Jahrgang 
2 (1879)
Seite
685
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Concordia. 68⁵

Bald fünf Uhr! murmelte er,gegen Sechs bin ich in Haidemühl, und die Dunkelheit wird dann bereits ſoweit hereingebrochen ſein, daß man mich nicht ſo leicht erkennt.

Er ſchritt weiter.

Achtzehn Jahre habe ich meinen Heimatsort nicht wieder betreten, fuhr er im Selbſtgeſpräche fort,fürwahr, ein ſchöner Zeitraum! Die Eltern, die mich in die Welt hinaus⸗ ſtießen, ſind todt, längſt vermodert und in Staub zerfallen

möge ihr letztes Stündlein nicht durch die Erinnerung an

mich, den Verſtoßenen, getrübt worden ſein. Und ſie, Doris, die all' mein Unglück verſchuldet.

Er vollendete den Satz nicht, aber in einem Moment innerer Aufwallung ſtieß er ſeinen Stock auf den ſumpfigen Wieſengrund, daß er ſich tief hinein verſenkte, und verdoppelte ſeine Schritte, als wolle er unangenehmen Erinnerungen ent⸗ fliehen.

Aber es gelang ihm nicht. Wie in einem Panorama entrollte ſich Bild auf Bild aus der Vergangenheit vor ſeinem Geiſte, und ſie reihten ſich zu einem Gemäldecyelus, der ſein ganzes bisheriges wechſelvolles Leben umſchloß. Im Schul⸗ hauſe zu Haidemühl ſtand einſt ſeine Wiege, in dem kleinen Garten am Hauſe, mit den vielen Stachelbeer⸗ und Johannis⸗ beerſträuchern, verlebte er die glücklichſten Stunden ſeiner Jugend. Dann kamen die Jünglingsjahre; der alternde Vater hatte ihn zu ſeinem Nachfolger beſtimmt und verfolgte trotz der entſchiedenen Abneigung des Sohnes dieſen Plan mit einer Hartnäckigkeit, die oft in's Schroffe ausartete und zu⸗ weilen ſehr ernſte Auseinanderſetzungen herbeiführte. Die Mutter des jungen Mannes pflichtete in allen Stücken dem ſtrengen, pedantiſchen, rückſichtsloſen Gatten bei, denn auch ſie wünſchte ſehnlichſt, den Sohn in die Stellung des Vaters einrücken zu ſehen. Der Zwieſpalt in der kleinen Familie, zu welcher noch eine jüngere Tochter gehörte, wurde immer größer, bis endlich ein an ſich unbedeutender Vorfall den voll⸗ ſtändigen Bruch herbeiführte.

Der Beſitzer des Rittergutes Haidemühl, zu welchem das gleichnamige Dorf gehörte, der Freiherr von Rothenburg, pflegte den größten Theil des Sommers auf ſeinem Gute zuzu⸗ bringen. Willibald, der Sohn des Schullehrers, erfreute ſich der ganz beſonderen Gönnerſchaft des Gutsherrn; er mußte ihn oft auf die Jagd begleiten oder bei ungünſtigem Wetter ihm die Zeitungen vorleſen. So lernte er die Tochter ſeines Gönners, Doris, kennen und unmerklich keimte in dem feurigen Jünglinge die erſte reine, innige Neigung empor. Was half es, daß er mit aller Kraft bemüht war, ſeine hoff⸗ nungsloſe Liebe zu verbergen und zu bekämpfen; das ſcharfe Auge der ſchönen, klugen, aber herzloſen Tochter des Freiherrn hatte ſehr bald erkannt, was in dem jungen Manne vorging, und es beluſtigte ſie, der Gegenſtand einer ſo ſchwärmeriſchen Verehrung zu ſein.

An einem regneriſchen Abende blieb Willibald länger als gewöhnlich im Schloſſe, um dem Freiherrn und ſeiner Tochter vorzuleſen. Als Letzterer ſich endlich zur Ruhe begeben hatte, brach auch der junge Mann auf. Doris reichte ihm zum Ab⸗ ſchiede die Hand, die Willibald haſtig ergriff und leiſe zitternd an ſeine Lippen führte. Erſchreckt über ſeine Kühnheit ſtürzte er fort, aber in demſelben Moment ſchlug Doris ein lautes Gelächter auf; er hörte noch, wie ſich die Thür zu dem Zimmer des Freiherrn öffnete und Doris unter fortwährendem

Lachen mit ihrem Vater ſprach. Jetzt wußte er, daß das Mädchen ein ſchändliches Spiel mit ihm getrieben hatte, daß ſie ihm nur deshalb ſo mild und freundlich entgegengekommen war, um ihn nur um ſo tiefer zu demüthigen, und daß ſie ihrem Vater den ganzen Vorgang in einer für ihn gewiß nicht ſchmeichelhaften Weiſe erzählt haben würde. Grimm und Wuth im Herzen, irrte er den größten Theil der Nacht durch Wald und Feld; erſt gegen Morgen ſuchte er ſein Lager auf, um erſchöpft und ermattet, von peinigenden Gedanken gequält, ſich ſchlaflos umherzuwerfen.

Am frühen Morgen überbrachte ein Diener des Freiherrn dem alten Lehrer einen Brief. In kurzen, aber ſtrengen Worten berührte derſelbe Willibald's Dreiſtigkeit, verbot dem⸗ ſelben ein- für allemal das Schloß und ließ deutlich durch⸗ blicken, daß der junge Mann ſehr wohl thun würde, das Dorf zu verlaſſen. Den Hinweis auf die abhängige Stellung des Lehrers faßte dieſer als eine Andeutung auf, daß der Frei⸗ herr jederzeit das Recht beſitze, ihn ſeines Amtes zu entlaſſen.

Willibald's Vater war außer ſich; es hatte nur noch dieſes Anlaſſes bedurft, um den glimmenden Funken des Grolles zur hellen, auflodernden Flamme des Zornes an⸗ zufachen. Die nun folgende Szene zwiſchen Vater und Sohn war kurz, aber erregt, und eine halbe Stunde ſpäter verließ der junge Mann als ein Ausgeſtoßener die elterliche Be⸗ hauſung ohne ein Troſtes⸗ oder Segenswort, ja ſelbſt ohne Abſchied; nur die Schweſter reichte ihm weinend die Hand und ließ in die ſeinige einen kleinen Beutel mit ihren Spar⸗ pfennigen gleiten.

Jahre waren dahingerauſcht; Willibald hatte Seedienſte genommen und auf einem Oſtindienfahrer ferne Meere durch⸗ ſchifft, fremde Länder geſehen und die Sitten und Gebräuche der Völker anderer Erdtheile kennen gelernt. Leben hatte für ihn keinen Werth, er war bereit, es jeden Augen⸗ blick dem Meeresgotte zu opfern. Umtobt von Sturm und Wogen, entwickelte er die größte Kühnheit und Kaltblütigkeit; ſeine außergewöhnlichen Dienſte in den Stunden der Gefahr trugen ihm die höchſte Achtung ſeiner Vorgeſetzten ein, und endlich ſah er ſich zu dem Range eines Unterſteuermannes erhoben. Mit Heimat und Vaterhaus hatte er jeden Ver⸗ kehr abgebrochen; nur einmal, als ſein Schiff mehrere Wochen in Hamburg lag, erfuhr er durch einen ehemaligen Schul⸗ kameraden, der im Begriff war, nach Amerika auszuwandern, daß ſeine Eltern geſtorben ſeien und daß ſeine einzige Schweſter den früheren Vikar des Vaters, der ſpäter deſſen Stelle bekam, geheiratet habe. Sie war alſo im Vaterhauſe geblieben.

Die nie ganz erlöſchende Liebe zur Heimat erwachte aber endlich in dem Seemanne mit ſolcher Gewalt, daß er ihr nicht zu widerſtehen vermochte. Der Oſtindienfahrer, auf dem Willibald Dienſte genommen, hatte abermals in Hamburg Anker geworfen und bedurfte einer größeren Reparatur. Dieſe Pauſe benutzte der Unterſteuermann, um ſeine Sehnſucht nach der heimatlichen Scholle zu ſtillen und dann wieder zurück⸗ zukehren auf das brauſende Meer, um auf's Neue den Kampf mit den entfeſſelten Elementen aufzunehmen.

Das waren die Bilder, die dem einſamen Wanderer vor Augen traten, während er durch Dunkelheit und Nebel dem Dörfchen zuſchritt. Einige matte, kaum erkennbare leuchteten ihm entgegen, er hatte ſein Ziel erreicht.

Das

2jehbor Lichter