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Concordia. 8
Da ſtand die kleine Kirche, deren Thurm Willibald wie ein Fingerzeig nach oben erſchien, hinter ihr das Schulhaus, in dem er jeden Nagel kannte. Als Jüngling verließ er einſt dieſe Stätte ſeiner Kindheit, als gereifter Mann ſtand er jetzt wieder vor ihr. Ein wehmüthiges Gefühl beſchlich ihn.
Das Erdgeſchoß des Hauſes diente zu Schulzwecken und war dunkel, aber oben, in der geräumigen Eckſtube, waren die Fenſter erleuchtet. Willibald trat in die Hausflur und ſchritt die wohlbekannte Treppe hinan, und eine Minute ſpäter ſtand er vor der Thür des Wohnzimmers. Unwill⸗ kürlich blieb er ſtehen, es war, als hielt ihn eine unſichtbare Macht zurück.
Im Zimmer war es auffallend ſtill und es befremdete den Seemann, daß die Kinder ſeiner Schweſter, die bei der frühen Abendſtunde wohl kaum ſchon zur Ruhe ſein konnten, ſich nicht bemerkbar machten.
Von der Straße herauf tönten Schritte, die ſich dem Schulhauſe näherten. Es mußten zwei oder drei Perſonen ſein, deren Stimmen Willibald unterſchied; er hörte, wie die Thür des Hauſes geöffnet wurde und die Männer das Innere betraten. Man hätte ohne Zweifel geglaubt, er habe gelauſcht, wenn er hier, am Eingange zur Wohnung ſeiner Schweſter ſtehen, blieb; raſch entſchloſſen legte er daher die Hand auf den Drücker und trat in das Zimmer. Ueberraſcht und beſtürzt blieb er ſtehen, ein eigenthümlicher Anblick bot ſich ihm dar.
Auf dem Sopha ausgeſtreckt lag ein Mann mit weißen Haaren, in welchem Willibald ſofort den Freiherrn von Rothen⸗ burg erkannte. Um den Kopf war ein weißes Tuch ge⸗ ſchlungen, das zahlreiche Blutſpuren zeigte, die Augen waren geſchloſſen, und die ſchweren, röchelnden Athemzüge bewieſen, daß der Verwundete mit dem Tode rang. Ein Herr, offen⸗ bar der Arzt, war eifrig bemüht, dem Sterbenden kalte Um⸗ ſchläge auf das Haupt zu legen, während die Gattin des Lehrers das Leinen immer auf's Neue in's Waſſer tauchte, um es anzufriſchen. Still und ängſtlich ſaßen die Kinder in einer Ecke zuſammengehockt; das Ungewohnte, ihnen nur halb Verſtändliche des Vorganges hatte ſie eingeſchüchtert.
Beim Eintritt des Seemannes erhob deſſen Schweſter den Kopf, aber Leichenfarbe bedeckte ihr Geſicht, als ſie den Bruder erkannte.
„Um Gottes willen, Willibald, Du hier? Flieh', flieh', ſo ſchnell Dich Deine Füße tragen, Du biſt erkannt!“ raunte ſie ihm haſtig und angſtvoll zu, indem ſie ihn nach der Thür zu drängen ſuchte.
Der Seemann ſtand wie verſteinert; er hatte erwartet, freudig und herzlich nach ſo langer Abweſenheit empfangen zu werden, ſtatt deſſen rief ſein Erſcheinen Schreck und Ent⸗ ſetzen hervor. Ehe er noch dazu kam, Aufklärung über das räthſelhafte Benehmen der Lehrersfrau zu erbitten, traten drei Männer geräuſchlos in's Zimmer. Die Rückſicht für den Sterbenden ließ ſie den Boden nur mit den Fußſpitzen berühren. 3
Es war Willibald's Schwager, der Gatte ſeiner Schweſter, und zwei Gerichtsperſonen, die nicht wenig erſtaunt waren, einen Fremden hier im Zimmer zu finden. Der Lehrer flüſterte mit ſeiner Frau, während die Gerichtsperſonen den Angekommenen muſterten. Ein bezeichnender Wink des Lehrers ſchien den Argwohn der Beamten zu beſtätigen; ſchweigend
winkten ſie dem Seemann nach dem Vorſaale, wo inzwiſchen ein Licht angezündet worden war.
„Sie ſind der Sohn des ehemaligen Lehrers von Haide⸗ mühl, Willibald Dorn?“ redete der ältere der Männer den Unterſteuermann an.
Letzterer bejahte.
„Dann muß ich Sie im Namen des Geſetzes verhaften,“ fuhr der Beamte fort;„ich erſuche Sie, uns zu folgen.“
„Da der Jrrthum ſich ſehr bald aufklären muß, ſo werde ich Ihnen für jetzt keinerlei Schwierigkeiten verurſachen,“ er⸗ widerte Willibald feſt und mit Würde;„wenn es aber Ihrer Pflicht nicht zuwiderläuft, bitte ich um Angabe der Gründe dieſer ſtrengen Maßregel.“
Der Beamte warf dem Verhafteten einen verächtlichen Blick zu.
„Angeſichts des Sterbenden in dieſem Zimmer bedarf es wohl kaum einer weiteren Aufklärung,“ ſagte er kalt, während er die Treppe hinabſchritt, dem Gefangenen zu folgen befahl und ſeinem Gefährten andeutete, hinterdrein zu gehen.
Eine halbe Stunde ſpäter ſaß Willibald im Gefängniß ſeines Heimatsdorfes und dachte über das ſeltſame Abenteuer nach, das ihn an dieſen Ort geführt hatte. Darüber konnte kein Zweifel ſein, man hielt ihn für den Mörder des Frei⸗ herrn von Rothenburg.
Wochen waren vergangen; man hatte den des Mordes verdächtigen Seemann nach dem Kreisgefängniß überführt und die Unterſuchung eingeleitet. In den einzelnen Verhören er⸗ fuhr Willibald nach und nach den Zuſammenhang des unglück⸗ lichen Ereigniſſes, das zu ſeiner Verhaftung führte.
Der alte Freiherr von Rothenburg hatte die Gewohnheit, in den ſpäten Nachmittagsſtunden aus Geſundheitsrückſichten einen größeren Spaziergang zu unternehmen. Auch an jenem verhängnißvollen Tage war er zur gewohnten Stunde fort⸗ gegangen, aber nicht wieder zurückgekehrt. Feldarbeiter fanden ihn mit einer tödtlichen Kopfwunde am Wege liegend auf und trugen ihn bis zu dem Schulhauſe, wo der erſte Ver⸗ band angelegt wurde; den Transport bis zu dem entfernten Schloſſe würde der Verwundete nicht ausgehalten haben.
Nur einen Moment kehrte dem Freiherrn das Bewußtſein
zurück und er bewegte die Lippen mit ſieberhafter Haſt; augenſcheinlich wollte er Eröffnungen machen, aber es war ſeiner Umgebung nicht möglich, etwas zu verſtehen. Nur das Wort„Dorn“ glaubten der Arzt und der Schullehrer deutlich gehört zu haben. Als die Tochter des Verwundeten, die an einen etwa zwei Stunden entfernt wohnenden Ritterguts⸗ beſitzer verheiratet war, im Schulhauſe erſchien, war ihr Vater bereits eine Leiche; er war nicht mehr im Stande geweſen, über den Mörder näheren Aufſchluß zu geben. Offenbar war die That ein Akt der Rache, denn von dem Gelde und den Werthſachen, die der Baron bei ſich führte, fehlte nicht das Mindeſte; nur die Brieftaſche, in welcher der Ermordete aber nie Werthpapiere trug, war verſchwunden.
Das frühere Verhältniß Willibald's zu dem Freiherrn
war natürlich im Dorfe bekannt, auch die Veranlaſſung, 5
weshalb er ſo plötzlich ſeine Heimat verließ, war kein Ge⸗ heimniß geblieben. Wie ſtets in ſolchen Fällen, bildete ſich die Menge ſehr ſchnell ein Urtheil; man hielt den Sohn des armen Lehrers, der es gewagt hatte, ſein Auge zu der Tochter
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