erlaubniß zu der Verbindung des jungen Paares.
Aber die Beſſerung war nicht von Dauer; die bedeutenden Mittel, welche das Fräulein von Rothenburg als Mitgift ihrem Gatten zuführte, verleiteten dieſen, auf's Neue ſich dem Spiele und Trunke hinzugeben, und ſchon nach wenigen Jahren war er verſchuldeter als jemals. Schwere eheliche Differenzen waren die Folge, und der gärzliche finanzielle Ruin wäre unausbleiblich geweſen, hätte nicht im rechten Augenblick der alte Freiherr durch Mörderhand ein jähes Ende gefunden. Doris, die einzige Erbin, ſah ſich plötzlich im Beſitze eines großen Vermögens, und ſie war ſchwach genug, daſſelbe ihrem Gatten zur Verfügung zu ſtellen, der jetzt ſeinen verderblichen Leidenſchaften in zügelloſeſter Weiſe zu huldigen vermochte.—
In dem Spielzimmer ſeines Gutes ſaß Dornfeldt mit den Zechgenoſſen zuſammen. Leere und gefüllte Champagnerflaſchen, letztere in Eiskübeln, umhergeſtreute Kartenblätter, Cigarren⸗ reſte, Gold und Papiergeld und andere zu einem Trink⸗ und Spielgelage gehörige Requiſiten bildeten auf den Tiſchen ein wildes Chaos. Der Wein hatte die Gemüther aufgeregt und an Stelle des Spiels war lärmende Unterhaltung getreten.
„Auf Ehre, Dornfeldt, Du haſt koloſſales Glück!“ nahm ein alter Roué mit grauem Schnurrbarte das Wort,„erſt angelſt Du die reizendſte junge Frau und dann thut Dir Dein Schwiegervater zu rechter Zeit den Gefallen, ſich er⸗ morden zu laſſen, um Dich in den Beſitz ſeines rieſigen Ver⸗ mögens zu ſetzen.“
Der Angeredete runzelte die Stirn.
„Ich liebe es nicht, wenn von meiner Frau und dem Tode ihres Vaters in dieſer frivolen Weiſe geſprochen wird, Herr Rittmeiſter,“ ſagte er in erregtem Tone, indem ſein rothes Weingeſicht ſich noch dunkler färbte und die Worte ſich nur ſchwer und mühſam hervorrangen.„Wem an meiner Freundſchaft etwas gelegen iſt, der erwähne dieſen Gegen⸗ ſtand nicht wieder.“
„Nun, man wird doch gratuliren dürfen!“ warf der Ritt⸗ meiſter ein.
„Ich will nichts davon hören, ſage ich Euch!“ ſchrie der Gutsherr,„und wer es nicht für nöthig hält, dieſen Wunſch zu beachten, der wird gut thun, mein Haus zu verlaſſen, ehe er durch meine Leute dazu gezwungen wird.“
Der Rittmeiſter ſtand auf und trat auf den Hausherrn zu. Leichenbläſſe bedeckte ſein Geſicht.
„Alle Achtung vor Ihrem Hausrechte, Herr von Dornfeldt, aber das iſt nicht die Sprache, die ein ehemaliger Offizier, der es nur bis zum Lieutenant gebracht hat, einem früheren Rittmeiſter gegenüber zu führen berechtigt iſt. In meinen Worten lag keine Beleidigung; es iſt mir aber heute nicht zum erſten Male aufgefallen, daß Sie ſtets unangenehm be⸗ rührt ſind, wenn von dem Morde Ihres Schwiegervaters die Rede iſt. Haben Sie mich verſtanden?“
Die letzten Worte ſprach der Rittmeiſter langſam und mit Nachdruck; dann verbeugte er ſich gegen die Anweſenden und verließ das Zimmer.
Eine Minute lang herrſchte tiefes Schweigen unter den Anweſenden; Alle empfanden das Peinliche des Auftritts und
erwarteten offenbar von dem Gutsherrn irgend eine Auf⸗ klärung. Dieſer ſaß in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, die bläulichen Lippen feſt aufeinander gepreßt, das Auge ſtier vor ſich hinſtarrend, regungslos und ſtumm; das krampfhafte Zucken der Hände verrieth aber deutlich die furchtbare Be⸗ wegung, die in ſeinem Innern tobte.
Plötzlich ſprang er auf und ſtürzte zur Thür hinaus. Die Gäſte hörten, wie er ſchreiend und tobend die Diener und Knechte zuſammenrief und ihnen befahl, den Rittmeiſter einzu⸗ fangen und in's Schloß zurückzubringen, er wolle ihn mit der Hundepeitſche züchtigen, wie ein wildes Thier.
Den Untergebenen ſchien der Wuthausbruch ihres Brot⸗ herrn nichts Neues zu ſein, ähnliche Szenen wiederholten ſich nach einem Zechgelage ſehr oft, und ſie beeilten ſich daher nicht beſonders, dieſem Befehle Folge zu leiſten. Dennoch mußten ſie ihm gehorchen; ihr Gebieter verſtand im Rauſche keinen Spaß, und mehr als einmal hatte er ſie in dieſem Zuſtand mit Peitſchenhieben traktirt.
Der Rittmeiſter hatte ſich auf ſein Pferd geworfen und war davongeſprengt; um ihren Herrn nicht noch mehr zu reizen, folgten ihm die Knechte, obgleich ſie wohl wußten, daß der Reiter nicht mehr einzuholen geweſen wäre, ſelbſt wenn ſie den Willen dazu gehabt hätten.
Schwankenden Schrittes kehrte der Hausherr zu ſeinen
Gäſten zurück, die ihn mit auffallender Zurückhaltung em⸗
pfingen. Die Worte des Rittmeiſters hatten ihre Wirkung nicht verfehlt, der in denſelben liegende Verdacht ſchlug Wurzel, und plötzlich erinnerte man ſich verſchiedener Einzelheiten, die dieſen Verdacht zu beſtätigen ſchienen.
„Machen wir noch ein Spiel!“ ſchrie Dornfeldt und warf eine Hand voll Goldſtücke auf den Tiſch.
Aber Keiner ſchien dazu Neigung zu haben, Jeder hatte eine Entſchuldigung, und Alle machten Anſtalt, aufzubrechen.
„Gott verdamm' mich, Ihr Herren, was ſoll das bedeuten?“ brüllte der Gutsherr, und ein Fauſtſchlag auf den Tiſch ver⸗ lieh ſeinen Worten Nachdruck.„Glaubt Ihr vielleicht an das Gefaſel dieſes Lumpes von Rittmeiſter? Dann heraus mit der Sprache, ich ſtehe Euch Rede!“
Es war augenſcheinlich nicht ungefährlich, den Wüthenden noch mehr zu reizen; die weit aufgeriſſenen, roth unterlaufenen Augen, die geſchwollene Zornesader auf der Stirn und die ge⸗ ballten Fäuſte weiſſagten nichts Gutes. Nur Einer ſchien den Muth zu haben, dem Gutsherrn entgegenzutreten; es war der Forſtmeiſter von Trauchitſch, der als junger Förſter wiederholt Gelegenheit gehabt hatte, ſeine Unerſchrockenheit im Kampfe mit Wilddieben zu beweiſen.
„Ich halte es für Ehrenpflicht, den abweſenden Rittmeiſter in Schutz zu nehmen,“ ſagte er ruhig, aber mit Nachdruck. „Die Beleidigung, welche Sie ihm ſoeben zugefügt haben, wird er ſelbſt zu ſühnen wiſſen, ich werde ihn von derſelben in Kenntniß ſetzen.“
Er verbeugte ſich kalt und ging, die übrigen Gäſte folgten ihm nach kurzer Pauſe.
Am anderen Morgen überbrachte ein Sekundant des Ritt⸗ meiſters dem Gutsherrn eine Herausforderung auf Piſtolen. Herr von Dornfeldt ſandte ſofort einen berittenen Diener zu einem benachbarten Gutsbeſitzer mit der Bitte an dieſen, ihm zu ſekundiren und die näheren Beſtimmungen mit dem Beauf⸗ tragten des Rittmeiſters zu treffen. Schon am Nachmittage
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