Jahrgang 
2 (1879)
Seite
684
Einzelbild herunterladen

684 Concordia.

Nach einigen Jahren gab ich meinen Dienſt auf und kehrte hierher zurück, um von meinen Erſparniſſen ein kleines Geſchäft zu gründen. Von meinem Mann habe ich nie wieder etwas gehört; ich nahm als gewiß an, daß er mit ſeinem Raube nach Amerika gegangen ſei.

Da, im vorigen Jahre, erblickte ich hier auf der Straße einen Mann, den ich ſofort als meinen Mann erkannte. Vor⸗ ſichtig folgte ich ihm, und hatte bald ſeine Wohnung entdeckt, in welcher er alsLegationsrath Stüber figurirte.

Alle erduldete Mißhandlung, alle mir angethane Schmach trat mir beim Anblicke dieſes Menſchen wieder vor die Seele, ein brennendes Gefühl erfüllte mein Inneres, das der Rache. Ich wollte den Schändlichen vernichten, der mich ſo ſchmachvoll betrog, der, wie ich bald erfuhr, im Wohlleben ſchwelgte und die vornehmſten Kreiſe, die beſten Menſchen zu täuſchen wußte, um ſie ſeinen verbrecheriſchen Abſichten zu opfern.

Fortan ließ ich Thomas nicht aus den Augen; ich erfuhr, daß er mit der gräflichen Familie Gatterſee befreundet ſei und mit dieſer auf's Land gehen würde. Ich beſchloß, ihm zu folgen.

Welche Ueberwindung es mich gekoſtet hat, die klägliche Rolle durchzuführen, die ich mir ſelbſt zugetheilt hatte, vermag ich nicht zu ſchildern; aber ich glaubte meinen Zweck am ſicherſten zu erreichen, wenn ich ſo unbeachtet als möglich blieb, wenn man mich für halb blödſinnig hielt und mich nicht blos für unſchädlich, ſondern auch als bemitleidenswerth anſah.

So gelang es mir, hinter die geplanten Intriguen zu gelangen; noch bevor ich aber Gelegenheit fand, meine Rache an dem Elenden zu kühlen, erreichte ihn die Vergeltung er fing ſich in ſeinen eigenen Netzen.

Und dieſer Mann, Friedrich Thomas, der ehemalige Kammerdiener, der ſich widerrechtlich und unbefugt den Titel Legationsrath Stüber angemaßt, dort ſitzt er auf der An⸗ klagebank es iſt mein Gatte!

Erſchöpft ſchwieg die Frau und ſank in einen Seſſel.

Eine tiefe Bewegung ging durch die Verſammlung.

Unter den obwaltenden Verhältniſſen, nahm der Prä⸗ ſident das Wort,ſehe ich mich veranlaßt, die heutige Hauptver⸗ handlung aufzuheben und auf ſo lange zu vertagen, bis be⸗ züglich der ſoeben zu Protokoll gegebenen Ausſagen der Zeugin weitere Erörterungen ſtattgefunden haben. Man führe die Gefangenen in den Gewahrſam zurück.

Als am anderen Morgen der Gefangenwärter Stüber's Zelle betrat, fand er dieſen leblos am Fenſtergitter hängen; ein Streifen von der Leinwand ſeines Strohſackes, den er abgeriſſen und zuſammengedreht hatte, bildete die Schlinge, die ihn der irdiſchen Gerechtigkeit entzog.

Der Stößer und deſſen Mitſchuldige, der Igel und der rothe Barthel, erhielten langjährige Zuchthausſtrafe; die Frau des Stößers, welcher man nicht nachweiſen konnte, daß ſie Mitwiſſerin der von ihrem Manne verübten Falſchmünzerei ſei, wurde wegen Beihilfe zu widerrechtlicher Entziehung der perſönlichen Freiheit zu einigen Monaten Gefängniß ver⸗ urtheilt.

Wieder ertönen im Park zu Gatterſee die melodiſchen Weiſen der gefiederten Sänger des Frühlings, wieder duften Hollunder und Jasmin, und wieder ſitzt eine kleine Geſellſchaft auf der Schloßterraſſe und athmet in vollen Zügen die bal⸗ ſamiſche Luft des warmen Maiabends..

Es iſt die Gräfin, Graf Ernſt und Suſanne Gerhard, die Tochter des armen Bahnwärters, jetzige Gräfin Gatterſee. In den Laubgängen des Parkes wandelt noch ein Paar, deſſen gebleichte Haare zwar nicht mehr auf den jungen Lenz der erſten Liebe hindeuten, das aber nichtsdeſtoweniger wieder aufzuleben ſcheint in dem Glück der einzigen Tochter und in dem behaglichen Gefühl der ſorgenloſen Exiſtenz, welche die alten Leute ihrem Schwiegerſohne, dem Grafen, verdanken.

Du hätteſt wohl nie geglaubt, Mutter, daß ich Land⸗ wirth werden und die Verwaltung unſerer Güter ſelbſt über⸗ nehmen würde? ſagte Ernſt.

In der That hielt ich Dich für eine viel zu poetiſch an⸗ gelegte Natur, als daß Du Geſchmack an dem trockenen Zahlenwerk unſerer Rechnungsbücher finden ſollteſt, ent⸗ gegnete die Gräfin.

Dieſen praktiſchen Sinn hat erſt die liebenswürdige und zuverläſſige Gehilfin bei meinen Arbeiten in mir erweckt, meinte der junge Mann mit einem zärtlichen Blicke auf Suſanne.

Statt aller Antwort ſchlang dieſe ihre weißen Arme um den Nacken des Gatten und ein tiefer, inniger Blick der Dankbarkeit leuchtete in den Augen der ſchönen jungen Frau, ihr unendliches Glück widerſpiegelnd.

Eine dunkle That.

Kriminalgeſchichte von M. L. von Chemnitz.

Schwere graue Nebelmaſſen lagerten über der Landſchaft und umgaben alle Gegenſtände mit einem düſteren, undurch⸗ ſichtigen Schleier. Langgeſtreckte Schwaden, Erlkönigs Geiſter⸗ gewand, wogten auf und nieder und umhüllten die Geſtalt des einſamen Wanderers, der rüſtigen Fußes auf dem Wieſen⸗ pfade längs des Weidengebüſches dahinſchritt. Er mußte genau auf den ſchmalen Weg achten, denn der Nebel er⸗ laubte kaum, die Umgebung auf wenige Fuß Entfernung zu erkennen, und ein Fehltritt hätte ihn mit dem Gewäſſer des dicht an ſeiner Seite dahineilenden Baches in Berührung ge⸗ bracht, ein zwar ungefährliches, aber keineswegs angenehmes Vorkommniß.

(Nachdruck verboten.)

Der Mann war eine kräftig gebaute Figur von vielleicht vierzig Jahren. Ein brauner Vollbart, an beiden Seiten bereits vom Reife des Alters angehaucht, zierte das volle, geſundfarbige Geſicht und verlieh demſelben im Vereine mit den ſcharfblickenden grauen Augen den Ausdruck einer ge⸗ wiſſen Entſchloſſenheit und Energie. Seine Kleidung war einfach, aber nicht unmodern, über der Schulter trug er eine kleine Reiſetaſche, wie ſie Touriſten mit ſich zu führen pflegen, in der Hand einen ziemlich wuchtigen Stock von braunpolirtem Olivenholz mit der Zacke eines Hirſchgeweihes als Griff.

Der Wanderer machte einen Augenblick Halt und zog ſeine Taſchenuhr.

,